Hamburg

Versteckt, entdeckt

von Moritz Piehler

Nach vielen Wochen mit dem sprichwörtlichen Hamburger Schmuddelwetter laden in den vergangenen Tagen Sonne und höhere Temperaturen endlich zu Spaziergängen ein. Ob nun mit oder ohne Gummistiefel für einen längeren Rundgang gerüstet, gibt es seit wenigen Wochen eine neue spannende Möglichkeit, die Stadt zu erkunden. Hamburg hat einen Stadtplan herausgegeben, mit dem man einen Rundgang zu den »Orten jüdischen Lebens und jüdischer Geschichte« machen kann.
Nicht überraschend führt der Plan zu‐ nächst ins Grindelviertel, in das ehemalige und heutige Herz des jüdischen Lebens. Hier befindet sich die neu restaurierte Talmud‐Tora‐Schule, in der auch die Gemeinde untergebracht ist und der Gedenkplatz für die Bornplatzsynagoge auf dem heutigen Universitätsgelände. Das sind bekannte Orte zum Einstieg in die Spurensuche. Aber gibt es mit dem Stadtplan auch Neues und Überraschendes zu entdecken? Einen Anpruch auf Vollständigkeit erfüllt er nicht, so viel sei vorweg genommen. So fehlt zum Beispiel der jüdische Friedhof in Ottensen komplett, an dessen Stelle heute das Einkaufszentrum Mercado steht.
Aber schon in einer Seitenstraße des Grindelviertels gibt’s weniger Bekanntes. Im Hinterhof eines wunderschönen Altbaus, der früher die Schlachterei Moritz Israel und danach die Buchhandlung Beer Lambig beherbergte, steht das Gebäude einer ehemaligen Synagoge, in der früher bis zu 160 Gläubige Platz fanden. Heute zeugt nur noch die ausführliche Infor‐ mationstafel von der Vergangenheit als Gebetshaus. Im leeren Kreis am Giebel des Eingangs war einmal der Davidstern zu sehen. Leider sind längst nicht alle Gebäude so gut gekennzeichnet wie dieses. Oft findet sich nur eine kleine Gedenkplakette an den Häusern, die von der jüdischen Geschichte der Stadt zeugen. Immerhin, der Plan hilft neben den gut markierten Punkten auf dem Stadtplan mit genauen Adressangaben und kurzen Erklärungen bei der Identifikation der Orte.
Auch Plätze aktuellen jüdischen Alltags findet man bei dem Rundgang. Ebenfalls im Grindelviertel liegen das Café Leonar mit seiner Buchhandlung und dem Jüdischen Salon, in dem zahlreiche Kulturveranstaltungen stattfinden. Direkt gegenüber in Sichtweite der Talmud‐Tora‐Schule be‐ finden sich die Hamburger Kammerspiele. Das Theater wurde 1945 von der jüdischen Schauspielerin und Regisseurin Ida Ehre wieder eröffnet. Zuvor hatte die Jüdische Freimaurerloge hier ihren Sitz. Nach 1937 diente es den Nationalsozialisten als Sammelstelle zur Deportation.
Wer sich für eine weitergehende Be‐ schäftigung mit der jüdischen Geschichte der Stadt Hamburg interessiert, findet auf dem Plan eine Übersicht über alle Forschungsstellen und Institute sowie Mu‐ seen, die jüdisches Leben thematisieren. So kann man den Lesesaal im Institut für die Geschichte der deutschen Juden leicht zu Fuß vom Grindelviertel aus erreichen. Das gleiche Gebäude beherbergt auch die Werkstatt der Erinnerung. Für einen Be‐ such der drei verbliebenen jüdischen Fried‐ höfe der Stadt sollte man allerdings auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen, denn sie liegen weit über das Stadtgebiet verteilt. Neben dem großen Ohlsdorfer Friedhof im Norden lohnt sich vor allem ein Abstecher zu den ältesten jüdischen Grabmalen auf dem Friedhof Altona. Auch zu diesem finden sich im Plan praktische Information zu Führungen und Öffnungszeiten, wie zu den meisten anderen Einrichtungen auch.
Ein Ort, der nicht mal den meisten Einheimischen bekannt sein dürfte, ist der Hannoversche Bahnhof am Lohseplatz. Er liegt mitten in der heutigen Hafencity. Von hier wurden von 1940–1945 Tausende Juden sowie Sinti und Roma verschleppt. Eine Gedenktafel informiert über die Verbrechen, eine Gedenkstätte an dieser Stelle ist in Planung. Der Plan lohnt sich für jeden Besucher, der gerne eine Einführung in das jüdische Leben der Stadt Hamburg bekommen möchte. Bei weitergehendem Interesse sollte man allerdings eher auf eine Führung zurückgreifen. Ein Rundgang durch das wunderschöne Grindelviertel bis nach Altona empfiehlt sich ohnehin für einen Hamburg‐Besuch. Die Ausschilderung vieler Gebäude lässt noch zu wünschen übrig, trotz‐ dem enthält der Plan in Zusammenhang mit Informationstafeln viel Wissenswertes, durchaus auch für Hamburg‐Kundige.

www.jghh.org

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