Schüler

Von innen und außen

von Andrea Hellmann

Musiker oder Lehrer oder Jude – eine Schublade ist schnell geöffnet. Ihr zu entkommen, ist ein langwieriger Akt. Fünf Schüler des katholischen Edith‐Stein‐Gymnasiums in Erfurt haben sich mit diesem Vorgang ein Jahr lang auseinandergesetzt. Am Ende stand zwar keine neue, aber eine wesentliche Erkenntnis, die man nicht oft genug wiederholen kann: Wir sind alle Menschen, aber jeder ist verschieden. Und so ziert die letzte Schautafel der Ausstellung „Juden in Deutschland – Selbst‐ und Fremdbilder“ statt des „Oders“ ein „Und“: Jude und Sänger und Fußballspieler.
Leonie Grünhage steht in der letzten Stuhlreihe der Rotunde im Erfurter Regierungsviertel und ruft Georg. Ganz vorn links zwischen den Gästen der Vernissage reckt ein junger Mann den Kopf. Georg, erzählt die 18‐Jährige, stammt aus Weimar. Sein Name bedeutet Landmann oder Bauer, und am meisten schätzt sie die Ruhe, die Georg ausstrahlt. Sie haben beide ihren Urlaub in Frankreich verbracht, bei beiden stehen zu Hause Möbel von Ikea und beide sind katholisch. Und doch sind sie nicht gleich. Geboren in Weimar, Leinefelde, Erfurt. Kreativ, offen, fröhlich. Künftiger Wirtschaftsstudent oder Querflötenspielerin. Jeder der fünf Abiturienten hat eine andere Geschichte zu erzählen, vieles ähnelt sich, nichts ist gleich.
Das Selbstbild der fünf ist damit definiert. Das Fremdbild der Juden zu zeichnen ist ungleich schwieriger, geben Leonie Grünhage, Georg Henkel, Johannes Kassel, Anne Mlejnek und Miriam Schmidt unumwunden zu. Am Ende haben sie dennoch ihr Bild der Juden im heutigen Deutschland gezeigt – vor allem mit Worten auf acht großen Schautafeln.
Dass sie soweit gekommen sind, verdanken sie drei jüdischen Referenten von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWSt). Diese hatten das Projekt gemeinsam mit der Thüringer Landesstelle für Gewaltprävention entwickelt. Darüber hinaus unterstützte das Institut für Lehrerfortbildung die Ausstellung.
„Wir kannten keine Juden, wir wussten nichts vom Judentum“, erinnert sich Anna Mlejnek an das erste Treffen. „Sie haben uns provoziert, mit Ängsten gespielt, uns mit jedem erdenklichen Vorurteil konfrontiert“, sagt die 18‐Jährige. Die Scheu, etwas Falsches zu sagen, sind sich alle drei Mädchen einig, war groß. Aber schnell zeigte sich, dies beruht auf Gegenseitigkeit.
Und auch das ist immer das Gleiche: Kaum Kontakt, doch wenn das Wort Jude fällt, ist der erste Gedanke: Holocaust. Eine Einschätzung, die Marina Chernivsky, Projektleiterin bei der ZWSt, kennt. Gemeinsam mit der Landesstelle für Gewaltprävention entwickeln die Mitarbeiter im Pilotprojekt „Perspektivwechsel“ neue pädagogische Ansätze, um Schüler für die Aktualität antisemitischer und fremdenfeindlicher Vorurteile zu sensibilisieren. „Die Fakten vermittelt der Schulunterricht und das soll er auch“, betont Marina Chernivsky. Das Projekt will für den Abbau von Ängsten und Vorurteilen, sorgen, die Bestimmung der eigenen Haltung erleichtern und das Verständnis von der eigenen Geschichte fördern.
Auch Wolfgang Nossen, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde in Thüringen, weiß um die Problematik. Etwa 800 Mitglieder hat die jüdische Gemeinde in Thüringen offiziell, 2.000 Juden, schätzt der 77‐Jährige, gebe es wohl insgesamt. „Und trotzdem kennt kaum jemand die Synagogen des Landes. Noch schlimmer steht es um das Wissen der vierten Generation“, beklagt er. Mit unzähligen Schulklassen hatte er Kontakt. Sein Fazit klingt vernichtend. Weder die Geschichte der Juden in Deutschland noch deren Gegenwart spielten im Bewusstsein junger Leute eine Rolle.
Die Frage, ob eine Ausstellung für die nötige Aufklärung sorgen kann, lässt Wolfgang Nossen nur den Kopf schütteln. Immerhin sei das Thema wieder einmal in der Öffentlichkeit vertreten. Dass dies so bleibt, dafür will der Leiter des Thüringer Instituts für Lehrerfortbildung, Bernd‐Uwe Althaus, sorgen. Er möchte, dass andere Jugendliche weitere Schautafeln mit neuen Inhalten versehen und die Ausstellung an Schulen ausgeliehen wird. Und wie notwendig eine solche Information ist, zeigen die antisemitischen Hetzrufe während des Fußballderbys zwischen Erfurt und Jena vom vorvergangenen Wochenende.

„Juden in Deutschland heute – Selbst‐ und Fremdbild“, Rotunde, Werner‐Seelenbinder‐Straße 5–8, geöffnete bis 17. September, montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr.

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