Rechtsstreit

Vom Verfall bedroht

von Christian Höller

Die jüdischen Gemeinden in Österreich sind mit ihrer Geduld am Ende. Sie bereiten eine Klage gegen die Republik vor. Laut Ariel Muzicant, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), ist Österreich bis heute nicht der Verpflichtung nachgekommen, die im Holocaust zerstörten Friedhöfe zu sanieren und zu erhalten. »Wir haben daher unsere Anwälte mit der Angelegenheit beauftragt«, so Muzicant. Die österreichische Regierung hatte sich 2001 im Washingtoner Abkommen mit den jüdischen Gemeinden auf eine Entschädigung für die Verluste aus der NS-Zeit geeinigt. Die IKG zog im Gegenzug ihre in den USA eingebrachten Sammelklagen zurück. In der damaligen Vereinbarung sagte der österreichische Staat zu, für die Erhaltung der jüdi- schen Friedhöfe zu sorgen. »Österreich versucht, sich aus der Verantwortung zu stehlen, indem hier mal ein bisschen gemalt und dort ein bisschen gemäht wird. Wenn nicht bald etwas geschieht, ist es zu spät«, kritisiert Muzicant. Seit Jahren streiten sich Bund, Länder und Gemeinden über die Aufteilung der Kosten. Muzicant spricht von einem »handfesten Skandal«. Denn nach dem Holocaust habe die Wiener Regierung ein Kriegsgräber-Pflegegesetz beschlossen. Danach werden die Gräber von SS- und Wehrmachtssoldaten gepflegt. »Die Gräber der Juden, deren Angehörige man vertrieben und ermordet hat, lässt man dagegen verfallen«, empört sich Muzicant. In der Zeit zwischen dem »Anschluss« Österreichs an Hitler-Deutschland 1938 und dem Kriegsende 1945 wurden mindestens 60.000 Juden von den Nazis ermordet. Weitere 100.000 flohen vor der Verfolgung.
»Wir können alleine nicht für den Erhalt der Friedhöfe aufkommen«, klagt Raimund Fastenbauer, Generalsekretär der IKG. In Deutschland ist die Betreuung der Grabstätten seit 1958 gesetzlich geregelt. In Österreich fordert die Regierung in Wien, dass sich die Bundesländer und die Gemeinden an den Kosten beteiligen. Doch diese wollen davon nichts wissen. Bislang wurden die jüdischen Gemeinden nur von den Grünen, allen voran von der Vizepräsidentin des österreichischen Parlaments, Eva Glawischnik, unterstützt. Die übrigen Parteien schweigen das Thema im derzeit laufenden Wahlkampf tot. Ende September stehen in Österreich vorgezogene Parlamentswahlen an. Und die jüdische Gemeinde gilt als zu klein, um sich politisch ausreichend Gehör zu verschaffen. Von den 65 jüdischen Friedhöfen mit 350.000 Gräbern befindet sich ein Drittel in einem sehr schlechten Zustand. »In jenen Regionen, wo die Menschen das entsprechende Bewusstsein hatten für den kulturellen Hintergrund und wo es Bürgerinitativen gab, hat die Erhaltung funktioniert. Sonst nicht«, sagt Fastenbauer. »In Salzburg läuft es beispielsweise relativ gut, im Burgenland eher nicht. Bei christlichen Friedhöfen kümmern sich die Angehörigen. Nach der jüdischen Religion müssen die Gräber für die Ewigkeit bestehen. Doch die Judenverfolgungen haben dazu geführt, dass heute in Österreich kaum noch jemand da ist, um sie zu pflegen«, bedauert der IKG-Generalsekretär. Dabei grenzt es an ein Wunder, dass viele Grabstätten noch existieren. Die Nazis wollten etwa das Gelände des Währinger Friedhofs in Wien verkaufen. Ein mutiger Beamter konnte dies verhindern, indem er die Gegend zum Vogelschutzgebiet erklärte. Dennoch errichtete die Stadt Wien später auf einem Teil des Friedhofs einen Wohnblock. Der Rest verfiel. Erst als sich im Vorjahr Diplomaten der US-Botschaft für die Erhaltung des Währinger Friedhofs einsetzten, schickte die Stadt Wien ein paar Gärtner (vgl. JA vom 26. Juli 2007).
Die Wiener Regierung weist die angekündigte Klage der jüdischen Gemeinde mit formalen Gründen ab. Laut einem Sprecher des Außenministeriums handelt es sich beim Washingtoner Abkommen um eine völkerrechtliche Vereinbarung, die eigentlich nur von den USA eingeklagt werden kann. Gemeindemitglieder befürchten einen langen Rechtsstreit.

Forschung

Ukraine öffnet Archiv über KZ-Häftlinge

Mitten im Krieg mit Russland öffnet die Ukraine historische Geheimarchive. Für Forschende über die NS-Zeit und die Sowjetische Besatzungszone soll der Zugang erleichtert werden

 11.03.2026

Jerusalem

Wadephul: Iranische Waffen gefährden »nicht nur Israel, sondern auch uns in Europa«

Bei seinem Besuch bei seinem Amtskollegen Gideon Sa’ar sei es auch um diese Frage gegangen: Wie kann dieser Konflikt irgendwann beendet werden, wenn man dem Iran die entscheidenden Waffen aus der Hand geschlagen hat?»

 11.03.2026

Reisen

Lufthansa setzt weiterhin viele Nahost-Flüge aus

Flüge nach Tel Aviv, Teheran und in andere Städte bleiben ausgesetzt. Lufthansa reagiert weiter auf die Lage im Nahen Osten – Charterflüge für Rückholaktionen laufen jedoch weiter.

 09.03.2026

Südlibanon

Zwei israelische Soldaten bei Hisbollah-Angriff getötet

Nach einer vorläufigen Untersuchung der israelischen Armee begann der Vorfall, als ein Panzer während eines Einsatzes stecken blieb

 08.03.2026

Washington

USA intervenieren gegen mögliche Russland-Hilfe für den Iran

Sondergesandter Steve Witkoff kritisiert Moskau dafür, dass es Teheran im Krieg zu unterstützen scheint

 08.03.2026

Iraner in Deutschland

»Einfach leben«

Der Exil-Iraner und Musikmanager Babak Shafian war bisher skeptisch, wenn es um den möglichen Fall des Mullah-Regimes ging. Diesmal ist er hoffnungsvoll. Der Grund dafür ist Israel

 04.03.2026

Demonstrierende schwenkten am Montag israelische und iranische Flaggen vor der israelischen Botschaft in Berlin und riefen „Danke, IDF!“.

Berlin

Zeichen gegen Teheran

Exil-Iraner demonstrierten vor Israels Botschaft in Berlin und drücken ihre Hoffnung auf einen Neuanfang aus

 03.03.2026

Botschafter Ron Prosor: Das Regime in Teheran steht mit dem Rücken zur Wand

Interview

»Ich bin für die klare Haltung Deutschlands dankbar«

Israels Botschafter Ron Prosor zu deutschen Reaktionen nach den Angriffen auf den Iran, zur Sicherheitslage israelischer und jüdischer Einrichtungen sowie zu einer Nachricht zu Purim

von Detlef David Kauschke  02.03.2026

Nahost

Iran greift erstmals europäisches Ziel an: Drohne trifft britischen Stützpunkt auf Zypern

Nach Ausrufung einer Sicherheitswarnung erschütterten Explosionen die Basis. Kampfjets der Royal Air Force hoben nach Angaben von Flugbeobachtern ab, um den Luftraum zu sichern

 02.03.2026