WIZO Hamburg

Völlerei als Mizwa

von André Paul

Wenn eine karitative Organisation einlädt, für den guten Zweck zu schlemmen und zu schmausen, dann dürfte ein kräftiger Appetit für den Erfolg der Veranstaltung nicht unwesentlich sein. Doch als die Hamburger Gruppe der Women’s International Zionist Organisation (WIZO) anlässlich ihres 60‐jährigen Bestehens am Sonntag zum Geburtstags‐Lunch bat, zeigte sich das Hamburger Wetter nicht gerade von seiner den Hunger fördernden Seite: schwülwarm und mit einer drückenden Stimmung in der Luft, die an der Seele knabbert.
„Da sind wir eben gefordert“, meint Mit‐Organisatorin Gabi Geballe trotz gerötetem Gesicht und dicker Schweißperlen auf der Stirn fröhlich‐unverzagt und steigt hinab ins Reich der 1001 Gewürze – in die Küche im Erdgeschoss des Gemeindezentrums an der Hohen Weide im Stadtteil Eppendorf. Die Zahl ist übrigens nicht übertrieben: Kennt doch allein die persische Kochkunst, die familiär bedingt von einem Großteil der Frauen in Hamburgs Gemeinde praktiziert wird, unzählige Kräutlein und Pülverchen zum Verfeinern der Speisen. Doch an diesem Tag treten die Gaumenfreuden des Mittleren Ostens auf wenigen Quadratmetern, sozusagen Kochschürze an Kochschürze, in Konkurrenz zu den Leckereien Israels und Russlands.
Wenn je der Satz, dass keine Küche dieser Welt groß genug sei für zwei Frauen, widerlegt wurde, dann an diesem Vormittag. Hier herrscht bei geschätzten 42 Grad Raumtemperatur ein gut gelauntes matriarchalisches Triumvirat. Rosy Soumikh, rundlich und mit blonden Haaren, ist als gelernte Köchin – „Nach der Heirat und den Kindern habe ich den Job aufgegeben“ – formal sehr gut vorqualifiziert. Sie vertritt die israelische Abteilung der Speisekarte und stellt gerade unter Beweis, dass „lecker“ und „leicht“ eben doch zwei völlig gegensätzliche Dinge sind: Ein komplettes 500‐Gramm‐Mayonnaiseglas wandert in den Kartoffelsalat mit den frischen Biogurken. „Fettarmer Joghurt? Wieso fettarmer Joghurt?“ Obwohl die Frauen schon den dritten Tag in Folge seit dem frühen Morgen in der Küche stehen, haben sie von ihrem Élan nichts verloren. „Mein Mann hat eine große Verwandtschaft, und gemeinsames Essen gehört zur Tradition. Da lernt man, anspruchsvoll und in großen Mengen zu kochen“, erzählt Rosy, ohne auch nur einen Augenblick die Aufmerksamkeit von ihrem Kartoffelsalat abzuwenden. Kurze Zeit später hören die anderen sie trällern: „Wo ist mein Salz?“
Mahrokh Kavian, persische Fraktion, ist das Energiebündel in der Küche, saust zu diesem Topf und prüft die Bissfestigkeit des Gemüsereises, schaut in jenen Backofen. Die Mutter von drei Kindern lächelt unentwegt und gesteht doch in einem kurzen Augenblick des Verschnaufens: „Ich mach mir echt Sorgen, dass alles fertig wird.“ Bei grob geschätzt 17 verschiedenen Speisen und etwa 60 Minuten, bevor die Festtafel eröffnet wird, ist das noch ziemlich vorsichtig ausgedrückt.
Plötzlich hallt Rosys Ruf wie Donner durch die Küche: „Wo ist mein Zitronenwasser? Warum wird mir hier immer alles weggetragen?“ Maurice (18), der Älteste von Mahroukh Kavian, rosa Kipa und gleichfarbiges Poloshirt, bringt hilfsbereit das Gewünschte und wird sogleich zur weiteren Unterstützung herangezogen: „Hier, junger Mann, für den Abwasch, ich brauche saubere Schüsseln.“ Im Weggehen schenkt sie ihm ein Lächeln und ergänzt: „Unsere Söhne und Männer verdienen ein dickes Lob, das muss an dieser Stelle mal gesagt werden. Es heißt ja schnell, orientalische Männer würden im Haushalt nicht mit anpacken – aber weit gefehlt. Meiner hat sich beim Hinauftragen der vielen schweren Weinkisten sogar fast verhoben.“ Der ruhende Pol in der Küche ist, so scheint es, die aus Russland gebürtige Marina Frish. Versunken in sich hinein lächelnd und mit beinahe kontemplativer Ruhe wendet sie ihre Krautrouladen in der Kasserole. „Nicht zu stark an einer Seite anbraten“, sagt sie, „das ist sehr wichtig.“
Im großen Saal eine Etage darüber sind die Vorbereitungen inzwischen abgeschlossen, die Tische gedeckt, die Wände mit Fahnen und Blumen geschmückt. Neben den Gedecken haben die WIZO‐Frauen ihre Info‐Flyer über das Theodor‐Heuss‐Familientherapiezentrum im israelischen Herzlia ausgebreitet. Dieser Hilfseinrichtung, 1967 im Gedenken an den ersten deutschen Bundespräsidenten so benannt, soll der Erlös des Nachmittages zugute kommen. Vom Prospekt daneben schaut ein etwa dreijähriger Junge mit Wuschelkopf und großen Kulleraugen. Es ist der kleine Ofer, erfährt der Leser, und wie konkret diesem vom Vater schwer misshandelten Kind im Therapiezentrum geholfen werden konnte.
13.30 Uhr, die ersten Gäste treffen ein, meist ältere Gemeindemitglieder oder Hamburger vom lokalen deutsch‐jüdischen Freundeskreis. Knapp 180 Anmeldungen waren beim WIZO‐Vorstand eingegangen, ganz so viele Leute werden es dann doch nicht – wozu vielleicht auch die Sonne beiträgt, die den Innenhof des Gemeindezentrums in den nächsten Stunden noch kräftig aufheizt. Die Neugier auf die Speisen und die Probierfreude sind groß, die Portionen gleichwohl zurückhaltend. Die Damen vom Vorstand, eben noch am Herd tätig und nun im Festtagskostüm eifrig servierend, haben gleichwohl gut zu tun. Und weil Essen mit musikalischer Begleitung gleich doppelt gut mundet, greift Pianistin L‐En Liu am Flügel kräftig in die Tasten, und Kantor Arieh Gelber gibt eine Probe seiner Sangeskunst.
Und dann bekommt der fröhliche Nachmittag auch eine melancholische Note: der Abschied von Maroukh Kavian, die mit diesem Buffet auch Tschüss zu Hamburg sagt. Viele Jahre war „unsere liebe Chawere“, wie es in der Festrede heißt, ein „WIZO‐Urgestein“. Jahrzehntelang hat sie das Gemeindeleben mitgeprägt. Nun verlässt Ma‐ roukh die Hansestadt und zieht in die Vereinigten Staaten, wo ihre erwachsenen Kinder längst zu Hause sind. „Wieder eine“, flüstert eine Frau aus dem Vorstand am Nachbartisch. „Unsere Perser gehen.“ Denn bekanntlich prägten diese Landsleute, die in den 50er‐Jahren als Studenten und Arbeitsmigranten in die Bundesrepublik kamen, seit einem halben Jahrhundert wesentlich das Erschei‐ nungsbild der Jüdischen Gemeinde an der Elbe. Maroukh Kavian, der Wirbelwind aus der Küche, ist angesichts dieser Zuneigungsbekundung plötz‐lich sehr, sehr ruhig und schaut gerührt in die Runde.

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