umfrage

Wagnis Heimat

Seit dem Zuzug von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion ist jüdisches Leben in Deutschland wieder aufgeblüht. Von einer 1980 knapp 35.000 Mitglieder zählenden, stark überalterten Gemeinschaft wuchs die jüdische Gemeinschaft auf etwa 210.000 Juden, von denen rund 120.000 unter dem Dach des Zentralrats der Juden in 23 Landesverbänden mit insgesamt 107 jüdischen Gemeinden organisiert sind. Mit der jungen Generation wird sich die Zukunft des Judentums in Deutschland entscheiden. Schon jetzt zeichnet sich eine erhebliche Pluralisierung der Lebensstile ab. Die Einstellungen der jungen Generation waren daher in den letzten Jahren Objekt zahlreicher empirischer Untersuchungen, heuristischer Studien und Momentaufnahmen.
In unserem Zusammenhang besteht ein besonderes Interesse an den Einstellungen zu Deutschland, der Bundeswehr und dem Verhältnis zur Staatsbürgerrolle allgemein. Gibt es kurzfristig die Chance, dass sich Juden (wieder) der deutschen Nation zugehörig fühlen und sogar den Dienst in der Bundeswehr oder den Ersatzdienst als selbstverständliche »Pflicht« gegenüber »ihrem« Staat verstehen?
Im Rahmen einer Fragebogenerhebung in den Jahren 2008 und 2009 wurden 103 jüdische Jugendliche der Berliner Jüdischen Oberschule und der jüdischen Gemeinden Bad Kreuznach, Duisburg‐Mülheim/Ruhr‐Oberhausen, Düsseldorf, Frankfurt/Main, Freiburg, Hannover, Hof, Mainz und Wiesbaden zu dieser Thematik befragt und zahlreiche Einzel‐ sowie Gruppengespräche, insbesondere in den Jugendzentren einiger Gemeinden, geführt.
73 Prozent der Befragten haben die deutsche Staatsangehörigkeit, knapp 45 Prozent kommen aus der ehemaligen Sowjetunion. Neben der Staatsangehörigkeit, der Dauer des Aufenthalts in Deutschland, der Religiosität des Elternhauses und der Herkunft wurde unter anderem auch die persönliche religiöse Grundorientierung abgefragt (…).
Die Einzel‐ und Hintergrundgespräche ergaben, wie zahlreiche Befunde zuvor, dass die Eigeneinschätzung als »säkular« hierbei mehrheitlich keine »Ungläubigkeit« im Sinne atheistischer oder agnostischer Anschauungen umfasst, sondern eine ausgeprägte Distanz zur jüdischen Observanz. Hierbei wird die Befolgung der jüdischen Ritualgebote mit Religiosität gleichgesetzt. Die Selbsteinschätzung als »orthodox« und »reformiert« stehen meist für reflektierte, sehr bewusst eingenommene religiöse Lebensstile. Dagegen geben die Selbstbezeichnungen »konservativ« und »neoorthodox« – obwohl auch hier eigenständige religionsphilosophische Ansätze dahinterstehen – meist nur Abstufungen der Observanz wieder. Da sich nur zwei Prozent der Jugendlichen als eher »liberal‐reformorientiert« bezeichneten, wurde die Studie um 23 Jugendliche eines in Schleswig‐Holstein stattfindenden Winterlagers liberaler Gemeinden erweitert. Nur so konnten verlässlichere Aussagen über die »staatsbürgerlichen« Orientierungen der vor dem Krieg aufgrund der Hervorhebung, Judentum sei nur eine Religion, als besonders »assimiliert« kritisierten Orientierung getroffen werden.

religiös? Die Befragungsergebnisse können nicht bestätigen, dass die Jugendlichen, die sich als Reformjuden einschätzen, zu einem Einstellungsmuster neigen, das die jüdische Identität als Volk verneint. Zwar verstehen knapp 30 Prozent der sich als »liberal« verstehenden Jugendlichen das Judentum nur als Religionszugehörigkeit, während die Zustimmung zu dieser Einschränkung in den »orthodoxen« Ausrichtungen unter 12 Prozent liegt. Für die deutliche Mehrheit der sich als »liberal« ver‐ stehenden Jugendlichen ist – wie für die überwältigende Mehrheit der jüdischen Jugendlichen insgesamt – eine auch von Reformtheologen kritisierte Beschränkung des Judentums auf eine »Religion« keine Option des Selbstbildnisses.
Das vor dem Krieg propagierte Bild des »Deutschen jüdischen Glaubens« hat nur noch für 27 Prozent aller Jugendlichen Identitätsbezug. Dagegen bevorzugen über 50 Prozent der Befragten mit deutscher Staatsbürgerschaft die Bezeichnung »deutscher Jude«. Allerdings ergaben die Hintergrundgespräche ein buntes Spektrum an Identitätsentwürfen, die sich einer starren Klassifizierung schlicht entziehen. Die Jugendlichen wollen nicht in »Schubladen eingeordnet« werden, die ihrem mehrdimensionalen Selbstbildnis kaum gerecht werden. Sie wehren sich gegen eine Reduzierung des Judentums auf eine bloße Religion.
Insoweit entsprechen ihre persönlichen, wandelbaren Identitätsentwürfe im besten
Sinne einem modernen Staatsbürgerverständnis, das sich einer »Homogenisierung« schlicht entzieht. Man will sich nicht in eine uniforme Volksdefinition hineinzwängen lassen.
Auffallend ist (vgl. unten stehende Grafik) die geringe Bereitschaft zum Wehrdienst und der Spitzenwert von 88 Prozent der »liberalen« Zustimmung, dass der Dienst in der Bundeswehr nach wie vor eher nicht als eine Selbstverständlichkeit angesehen werden kann.
Offensichtlich hat sich in der liberalen Bewegung das Verhältnis zum deutschen Militär im Vergleich zur Vorkriegszeit negativ verkehrt. Die kritischsten Einstellungen zur Bundeswehr sind von diesen, sich als »liberal« verstehenden Jugendlichen geäußert worden.
Für jüdische Jugendliche ist unabhängig von der religiösen Einstellung das Leben in Deutschland und noch mehr der Wehrdienst in der Bundeswehr insgesamt keine Normalität. Gleichwohl stellt das persönliche Leben im »Land der Täter« für 68 Prozent der Befragten eher keine persönliche Belastung dar, obwohl 35 Prozent immer wieder erleben, das sie sich vor Juden im Ausland für ihr Leben in Deutschland rechtfertigen müssen. (…) Das Bild, das jüdische Jugendliche von der Bundeswehr haben, wird nur zum Teil durch Kontakte oder Berichte von Freunden und Angehörigen geprägt. Nur knapp 42 Prozent kennen in ihrer Umgebung Juden, die in der Bundeswehr dienen oder gedient haben (…).
Nur 37 Prozent erwarten, dass ihre Familien den Wehrdienst bei der Bundeswehr billigen oder unterstützen würden. Hier besteht ein enger Zusammenhang zum familiären Hintergrund: Dort, wo die Familie unter der Schoa gelitten hat (55 Prozent), ist das vermutete Verständnis der Familie eher nicht gegeben. Diese Gruppe kann sich mehrheitlich auch nicht vorstellen, dass zukünftige eigene Kinder in der Bundeswehr Dienst leisten. Dementsprechend meinen 53 Prozent, dass der Wehrdienst in Deutschland für Juden aufgrund der Schoa unvereinbar ist. Allerdings geht die Hälfte davon aus, dass der jüdische Freundeskreis Verständnis äußern würde.
Das Bild von der Bundeswehr ist sehr ambivalent: Als Institution wird sie eher positiv bewertet, mit Benachteiligungen als Jude oder gegen die eigene Person gerichteten Antisemitismus rechnet knapp die Mehrheit der Befragten. Immerhin haben 17 Prozent der Befragten, darunter zwei sich als »neoorthodox« verstehende junge Frauen, vor, Dienst in der Bundeswehr zu leisten, oder können es sich unmittelbar vorstellen. Hierbei ist die Erwartung eindeutig, dass die Bundeswehr Anforderungen der jüdischen Religion berücksichtigt.
Aus der Befragung der 125 Jugendlichen lassen sich unter Berücksichtigung der parallel geführten Interviews vorsichtige, generalisierte Aussagen treffen: Insgesamt ist das Verhältnis deutscher junger Jüdinnen und Juden zum deutschen Militär und Staat als Institutionen weitgehend positiv bis neutral. Man trennt zwischen persönlichen, negativen Erfahrungen mit Antisemitismus (…) und dem offiziellen Staat sowie der gefühlsmäßigen Bindung an die »Heimat«, die Deutschland für die Mehrheit eindeutig darstellt. Die Schoa prägt aber nach wie vor bei der Mehrheit die geringe Bereitschaft zum Wehrdienst.
Nur knapp 20 Prozent der heutigen jüdischen Jugendlichen in Deutschland haben Vorfahren, die in der deutschen oder österreichischen Armee im Ersten Weltkrieg gekämpft haben. Deutsches Militär hat in der Familiengeschichte meist nur als verbrecherisches Instrument des NS‐Vernichtungskrieges eine Bedeutung. Von dieser Gewichtung der Perspektive löst sich die Jugend langsam, jedoch unter Rücksicht auf die Gefühle der Familie.

Gradmesser Schoa Auch über 60 Jahre nach dem Holocaust stellt sich das Verhältnis zwischen Juden und deutscher Armee als ein Indikator dafür dar, dass die Schoa nicht »Geschichte ist«, sondern im generationenübergreifenden Prozess der Weitergabe von Erinnerungen und Gedenken weiterwirkt. Zudem bestehen erhebliche Ängste vor einer persönlichen Benachteiligung in der Bundeswehr als Jüdin oder Jude, auch wenn der Einzelne der Bundeswehr als Organisation eher Vertrauen entgegenbringt.
Eine nicht unerhebliche Anzahl, mit knapp jedem fünften Jugendlichen aber eine eindeutige Minderheit, kann den Weg zur Bundeswehr finden. Hierbei ist das gesamte religiöse und säkulare Spektrum vertreten. Dabei scheint Einigkeit darüber zu herrschen, dass eine Wiederanknüpfung an einen weitgehenden Assimilationskurs nur für eine Minderheit eine Option darstellt.
Junge Jüdinnen und Juden verstehen sich in erster Linie als Angehörige eines jüdischen Volkes und einer deutschen Staatsnation. Man ist mehrheitlich gern deutscher Staatsbürger. Dies definiert in den Augen der Jugendlichen Normalität. Man nutzt die Freiräume der Staatsnation für individuelle Lebensentwürfe und entzieht sich ausdrücklich der Uniformierung, die in Wortkombinationen wie »deutscher Jude« oder »jüdischer Deutscher« zum Ausdruck kommen. »Deutsch‐Sein« und »Jüdisch‐Sein« bedeutet für die Jugendlichen nicht, sich in ein normiertes Raster einzupassen.

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