islamisches Recht

Vor dem Kadi

von Indra Kley

Das Büro ist modern eingerichtet: Ein Computer mit Flachbildschirm, schlichte Ledermöbel, ein Konferenztisch aus edlem dunklen Holz. An den Wänden hängen zahl‐ reiche Urkunden und Auszeichnungen aus Tel Aviv und Netanja, aus Washington und Deutschland. In den Regalen geben die vielen dicken arabischen Gesetzbücher mit den kunstvollen roten und grünen Einbänden einen Hinweis darauf, welchen Beruf ihr Besitzer haben könnte. Mit Recht muss es etwas zu tun haben, mit islamischem Recht. Es ist das Büro von Ahmad Natour, dem Obersten Kadi des Scharia‐Gerichts in Israel.
Kadi und Scharia – in westlichen Ohren klingt das nach Rückstand, geradezu archaisch. Doch Richter Ahmad Natour, ein freundlicher Mittfünfziger, der perfekt Englisch spricht und einen gut sitzenden Anzug trägt, hat – bis auf vielleicht die dunklen Haare – nichts mit dem klassischen Kadi‐Bild aus 1001 Nacht gemein. Und in den Urteilen, die er an seinem Gericht in West‐Jerusalem auf Basis der Scharia, der islamischen Gesetzgebung, fällt, sucht man vergebens nach drakonischen Strafen wie Peitschenhieben bei Ehebruch oder Handabhacken bei Diebstahl.
„Der Kompetenzbereich der Scharia‐Gerichte in Israel ist aufs Familienrecht begrenzt“, erklärt Gideon Libson, Professor für Muslimisches und Jüdisches Recht an der Hebräischen Universität in Jerusalem. „Sie verhandeln Angelegenheiten des Personenstands.“ Das heißt konkret: Will einer der rund 1,2 Millionen israelischen Muslime heiraten, sich scheiden oder Sorgerechts‐, Unterhalts‐ und Erbschaftsfälle klären lassen, geht er dafür buchstäblich vor den Kadi. Dass in zivilrechtlichen Angelegenheiten nach religiösen Gesetzen entschieden wird, gilt für alle Glaubensgemeinschaften im Land. So gibt es neben dem säkularen Gerichtssystem in Israel unter anderem Rabbinats‐ und christliche Gerichte sowie neun Scharia‐Gerichte.
Kadi Ahmad Natour hat 1994 den Vorsitz des Obersten Scharia‐Berufungsgerichts in Jerusalem übernommen. Der 53‐Jährige gilt als progressiv – und warmherzig. Seine Mitarbeiter schwärmen vom „Scheich“. Er sei so gebildet und so nett, sagt Natours Sekretärin. Überhaupt ist die Stimmung gut hier, im ersten Stock des modernen Geschäftshauses im West‐Jerusalemer Stadtteil Givat Scha’ul, in dem das Berufungsgericht und das regionale Scharia‐Gericht für Jerusalem residieren. Der kleine Verhandlungssaal, für den die drei großen israelischen Flaggen hinter den Richterplätzen fast ein wenig zu groß wirken, bleibt heute, kurz vorm Wochenende, leer. Umso lebendiger geht es auf dem Flur zu: Lautes Lachen, ein aufgeregtes Stimmenwirrwarr aus Arabisch und Hebräisch ist zu hören. Eine Kollegin hat sich verlobt. Zur Feier des Tages gibt es Halwa, das süße orientalische Gebäck. Kopftuch trägt sie keins – die meisten Kolleginnen im Scharia‐Gericht tun es nicht. „Ich trage den Hidschab hier drinnen nur, wenn es offiziell wird“, sagt Natours Sekretärin.
„Es gibt so viele Stereotype über die Scharia. Dabei haben wir in den letzten Jahren viele Reformen gemacht, sowohl im materiellen als auch im Verfahrensrecht“, sagt Kadi Natour. Zum Beispiel kann sich eine israelische Muslimin heute auch von ihrem Mann scheiden lassen, wenn dieser im Gefängnis ist. Früher musste die Ehe aufrechterhalten werden. Geändert hat Natour auch das Auswahlverfahren für die insgesamt zwölf Kadi‐Posten, die es in Israel gibt. Neben gestiegenen Anforderungen, was Ausbildung und Berufserfahrung betrifft, müssen die Bewerber nun am Scharia‐Gericht eine Prüfung ablegen. „Im Jahr 2007 haben von 45 Kandidaten nur drei den Test bestanden“, sagt Natour. Sämtliche Änderungen an der islamischen Rechtsordnung nimmt der Kadi allein mit seinen Richterkollegen vor. „Wir sind Muslime in einem nichtmuslimischen Staat“, sagt er, „also müssen wir unsere Gesetze ohne den jüdischen Staat reformieren.“
Nicht nur die Scharia ist in Israel auf dem Reformmarsch, auch die Kompetenzen von religiösen und säkularen Gerichten haben sich neu gemischt. „Seit ein paar Jahren gibt es einen generellen Trend, das persönliche in territoriales Recht zu wandeln“, sagt Professor Gideon Libson. „Die Absicht ist es, das gleiche Recht für alle Bürger des Staates Israel zu erreichen und Dinge wie Unterhaltszahlungen oder Sorgerecht einheitlich regeln zu lassen.“ Im Jahr 2001 wurde die Gesetzgebung geändert, sodass seitdem parallel zu den religiösen Gerichten bei Familienangelegenheiten – mit Ausnahme von Eheschließung und Scheidung – auch die Zivil‐ gerichte angerufen werden können.
Laut Kadi Natour bevorzugen die israelischen Muslime jedoch meist immer noch das Scharia‐Gericht. „Ein Verfahren bei uns ist einfacher, geht schneller als vorm Zivilgericht und ist viel, viel billiger. Zudem sprechen wir hier Arabisch und kennen die Gesellschaft, weil wir ebenfalls in ihr leben.“ Rund 12.000 Fälle wurden im vergangenen Jahr vor den neun Scharia‐Gerichten verhandelt, dazu kamen noch einmal genauso viele Eheschließungen. Fälle von Polygamie gebe es übrigens kaum in Israel: Zwar ist die Mehrehe nach islamischem Recht möglich, doch kollidiert die Scharia in diesem Fall mit dem israelischen Strafrecht, dem natürlich Vorrang eingeräumt wird. „Wenn ein Muslim eine Zweitfrau nimmt, stehen da fünf Jahre Gefängnis drauf“, so Jura‐Professor Libson.
Was trotz aller Reformen nach wie vor in Israel nicht existiert, ist die zivile Eheschließung zwischen zwei Menschen verschiedener Religion – zum Leidwesen vieler Betroffener. So auch der Sekretärin, die an diesem Tag so glücklich mit den Kollegen ihre Verlobung feiert: Weil sie Muslimin und ihr Zukünftiger Christ ist, werden die beiden in Bulgarien heiraten – und nicht in ihrem Scharia‐Gericht.

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