Gastbeitrag

Vom Schweigen zum Handeln

»Die Einsamkeit schreit jetzt noch lauter.«

Der Satz Davids lässt aufhorchen. Angesprochen hatte ich den jungen Studenten auf die zahlreichen Aktivitäten zu »1700 Jahren jüdisches Leben in Deutschland«. Auch das Bayerische Bündnis für Toleranz hatte sich am Jubiläumsjahr 2021 mit vielfältigen Aktionen beteiligt.

David stellte das breite gesellschaftliche Engagement zu diesem Ereignis nicht infrage. Er griff aber zugleich das dröhnende Schweigen weiter Teile der Bevölkerung nach dem 7. Oktober 2023 auf:

Das Schweigen zum terroristischen Überfall der Hamas auf Israel und zum Schicksal der jüdischen Geiseln.

Das Schweigen zum explosionsartigen Anstieg antisemitischer Übergriffe auch auf deutschen Straßen und Plätzen.

David hat Recht: Nach den Jubelfeiern und Sonntagsreden ist die Stille hörbar. Und sie macht die wieder einmal alleingelassene jüdische Community noch einsamer als zuvor.

Das Bayerische Bündnis für Toleranz schweigt nicht.

Schon gar nicht zu einem Antisemitismus, der sich in unserer Gesellschaft wieder aus der Deckung wagt. Dieses Engagement gehört von Anfang an untrennbar zum Bündnis dazu.

Es war ein neonazistischer Anschlagsversuch auf die Grundsteinlegung des jüdischen Gemeindezentrums in München 2003, in dessen Folge das Bündnis ins Leben gerufen wurde. Maßgeblich befördert von der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, dem bayerischen Innenministerium, dem Deutschen Gewerkschaftsbund und den großen Kirchen.

Heterogenes Bündnis

Heute, 20 Jahre nach seiner Gründung, gilt das Bündnis mit über 100 Mitgliedsorganisationen als größtes Netzwerk aus staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren sowie Vertretern der Glaubensgemeinschaften gegen Rechtsextremismus, Rassismus und eben ausdrücklich auch Antisemitismus in Bayern.

Der Einsatz gegen Antisemitismus ist nicht allein historisch motiviert. Er zählt zu den zentralen Klammern, die das heterogene Bündniszusammenhalten. Natürlich eint die Mitglieder vom Arbeiter-Samariter-Bund bis zur Weiße Rose Stiftung das grundsätzliche Bekenntnis zur Demokratie und zum Schutz der Menschenwürde.

Was aber heißt das, wenn es darum geht, vom Reden ins Handeln zu kommen?

Lichtermeere der Demokratie gegen Fackelmärsche von Neonazis zu organisieren, ist unstrittig. Eine Videokampagne gegen Hass und Hetze im Netz auch, die unter dem Hashtag #zuwertvollfuerhass aktuell größte Zustimmung erhält.

Vom Reden zum Handeln

Was aber ist mit Demonstrationen, die sich nicht wirklich nur gegen Rechtsextremismus stellen, sondern sich absichtsvoll gegen »Rechts« wenden und Parteien der Mitte mit Radikalen in einen Topf werfen? An einem solchen Punkt melden unterschiedliche Mitglieder des Bündnisses immer wieder Diskussionsbedarf an. Zu Recht.

Beim Einsatz gegen Antisemitismus sieht das bislang anders aus. Unter den Mitgliedern herrscht Konsens: Bei Antisemitismus handelt es sich keineswegs um ein Problem ausschließlich der Jüdinnen und Juden. Vielmehr haben wir es mit einem Angriff auf das Zentrum unserer freiheitlichen Demokratie insgesamt zu tun, dem wir entschieden entgegentreten müssen.

Das Bündnis hat jüdisches Leben im Rahmen des »1700 Jahre-Jubiläums« als selbstverständlichen Teil unserer Gesellschaft gefeiert. Und weiterhin steht es in Wort und Tat gegen jegliche Form des Antisemitismus. Unsere knapp 100 Mitglieder wollen diese lärmende Stille, die Jüdinnen und Juden seit dem 7. Oktober 2023 einsam macht, nicht dulden. Das Bündnis steht gemeinsam mit den israelitischen Kultusgemeinden in Bayern sowie allen anderen Mitgliedern für den Schutz von Demokratie und Menschenwürde – gerade im Kampf gegen den wiederaufflammenden Antisemitismus heute.

Der Autor ist seit 2023 Geschäftsführer des »Bayerischen Bündnisses für Toleranz – Demokratie und Menschenwürde schützen«.

Ein strategischer Bomber der US Air Force vom Typ B-1B Lancer auf dem Stützüpunkt Fairford in England (Archivbild)

Washington

Nach Anschlagsdrohung: B1-Bomber in die USA zurückverlegt

Das US-Militär hatte einige seiner Bomber wegen des Iran-Krieges nach Großbritannien verlegt. Nun wurden diese nach einem Vorfall am Stützpunkt wieder in die USA zurückbeordert. Die Frage ist: Warum?

 05.10.2026

Studie

»Neue antisemitische Normalität«: 7. Oktober für Juden in Deutschland biografische Zäsur

Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt, wie der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland verändert hat. Die Befragten berichten von einer »neuen antisemitischen Normalität«, wachsendem Misstrauen und Ausgrenzung

 05.10.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

Berlin

Parteien-Treffen zu Antisemitismus mit »konstruktivem« Austausch

Linke, Grüne und SPD ringen in Berlin um eine gemeinsame Haltung zu Judenhass und organisierter Kriminalität. Was beim ersten Treffen dazu herauskam

 01.10.2026

UN-Kongress

Experten diskutieren strafrechtliche Verfolgung sexueller Gewalt in Konflikten

Bei einer Veranstaltung im Rahmen des UN-Kongresses zur Verbrechensverhütung in Abu Dhabi diskutierten jüdische Organisationen über Strafverfolgung, digitale Beweismittel und den Schutz von Betroffenen

 01.10.2026

Extremistische Siedler in dem palästinensischen Dorf Dschalud (Archivbild vom 25.8.26)

Westjordanland

Neue Gewalt radikaler Siedler

Mehr als 100 Extremisten waren an den Ausschreitungen im Bereich der Ortschaft Dschalud südlich von Nablus beteiligt. Regierungsmitglieder verurteilen die Angriffe, die Opposition kritisiert sie als Folge »einer gefährlichen Politik«

 29.09.2026