Orthodoxie

Vereint gegen sich selbst

von Michael Freund

Einen kurzen Augenblick lang schwebte jüdische Einigkeit in der Luft. Während die Musik allmählich lauter wurde, tanzte die Hochzeitsgesellschaft auf Long Island immer lebhafter. Sie tanzten um den Bräutigam und dessen Familie, schlossen so einen Ring der Freude.
Mit schweißüberströmten Gesichtern stellten die Gäste einen Mikrokosmos des modernen, orthodoxen Judentums dar. Geschäftsleute mit gehäkelten Kippot bewegten sich Hand in Hand mit Samtkäppchen tragenden Jeschiwa-Schülern, und Männer mit großen, schwarzen Filzhüten wiegten sich gleichzeitig im Rhythmus der Musik mit denen, die erst kürzlich einen religiösen Lebensstil angenommen hatten.
Und so wurden einige Stunden lang die verschiedenen ideologischen und politischen Auseinandersetzungen, an der die orthodoxe Gesellschaft leidet, beiseite geschoben. Die Hochzeitsgäste hatten ein Ziel: Die Gründung einer neuen, gläubigen, jüdischen Familie zu feiern. Es war ein Moment voll Freude und Wonne, der das frisch verheiratete Paar mit großer Genugtuung erfüllte.
In Amerika, Israel und auch anderswo hat sich ein scharfer, besorgniserregender Ton breitgemacht, der die Kluft wie nie zuvor vertieft.
Es ist gerade 50 Jahre her, daß sich im Leben der orthodoxen Gemeinschaft etwas eigentlich ganz Normales ereignete. Aus heutiger Sicht betrachtet, scheint das hingegen ganz und gar außergewöhnlich: Bei einer Konferenz des Modernen Orthodoxen Rabbinerrates von Amerika (RCA) im Februar 1956 traten unter anderen Rabbi Mosche Feinstein und Rabbi Mordechai Gifter als Redner auf, zwei der berühmtesten und hervorragendsten Persönlichkeiten der Jeschiwa-Welt.
Auf den ersten Blick scheint dies nichts weiter als eine historische Fußnote zu sein. Traurig ist jedoch die Tatsache, daß sich die Teilung innerhalb der Orthodoxie in den vergangenenen fünf Jahrzehnten so markant verschärft hat, daß es beinahe absurd wäre, sich einen ähnlichen Anlaß zur heutigen Zeit vorzustellen. Wie es in der RCA-Zeitschrift »Tradition« vor einigen Jahren über den Zustand der Orthodoxie hieß: »Man kann mit Recht sagen, daß derartige Einladungen an Persönlichkeiten aus der Jeschiwa-Welt heute weder gemacht noch angenommen würden.« Das ist ein trauriger Gedanke und stellt eine Realität dar, der dringend und entschlossen abgeholfen werden muß. Es ist an der Zeit, diesem gefährlichen Trend entgegenzuwirken.
Gemäßigte und rechte Gruppen greifen einander an, während religiöse Zionisten und Charedim oft in Konflikt stehen und sogar verschiedene chassidische Gruppen es schwierig finden, miteinander auszukommen. Die Tatsache, daß diese Gruppen in Sachen Glauben und Praxis – von der Beachtung des Schabbat bis hin zum Lernen der Tora und den traditionellen Familienwerten – so vieles gemeinsam haben, wird entweder übersehen oder beiseite getan. Allzu oft wird das durch Spott, Verachtung oder regelrechte Feindschaft begleitet.
Es ist sicher nichts wesentlich Neues, daß verschiedene Gruppen der Orthodoxie sich in den Haaren liegen. Die Geburt der chassidischen Bewegung im 18. Jahrhundert und die dadurch erzeugte Opposition ist nur eines von zahlreichen Beispielen. Andere markante Ereignisse, wie etwa der Aufstieg des politischen Zionismus und die Aufklärung, sind ebenfalls zum Spannungsfeld konkurrierender Ansichten orthodoxer Denker geworden.
Bekannte Rabbiner aller Zeiten waren ebenfalls nicht immun gegen die scharfe Gegnerschaft ihrer Kollegen. Im 13. Jahrhundert verbrannten Dominikanermönche die Schriften von Maimonides, nachdem das große philosophische Werk durch eine Handvoll französischer Rabbiner angeprangert worden war.
Und Mitte des 18. Jahrhunderts geriet der große Rabbi Jonathan Eibeschütz unter scharfe Kritik durch Rabbi Jakov Emden, der ihn beschuldigte, ein Anhänger des falschen Messias Schabtai Zwi zu sein. Dies rief unter deutschen Juden eine heftge Kontroverse hervor.
Die Spaltungen innerhalb der heutigen Orthodoxie sind vielleicht nicht stärker oder ausgeprägter als diejenigen, die ihnen vorangingen. Dennoch gibt es einen Faktor, der sie viel gefährlicher macht: Es ist der Zusammenhang, in dem sie stattfinden.
Nach dem Holocaust, der das europäische Judentum verwüstete, ist es der Orthodoxie gelungen, sich selbst und seine Institutionen neu zu beleben. Das verlieh dem jüdischen Volk einen starken Kern, der sich verpflichtet hat, die Tradition zu wahren.
Obwohl Assimilation, Mischehen und andere Bedrohungen gefährlich über der gesamtjüdischen Zukunft schweben, hat es die Orthodoxie nicht fertiggebracht, sich zusammenzuschließen. Stattdessen verschwendet sie Energie und Geld für Konflikte und Auseinandersetzungen.
Ein einfaches, aber konkretes Beispiel: 1949 taten sich für die erste Knesset vier religiöse Parteien zusammen, um eine gemeinsame Liste mit dem Namen »Vereinte Religiöse Front« zu bilden, die sich aus der Misrachi, dem HaPoel Hamisrachi, der Agudat Israel und den Poale Agudat Israel zusammensetzte. Und heute? Nur Visionäre oder Träumer sprechen von der Gründung einer solchen Einheitsliste.
Ein weiteres typisches Beispiel: Viele moderne orthodoxe Juden finden, daß ihre Gemeinschaft von der Rechten angegriffen werde und beklagen sich über eine »schleichende Charedisierung«. Der Soziologe Samuel Heilman beschrieb dies als »anhaltender Kampf für das Herz der Orthodoxie in Amerika. Ein Kampf der sich in den vergangenen 20 Jahren intensiviert hat, um zu definieren, welche Art der Orthodoxie den jüdischen Fortbestand am besten gewährleisten wird.«
Ein anhaltender Kampf, eine Schlacht? Ist es denn so schlimm geworden, daß wir uns der Ausdrücke aus der Kampfarena bedienen müssen, um die internen Entwicklungen der Orthodoxie zu beschreiben? Offensichtlich. Die Orthodoxie, so scheint es, ist nur gegen sich selbst vereint. Und so darf es nicht weiter gehen.
Es gibt mehrere Schritte, die unternommen werden könnten, um diese Situation in den Griff zu bekommen. Sie laufen grundsätzlich alle auf das eine hinaus: Zu lernen, andere Wege innerhalb des Torajudentums zu respektieren.
Stellen Sie sich zum Beispiel vor, religiös zionistische und charedische Jeschiwot würden periodisch Programme austauschen, bei denen junge Gelehrte beider Gemeinschaften zusammen den Talmud studieren, wobei sie ihre gegenseitigen Lebensweisen schätzen lernen.
Und wie wäre es, wenn die Anführer der verschiedenen Gruppen gemeinsame öffentliche Zusammenkünfte veranstalteten? Wie wäre es, wenn sie dabei die klare Botschaft aussenden würden, wie wichtig es ist, die Einigkeit zu wahren und von Zwisten und Zänkereien abzusehen?
Zu einer Zeit, da so vieles, was dem orthodoxen Judentum lieb ist, – vom Land Israel bis zur Rolle, welche die Religion im öffentlichen Leben spielt –, unter Beschuß gerät, muß es doch einen Weg geben, die verschiedenen Elemente zum Wohle der Allgemeinheit zusammenzubringen. Und das nicht nur auf der Tanzfläche.

Der Autor war Berater des ehemaligen Premierministers Benjamin Netanjahu

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