Arbeitsleben

Von der Leichtigkeit des Seins

von Rabbiner Berel Wein

Der Feiertag Schawuot hat vor gut fünf Wochen den Beginn des Sommers markiert. Diejenigen, die das Glück haben, in Jerusalem zu leben, dürfen sich seitdem auf heiße Tage und angenehme Nächte mit wenig Luftfeuchtigkeit freuen. In Jerusalem herrscht Halbwüstenklima, und Mediziner haben immer wieder darauf hingewiesen, wie gesund dieses Klima ist. Aber Sommer heißt mehr als Wetter und Klima, so wichtig diese Faktoren sein mögen.
Sommer ist auch eine Stimmung, das Gefühl, dass unser schwindelerregendes Lebenstempo nachlässt, eine Chance, un‐
sere emotionalen und physischen Batterien aufzuladen. Das berühmte amerikanische Lied von George und Ira Gershwin fasst es kurz und bündig: »Summertime, and the living is easy (Sommer, und es lebt sich leicht)«.
Nun, hier in Israel lebt es sich kaum jemals leicht. Aber auch hier tragen die langen Sonnentage – es regnet so gut wie nie in der Sommerzeit – und die Tatsache, dass sich das Lebens‐, Schul‐ und selbst das Geschäftstempo verlangsamt, zum Stimmungsumschwung bei.
Die Kinder haben den größten Teil des Sommers Ferien, und ihre Stimmen, ihr Gelächter und ihre Begeisterung erfüllen die Luft. Vor einigen Jahren brüstete sich ein führender charedischer Pädagoge mir gegenüber mit der Tatsache, dass es außer ein paar Tagen im Aw, vor und nach Tischa Be’aw, an seiner Schule keine Ferien gebe. In aller Freundlichkeit erinnerte ich ihn an eine Responsa von Rabbi Yitzchok von Dampiere, der ein Großneffe Raschis und einer der Hauptherausgeber der Tossafot zum Talmud war.
Ein Fall wurde vor Rabbi Yitzchok ge‐
bracht, bei dem ein Lehrer von seinem Ar‐
beitgeber entlassen worden war, weil er dem Kind einen Tag freigegeben hatte. Der Lehrer, der seine Stellung wiederhaben wollte, rief Rabbi Yitzchok um eine Entscheidung an.
Rabbi Yitzchok fällte ein Urteil zugunsten des Lehrers, mit der Begründung, es sei sowohl für den Lehrer als auch für den Schüler segensreich, ihre Studien für einige Zeit zu unterbrechen. Jener Erzieher war beeindruckt von meinem Wissen; doch soweit ich weiß, wurden die Ideen des Rabbis mitnichten in den Kalender seiner Schule aufgenommen.
Der jüdische Sommer wird in drei klar unterscheidbare Zeitspannen eingeteilt. Der erste Teil, in dem wir uns gerade befinden, erstreckt sich von Schawuot bis zum 17. Tag von Tamus. Das ist normalerweise die angenehmste Zeit des Sommers, was das Wetter und was die Stimmung betrifft. Noch liegt ein Gefühl von Vorfreude und Verheißung in der Luft. Man hat Pläne für den Sommer geschmiedet, man darf sich entspannen und das Leben und seine Segnungen trotz aller Probleme und Enttäuschungen genießen.
Es ist die Zeit für Hochzeiten, Familienbesuche und Ferienreisen. Dieser erste, genussreiche Teil des Sommers geht mit dem Beginn des 17. Tamus und der Trauer über die Zerstörung des Tempels und das jüdische Exil beinahe abrupt zu Ende.
In der aschkenasischen Welt gibt es bis Tischa Be’Aw keine Hochzeiten. Ebenso werden freudvolle Veranstaltungen und Reisen auf ein Minimum reduziert. Die Sefardim beginnen ihre Zeit der Trauer an Rosch Chodesch Aw oder in der Woche, in die Tischa Be’Aw fällt. Auf jedem Fall ist der zweite Abschnitt des Sommers für Ju‐
den der Tiefpunkt dieser Jahreszeit, beladen mit Erinnerung, Angst und einer tiefen Trauer.
In dieser Zeit haben wir Gelegenheit, den Wert dessen, was wir tatsächlich besitzen, zu ermessen und den Fortschritt schätzen zu lernen, den wir und die Zivilisation in den 1938 Jahren, die seit der Zerstörung des Tempels durch die Römer vergangen sind, gemacht haben. Aber sie macht uns auch schmerzlich bewusst, wie groß die Entfernung noch ist, die wir auf dem Weg zu einer Wiedergutmachung dieses Verlusts noch zurücklegen müssen.
Der letzte Abschnitt des Sommers von Tischa Be’aw bis zu Rosch Haschana ist be
reits wieder eine sehr geschäftige Zeit. Elul markiert den Anfang der Hohen Feiertage, die Schule beginnt und das Lebenstempo beschleunigt sich in Erwartung der hohen und heiligen Tage, die unmittelbar vor uns liegen. Das Ende des Sommers bringt eine Trauer mit sich, die mit der entfliehenden Zeit zu tun hat und mit der gespannten Er‐
wartung des neuen Jahres und seiner möglichen Segnungen und Errungenschaften. Das Wissen, dass die Hohen Feiertage bevorstehen, ist ein echter Trost für das traurig stimmende Scheiden des Sommers mit seiner Wärme, seiner Schönheit und lockeren Stimmung.
Der jüdische Jahreskalender ist wahrhaftig ein Werk des göttlichen Genies. Er ist so eingerichtet, dass die Menschen dem Reichtum, der Annehmlichkeit, der erwartungsvollen Freude und dem Sinn des Sommers das meiste abgewinnen können. Meiner Meinung nach verwirklicht der Kalender dieses Ziel auf sehr effiziente und kluge Art und Weise. Er ist ein weiteres Beispiel dafür, wie die Tora das Buch ist, die Menschen zu leiten und zu unterstützen.
Ich wünsche Ihnen allen eine angenehme und glückliche Sommerzeit.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von www.rabbiwein.com

Grossbritannien

Der Mops, die rechte Pfote und der Hitlergruß

Jüdischer Verband kritisiert BBC: Sender zeigt Film über verurteilten Schotten und dessen umstrittenen Hund Buddha

 05.08.2019

Pferdesport

Israelin Dani G. Waldman siegt vor Ludger Beerbaum

Bei der dritten Auflage des Fünf‐Sterne‐Reitturniers in Berlin gewinnt die für Israel startende Amerikanerin 

 27.07.2019

Milton Glaser

Er liebt New York

Der US‐Designer feierte seinen 90. Geburtstag

von Christina Horsten  26.06.2019