Ludwig Traube

Verfolgt und vergessen

von Sophie Neuberg

Den Namen Rudolf Virchow kennen nicht nur Ärzte und Medizinstudenten – in Berlin tragen ein Krankenhaus, eine Schule und eine Straße seinen Namen. Ludwig (Louis) Traube hingegen ist nur wenigen bekannt. Dabei war er als Begründer der experimentellen Pathologie im 19. Jahrhundert berühmter als sein Freund Virchow.
In der Reihe »Jüdische Miniaturen« er-
innert ein neues Büchlein an Ludwig Traube. Die ebenso vergessenen Ärzte Hugo Neumann und Martha Wygodzinski ha-
ben ebenfalls eine kleine Biografie erhalten. Mit jedem neuen Band nähere sich die Reihe ihrem ausdrücklichen Ziel, ein »Spektrum jüdischen Lebens« zu bieten, sagt Verleger Gerhard Hentrich.
Durch ihre sorgfältige und manchmal mühsame Recherchearbeit haben die Autoren der drei neuen Biografien Einblicke in das Leben zu Unrecht vergessener Persönlichkeiten ermöglicht.
Der 1818 geborene Ludwig Traube spielte in der Entwicklung der Medizin ei-
ne wegweisende Rolle. So führte er die re-
gelmäßige Fiebermessung im Krankenhaus ein und unterrichtete Studenten aus aller Welt im Abhorchen und Abklopfen von Patienten. Seine durch diese diagnos-tischen Methoden gewonnenen Erkenntnisse wurden zum großen Teil durch mo-
dernere Methoden bestätigt. Bis heute sind zahlreiche Fachbegriffe der Herzmedizin mit seinem Namen verbunden, zum Beispiel »Traubes Geräusch« (Galopprhythmus). Er setzte sich auch für die Einrichtung von Spezialkliniken ein, was heute selbstverständlich erscheint. Als Jude wurde ihm eine Hochschullaufbahn verwehrt, erst die Revolution von 1848 eröffnete ihm die Pforten der Universität. Er habilitierte 1848, wurde aber erst 24 Jahre später zum ordentlichen Professor berufen. Trotz dieser Nachteile blieb er dem Judentum immer treu.
So auch Hugo Neumann, vor genau 150 Jahren geboren, der sich als Kinderarzt im Berlin der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen Namen machte. Als Pionier der sozialen Kinderheilkunde setzte er die jüdischen Prinzipien der Wohltätigkeit tagtäglich in seiner Arbeit um. So schrieb seine enge Mitarbeiterin Clara Birnbaum nach seinem Tod: »Sein ganzes Leben war eine Mizwa«. Tatsächlich eröffnete er in Berlin eine für damalige Verhältnisse sehr moderne Kinderpoliklinik speziell für Kinder aus armen Verhältnissen. Neumann beschäftigte sich eingehend mit Statistik und belegte beispielsweise eine erhöhte Säuglingssterblichkeit unter unehelichen Kindern. Auch legte er großen Wert auf das Verhältnis von Arzt und Patient sowie auf einen netten und geduldigen Umgang mit den kranken Kindern. Schon damals erkannte er, dass dies für die Genesung eine wichtige Rolle spielen konnte. Nur sein Grab auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee erinnert noch an den engagierten Kinderarzt – sowie das Büchlein von Gerrit Kirchner in der Reihe »Jüdische Miniaturen«.
Martha Wygodzinski (1869-1943) ist die jüngste der drei Porträtierten, doch war es für Autorin Dietlinde Peters extrem schwierig, Spuren aus ihrem Leben ausfindig zu machen. Sie vermutet, dass es zum Teil an der Bescheidenheit der Berliner Ärztin liegt, der ihr Beruf alles bedeutete und die sich sowohl als Ärztin als auch als SPD-Politikerin für die Armen engagierte. Auch sie galt als Pionierin, denn sie war um 1900 eine von nur acht Berliner Ärztinnen. 1902 wurde sie als erste Frau in die Berliner Medizinische Gesellschaft aufgenommen. Martha Wygodzinski stammte aus einer wohlhabenden Familie. Aus ih-rer sozialen Überzeugung heraus arbeitete sie als »Armenärztin« unter anderem am Rande des Scheunenviertels und gründete aus eigenen Mitteln ein Heim für ledige Mütter. 1938 wurde ihr als Jüdin die Approbation entzogen. Im Sommer 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert, wo sie im Februar 1943 an Schwäche und Unterernährung starb. Bis zuletzt hatte sie sich bemüht, ihren Mithäftlingen zu helfen. Heute erinnert in Berlin ein sogenannter Stolperstein an Martha Wygodzinski. Die Messingplatte mit ihren ein-
gravierten Lebens- und Todesdaten ist im Bürgersteig der Alexanderstraße eingelassen, wo sie zuletzt arbeitete.

jüdische miniaturen
Band 71, Marianne Büning: Ludwig Traube
Band 72, Gerrit Kirchner: Dr. Hugo Neumann
Band 73, Dietlinde Peters: Dr. Martha Wygodzinski
Hentrich & Hentrich, Teetz/Berlin 2008,
5,90 bzw. 6,90 €

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