Gerald D. Feldman

Von Firmen und Menschen

von Sven Felix Kellerhoff

Geld bewegt die Welt. Das hat Gerald D. Feldman in vielen Studien immer wieder gezeigt: von seiner ersten großen Studie über die deutsche Wirtschaft während des Ersten Weltkriegs über die Untersuchung zur Vorgeschichte der Inflation in den Anfangsjahren der Weimarer Republik bis zu seinem letzten Opus Magnum, einer voluminösen Darstellung der häufig schmutzigen Geschäfte der Allianz und anderer Versicherungen während des Dritten Reiches.
Feldman, geboren 1937 in New York als Enkel russischer Juden, erlag nie den Kurzschlüssen weniger komplex denkender Historiker. Denn so sehr das Geld Geschichte mitbestimmt, so wenig bestimmt es sie allein. So hat sich Feldman immer auch für die Menschen hinter dem Geld interessiert – und dabei zahlreiche wichtige Aspekte zutage gefördert. Etwa über den gemeinhin als Profiteur des Ersten Weltkriegs wahrgenommenen Industriellen Hugo Stinnes. In seiner Biografie dieses Konzernschöpfers konnte Feldman zeigen, dass Stinnes noch 1914 eher an einer friedlichen Globalisierung als an einer gewaltsamen Expansion interessiert war. Allerdings belegt die mehr als 1.000-seitige Studie zugleich, wie Stinnes im Herbst 1914 die Profitmöglichkeiten eines »Siegfriedens« erkannte – und zum Verfechter maximaler Forderungen wurde.
1998, auf dem Höhepunkt der durch zahlreiche Sammelklagen in den USA vorangetriebenen Debatte um Nazi-Raubgold und die Entschädigung osteuropäischer Zwangsarbeiter, sagte Feldman bei einem Vortrag in Berlin: »Es ist schwer vorstellbar, dass der gegenwärtige Drang nach Gerechtigkeit für die Holocaustopfer ohne den von New York und Washington ausgehenden Druck entstanden wäre. Das heißt jedoch nicht, dass Historiker in stiller Dankbarkeit für das somit geschaffene Arbeitsbeschaffungsprogramm einfach müßig dastehen sollen.« Je mehr er seiner Arbeit nachgehe, fuhr Feldman fort, desto mehr komme er zu dem Schluss, dass Historiker dem öffentlichen Diskurs nicht ausweichen könnten, sondern vielmehr den Vorwurf riskieren müssten, sich entweder gegenüber belasteten Unternehmen oder gegenüber den Klägern zu zuvorkommend zu verhalten. Er selbst ging mit gutem Beispiel voran.
Damit verhalf Feldman einer neuen Disziplin der Geschichtswissenschaft zum Durchbruch: der kritischen Unternehmensgeschichte. »Bis vor kurzem haben Historiker, die sich für Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte interessieren, eine kleine und eher isolierte Gruppe innerhalb des Fachs gebildet«, sagte er 1998. Inzwischen sei die Situation genau umgekehrt: »Eine Firma nach der anderen öffnet den Historikern ihre Archive und stellt ihnen gleichzeitig sogar beachtliche Mittel und Hilfen zur Verfügung, um die Rolle und das Verhalten des zu untersuchenden Unternehmens in der NS-Zeit in allen Einzelheiten ans Licht zu bringen.« Lange Zeit hatten deutsche Manager wenig Interesse an wirklich unabhängigen Forschungen über die Vergangenheit ihrer Firmen. Das änderte sich in den 90er-Jahren, vor allem durch öffentlichen Druck in den USA. Nun begann eine Reihe von Firmen, ihre Vergangenheit aufarbeiten zu lassen. Das Renommee Feldmans, der Studien über die Deutsche Bank und die Allianz betrieben hat und an vielen anderen als Ratgeber beteiligt war, zuletzt jener über die Rolle österreichischer Banken im Zweiten Weltkrieg, schützte diesen Ansatz davor, als »Hausgeschichtsschreibung« abgewertet zu werden. Denn der jahrzehntelang als Professor in Berkeley tätige Forscher hatte es nie nötig, irgendwelchen Konzernen nach der Pfeife zu tanzen.
An der Universität von Kalifornien leitete Feldman von 1994 bis 2006 das »Center for German and European Studies«. Die Liste seiner Publikationen sowie die Aufzählung seiner Fellowships und Ehrungen sind geradezu erschütternd lang. Persönlich war der stets freundliche Historiker, der häufig in Deutschland zu Gast war, Vorträge hielt und auf Tagungen diskutierte, eine ungeheure Bereicherung für die Zeitgeschichtsforschung – nicht zuletzt, weil er sein Fach bei aller Ernsthaftigkeit »erden« konnte. Am 31. Oktober ist Gerald D. Feldman nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 70 Jahren gestorben.

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28 Prozent

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