Tagung

Voller Hoffnung

von Annette Kanis

Das sorgte für Wirbel. Paulette Weber, die Leiterin des Sozialreferats der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWSt), sagte in der Podiumsdiskussion, daß sich Probleme zwischen alteingesessenen Gemeindemitgliedern und Zuwanderern nicht daraus ergäben, daß man in religiösen Fragen unterschiedlicher Auffas‐ sung sei, sondern die Probleme entstünden vielmehr aus der unterschiedlichen Wahrnehmung der jüdischen Identität.
Vehement entgegnete ihr darauf Alla Volodarska, Sozialberaterin der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover, die selbst vor 15 Jahren nach Deutschland eingewandert war: „Wir verstehen uns nicht als Russen, ihr Alteingesessenen habt uns dazu gemacht“. Viele alteingesessene Juden sähen die Zuwanderer als Gefahr und nicht als Bereicherung an. Dagegen jedoch wehrte sich massiv der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Osnabrück, Michael Grünberg. Er bezeichnete den Vorwurf als „große Unverschämtheit“.
Die Fachtagung „15 Jahre jüdische Zuwanderung – Analysen und Perspektiven“, die sich vorher in Analysen und Rückblicken zu erschöpfen schien, wurde in der anschließenden Diskussion geradezu lebendig und emotional. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte zu Vorträgen rund um das Thema Zuwanderung in die Synagogen‐Gemeinde Köln eingeladen. Gekommen waren etwa vierzig Teilnehmer – Vertreter aus Gemeinden und Landesverbänden, Ministerien und anderen nichtjüdischen Institutionen, Mitarbeiter der Zentralwohlfahrtsstelle und des Zentralrats.
Was in der Podiumsdiskussion zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Teilnehmern führte, spiegeln auch die ersten Ergebnisse der Studie Im gelobten Land? wider, die der Zentralrat in Auftrag gegeben hatte. Die Studie ist eine Bestandsaufnahme über den Prozeß der Eingliederung jüdischer Zuwanderer in die jüdischen Gemeinden. Die Migrationsforscher Doron Kiesel und Karen Körber von der Fachhochschule Erfurt stellten einige Problemfelder aus der Studie vor.
Es begänne schon mit dem Begriff „Jude“, sagten Kiesel und Körber. Die halachische Definition, wonach nur die Abstammung von einer jüdischen Mutter ent‐ scheidend ist, werde von vielen Zuwanderern als ungerecht und nicht nachvollziehbar empfunden. In ihren Herkunftsländern seien sie ihr Leben lang als Juden wahrgenommen worden, hier sei das Judentum jedoch an religiöse Identität gebunden. Die Gemeinden erwarteten von den Zuwanderern diese Suche nach religiöser Identität, so Körber. Bei den meisten Neumitgliedern sei dies jedoch kein entscheidendes Motiv der Zuwanderung gewesen.
Die alteingesessenen Gemeindemitglieder hatten vermutet, die Zuwanderer seien vor Antisemitismus geflüchtet, doch diese Annahme habe sich nicht bestätigt. Vielmehr habe es unterschiedliche Motive für die Ausreise gegeben. Daraus seien erste Mißverständnisse entstanden. Gespräche mit zahlreichen Gemeindemitgliedern hätten gezeigt, daß alteingesessene Gemeindemitglieder die Zuwanderer mit einer Geste der Fürsorge empfangen wollten. Doch die Ankömmlinge hatten die Vorstellung, daß Deutschland sie eingeladen habe und daß sie Rechte hätten. Sie wollten nicht wie arme Flüchtlinge behandelt werden. „Ihr Selbstverständnis ist kein defizitäres, sie haben ein selbstbewußtes und pragmatisches Verhältnis zum Aufnahmeland“, faßte Karen Körber den Verständnishintergrund vieler Zuwanderer zusammen.
Entscheidend sei auch die unterschiedliche Perspektive von alteingesessenen und zugewanderten Gemeindemitgliedern auf ihre Vergangenheit. So haben Gedenktage bei den beiden Gruppen ganz unterschiedliche Bedeutung. Für alteingesessene Juden hätten immer die Holocaust‐Gedenktage im Vordergrund gestanden. Der 8. Mai wurde als Ende des Naziregimes begangen. Inzwischen werde in vielen Gemeinden am 9. Mai der Tag des Sieges gefeiert: Für die Zuwanderer sei das Gedenken an das Ende des Großen Vaterländischen Krieges der zentrale Feiertag im Jahr. Ausdruck finde hier ein unterschiedliches Selbstverständnis als Opfer beziehungsweise als Sieger, das in den Gemeinden zu weiteren Konflikten führe.
Neben dem Blick auf Vergangenheit und Gegenwart bestimmte die ab Juli geltende Neuregelung der Zuwanderung die Kölner Tagung. Danach müssen Bedingungen erfüllt sein: erste deutsche Sprachkenntnisse, berufliche Qualifikation sowie das Engagement in jüdischen Gemeinden. „Wir wollen Juden nach Deutschland holen, die sich in die jüdische Gemeinschaft einbringen wollen“, sagte Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats. Man könne nicht weiterhin den nahezu selbstmörderischen Kurs verfolgen: „Jeder soll kommen, wir werden es schon schaffen.“ Damit überfordere man die Gemeinden langfristig. Durch die geplanten Einschränkungen würde sich die Anzahl der Zuwanderungen von bislang bis zu 15.000 pro Jahr wahrscheinlich auf 5.000 bis 7.000 reduzieren.
Für die Bestätigung der Aufnahme in eine jüdische Gemeinde in Deutschland ist die Zentralwohlfahrtsstelle zuständig. Das Engagement in der jüdischen Gemeinschaft muß bei Antragsstellung durch Belege wie zum Beispiel das Mitwirken in einer jüdischen Gemeinde im Herkunftsland oder eine Makkabi‐Mitgliedschaft bezeugt werden. Die ZWSt wird diese Belege bewerten und bei Zustimmung eine jüdische Gemeinde empfehlen, der der Antragsteller in Deutschland zugewiesen werden könnte.
Dieser Aufnahmenachweis könnte nach Aussage Kramers gleichzeitig als konkrete Empfehlung für die örtliche Zuweisung gelten. Um Fehler der Vergangenheit zu vermeiden, wo Zuwanderer in Gegenden ohne jegliche jüdische Infrastruktur angesiedelt wurden, hofft Stephan J. Kramer zukünftig auf eine intelligente Verteilung, die die Möglichkeiten der jüdischen Gemeinden mehr berücksichtige.
Der Vertreter des zuständigen Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, Michael Griesbeck, stellte klar, daß am sogenannten Königssteiner Schlüssel, der die gleichmäßige Verteilung an alle Bundesländer regele, festgehalten werden müsse. Doch werde man in Zukunft verstärkt berücksichtigen, an welchem Ort der Zuwanderer sich gut integrieren kann. Hier zähle neben den beruflichen Chancen auch die Gemeindezugehörigkeit.
Die nächsten Monate werden zeigen, welche Schwierigkeiten sich bei der Neuregelung herauskristallisieren. „Wir wissen alle noch nicht, wie es tatsächlich in der Realität laufen wird“, sagte Kramer zusammenfassend. Für einen ersten Erfahrungsaustausch ist im Herbst ein Treffen mit den Beauftragten der Länder und Ministerien sowie den jüdischen Institutionen geplant.

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