Leitfaden

Und wenn es schreit?

von Rabbiner Daniel S. Katz

Passt es überhaupt, unsere Kinder oder Enkelkinder mit in die Synagoge zu bringen? Dürfen wir das tun?
Jawohl! Die Synagoge ist für alle Juden gedacht, nicht nur für Senioren und ältere Leute, sondern auch für die Jugendlichen und für größere oder kleinere Kinder.

In welchem Alter sollen die Kinder zum ersten Mal in die Synagoge gehen?
Das kann sofort nach der Geburt sein. Normalerweise bringt man ein neugeborenes Mädchen zu einer Namensfeier in die Synagoge. Dann bekommt sie offiziell vom Rabbiner ihren hebräischen Namen. Gleichzeitig empfängt man sie als neues – und zwar als jüngstes – Gemeindemitglied und stellt sie der Gemeinschaft vor. Und obwohl ein Junge seinen hebräischen Namen im Grunde genommen während der Britmila (Beschneidung) bekommt, kann er auch eine Empfangsfeier in der Synagoge an Schabbat haben.

Wo setzt man sich in der Synagoge mit Kindern hin?
Im Allgemeinen ist es eigentlich nicht so wichtig, wo sich Kinder in der Synagoge hinsetzen. Mädchen unter 12 Jahren und Jungen unter 13 dürfen entweder bei der Mutter oder beim Vater bleiben. Den Kindern kann es auch Spaß machen, die Plätze gelegentlich zu wechseln. Damit verbringen die Kinder den Gottesdienst mit jedem Elternteil. Und ebenso könnten die Eltern am Platzwechsel der Kinder Spaß haben.

Was ist, wenn die Kinder kein Hebräisch können und nicht verstehen, was während des Gottesdienstes passiert?
Kinder, die religiösen Unterricht bekommen oder die Gemeindeschule besuchen, werden bereits etwas Hebräisch können und über grundlegende Kenntnisse des Judentums verfügen. Es ist aber nicht dringend erforderlich, dass die Kinder schon alles verstehen. Viel wichtiger ist es, dass sie sich in der Synagoge zu Hause fühlen. Es könnte zum Beispiel Spaß machen, wenn die Kinder mit den Zizit (Schaufäden) am Tallit (Gebetsschal) spielen oder bei den Prozessionen vor und nach der Toralesung die Schriftrolle küssen. In manchen Gemeinden dürfen auch die Kinder hinter der Torarolle durch die Synagoge hergehen oder während des Kiddusch beim Rabbiner stehen. Kinder – und auch Erwachsene – die kein Hebräisch verstehen, können ohne Wörter mitsingen. Das Wichtigste ist, hier zusammen mit der Gemeinde und mit anderen Juden zu sein.

Und wenn unsere Kinder keine zwei bis drei Stunden bewegungslos am Platz sitzen bleiben können?
Das kann ich auch nicht! Bei uns in der Synagoge gibt es kein Gesetz, dass man die ganze Zeit still sitzen bleiben muss. Sie dürfen zum Beispiel aufstehen, sich ausstrecken und sich ein wenig in der Synagoge bewegen (jedoch nicht während der Keduscha). Dieses gilt nicht nur für die Kinder, sondern für alle. Da der Gottesdienst am Schabbatmorgen ziemlich lang und ohne offizielle Pause ist, darf man, wenn nötig, seine eigene Pause machen. Wenn Sie meinen, dass Sie im Laufe des Gottesdienstes mehrmals eine kleine Pause benötigen, wäre es ratsam, Platz am Gang einzunehmen. Das wäre auch klug, wenn Ihre Kinder gerne umherkriechen.

Was passiert, wenn mein Kind plötzlich durch die Synagoge kriecht oder läuft oder sogar auf die Bima (Bühne) steigt?
Gar nichts. Das Kind, das auf die Bima steigt, kommt dem Aron HaKodesch (Toraschrank), der Torarolle und auch mir näher. Ich beiße nicht. Die meisten meiner Kollegen auch nicht.

Was soll ich denn tun, wenn mein Kind auf die Bima steigt?
Auch nichts. Wenn Sie selbst hinter dem Kind auf die Bima steigen, ist die Gefahr viel größer, den Rabbiner zu stören und den Gottesdienst zu unterbrechen.

Was soll ich tun, wenn mein Kind anfängt, im Gottesdienst zu schreien oder zu weinen?
Bringen sie es aus der Synagoge hinaus und kommen sie mit ihm zurück, wenn es wieder still ist. Das sollen auch die Kinder mit ihren Eltern tun, wenn die Eltern im Gottesdienst zu viel plappern. In der Regel stört das lautlose Bewegen durch die Synagoge nicht, das Reden jedoch. Die einzigen Worte, die im Gottesdienst auszusprechen sind, sind die Worte der Gebete und der Tora, dazu vielleicht kurze Erklärungen oder das Begrüßungswort »Schabbat Schalom«.

Was soll man mit den Kindern in die Synagoge bringen?
Bringen Sie das Lieblingsbuch Ihres Kindes, die liebste Puppe (vielleicht eine Tora‐Puppe oder anderes lautloses Spielzeug?) und den liebsten Hut. So kann das Kind erfahren, dass man in der Synagoge nicht nur Lieder singt, sondern auch Bücher liest und Hüte trägt.

Wir sind nicht so religiös, möchten aber gern, dass unsere Kinder mit jüdischem Herzen und Verständnis aufwachsen.
Setzen Sie selbst in die Tat um, was Sie predigen! Ihr Kind will sicher herausbekommen, was Ihnen wirklich wichtig ist. Wenn das Judentum eine sichtbare Rolle in Ihrem Leben spielt, wird Ihr Kind das erfahren. Es wird dabei verstehen, dass es bedeutend ist, Jude zu sein.
Wie können wir sicherstellen, dass unser Kind ein guter Jude sein wird, wenn es aufwächst?
Absolute Garantien gibt es leider nicht. Sie verbessern jedoch die Chancen, wenn Sie selbst guter Jude sind. Ein Mensch mit positiven Erinnerungen an seine wöchentlichen Synagogenbesuche als Kind mit Mutti und Vati geht als Erwachsener voraussichtlich lieber mit seinen eigenen Kindern in die jüdische Gemeinde. Ein Mensch, der als Kind erfahren hat, wie schön es ist, die Sukka auszuschmücken und wieviel Spaß es macht, die vier Fragen beim Pessach‐Seder vorzutragen, gibt wahrscheinlich als Erwachsener auch seinen Kindern dieselben Möglichkeiten. Ganz knapp: den größten jüdischen Einfluss auf Ihr junges Kind haben Sie selbst.

Wie können wir anfangen?
Am besten Samstagmorgen in der Synagoge und Freitagabend zu Hause. Entzünden Sie die Kerzen am Freitagabend, sagen Sie Kiddusch und machen sie Mozi (Segensspruch über den Wein und das Brot).

Dürfen wir mitmachen, auch wenn wir nicht 100 Prozent gläubig oder sogar kaum gläubig sind?
Ja! Ich freue mich, wenn Sie da sind. Im Judentum ist das Mitmachen am wichtigsten.

Gibt es einen besonderen jüdischen Segen, welchen wir für unsere Kinder sagen können?
Natürlich. Das mache ich bei Gelegenheit in der Synagoge, und das können Sie auch zu Hause tun. So geht es: legen Sie Ihre Hände auf die Köpfe der Kinder. Für Mädchen sagen Sie: J’ssimech Elohim k’Sara, Riwka, Rachel, w’Lea. Das bedeutet »Gott mache dich wie Sara, Rebekka, Rachel und Lea« (das sind die vier Stammmütter, die Frauen von Abraham, Isaak und Jakob). Für Jungen sagen Sie: J’simcha Elohim k’Efraim w’chi’M’nasch. Das bedeutet »Gott mache dich wie Ephraim und Manasse« (das sind die Kinder von Josef). Zuletzt sagen Sie für Mädchen sowohl als auch für Jungen: J’warech’cha Adonai w’jischm’rcha. Ja’er Adonai Panew elecha wichunka. Jissa Adonai Panaw elecha w’jassem l’cha Schalem. Das bedeutet »Der Herr segne und behüte dich. Der Herr lasse sein Antlitz dir leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Antlitz zu dir und gebe dir Frieden« (4. Moses 6.24–26). Küssen Sie Ihre Kinder, dann wünscht man sich »Schabbat Schalom«.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Duisburg, Oberhausen, Mülheim.

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