Bielefeld

Unterschätzte Gefühle

Nähert man sich Bielefeld von Süden aus, ragt ein hoher schlanker Turm ins Blickfeld. Der gehört der evangelischen Paul-Gerhardt-Kirche in der Diesterwegstraße. Sie soll verkauft werden – an die Jüdische Gemeinde Bielefeld (vgl. Jüdische Allgemeine vom 16. Februar). Ein einmaliger Vorgang. Zwar haben auch die jüdischen Gemeinden in Bremerhaven und Oldenburg Gebäude bezogen, die zuvor andere Religionen genutzt haben, doch noch nie lagen Aus- und Einzug zeitlich so nah beieinander.
So weit soll es nach Meinung von Hermann Geller und etwa 600 Verkaufsgegnern auch nicht kommen. Der ehemalige Kirchenmeister hat beim Verwaltungsgericht der evangelischen Landeskirche einen Antrag auf Erlaß einer einstweiligen Anordnung gegen den Verkauf gestellt. Der Bielefelder Textilkaufmann ist sich sicher: »In drei Wochen ist der Spuk vorbei.« Begonnen hat dieser mit der Fusion der beiden Kirchengemeinden Paul Gerhardt und Neustädter Marienkirche im Mai 2005. »Die Gemeinden arbeiteten beide defizitär«, sagt die Pressesprecherin des Bielefelder Kirchenkreises, Astrid Weyermüller. Man habe versucht, über Nachbarschaftshilfen, Kooperation und Synergien das Minus zu begrenzen, doch der Verlust von 77.000 Gemeindemitgliedern in den vergangenen Jahren sei finanziell nicht anders aufzufangen.
An der Fusionierung hat Hermann Geller mitgewirkt. Dabei wurde vereinbart, daß die Gebäude nach der Zusammenlegung so lange wie möglich behalten werden sollten. Daß vier Monate später bereits ein Kaufinteressent präsentiert wur- de, sieht Geller als Vertragsbruch und mangelnde Basis für ein Zusammenleben der Kirchengemeinden an.
Hanna Sperling, Vorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Westfalen-Lippe, bestätigt: »Wir haben uns das Gebäude vor etwa fünf Monaten angeschaut.« Da es zentral liegt und ein Umbau preiswerter sei als ein Neubau, habe man grundsätzlich dem Kauf zugestimmt. Die Jüdische Gemeinde Bielefeld sucht seit längerem eine Alternative zu ihrem maroden Gemeindehaus in der Stapenhorststraße.
Gemeindevorsitzende Irith Michelsohn sieht die Verhandlungen nicht gefährdet: »Unser Partner ist der evangelische Kirchenkreis. Die innerkirchlichen Auseinandersetzungen gehen uns nichts an.« Das Argument jüdischer Stimmen, das Beharren auf dem Kauf könnte den Antisemitismus schüren, hält sie für an den »Haaren herbeigezogen«. Hanna Sperling bedauert, daß es in der Kirchengemeinde zu solchen Auseinandersetzungen gekommen sei. Einen Handlungsbedarf sieht aber auch sie nicht.
Die westfälische Landeskirche hat keine religiösen Bedenken. »Die Umwidmung einer Kirche in eine Synagoge ist ein positives, konkretes Signal im Sinne der Kirchenordnung der westfälischen Landeskirche«, heißt es dort. Es an die jüdische Gemeinde zu verkaufen, sei eine gute Chance der Wiedergutmachung an den Juden. Hermann Geller will sich aber nicht in die antisemitische Ecke stellen lassen, nur weil er gegen den Verkauf seiner Kirche ist.
»Wir haben die starke emotionale Bindung an das Gebäude deutlich unterschätzt«, räumt Astrid Weyermüller ein. Dabei sei es schon der dritte Verkauf eines Kir- chengebäudes. Eines sei an die griechisch-orthodoxe Kirche gegangen, ein anderes sei jetzt ein Restaurant. Heide Sobotka

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