Amos Landshut

»Und ich wäre der Papa«

Nach zehn Jahren in Israel bin ich seit ein paar Monaten wieder in Hamburg, wo ich aufgewachsen bin. Schon im Flugzeug habe ich gedacht: Jetzt kommst du nach Hause. Hier habe ich gelebt, bis ich 20 war. Ich habe Freunde hier, die wie Geschwister für mich sind.
In Israel habe ich vor drei Jahren meine Ausbildung zum Koch beendet. Aber die Gourmetküche hat in Europa ihren Ursprung, das Wahre ist hier. Vor ein paar Monaten dachte ich, nach Frankreich oder nach Italien zu gehen. Aber als ich zu Besuch in Hamburg war, bekam ich auf einmal Lust, hierzubleiben. Von Oktober bis Februar habe ich in einem französischen Restaurant im Grindelviertel gearbeitet, der Gegend, wo ich aufgewachsen bin. Jetzt habe ich einen Job in Aussicht bei einem richtig guten Italiener am Fischmarkt. Vollzeit, mit Schichtdienst, jede Woche ist anders – perfekt für mich, denn ich verabscheue Routine.
Seit einem Monat lebt meine Freundin Niva bei mir in Hamburg, sie kommt aus Israel. Ich habe sie ganz zufällig im Büro meiner Mutter kennengelernt. Wir haben uns auf Hebräisch unterhalten, und es hat sofort gefunkt. Niva ist Architektin, momentan kann sie von hier aus arbeiten. Wenn ich frei habe, verbringen wir viel Zeit miteinander, ich koche auch gerne für sie. Privat zu kochen, ist für mich etwas völlig anderes als in meinem Beruf. Da ist viel mehr Platz zum Improvisieren. Meine Mutter hat mich schon als kleinen Jungen immer in die Küche geholt, zum Schnitzel panieren und Ähnlichem. Sie kocht eher konservativ, nach Rezepten. Auch mein Vater ist gut am Herd, er macht die beste Pizza. In Tel Aviv habe ich immer für meine Freunde im Studentenwohnheim gekocht und gemerkt, dass es ihnen schmeckt. Ich habe dann angefangen, für eine italienische Restaurantkette zu arbeiten.
Nach meinem Abitur musste ich keinen Zivildienst machen, weil meine Oma im Arbeitslager war. Ich hatte Lust, Hebräisch zu lernen, so ging ich nach der Schule in einen Kibbuz. Von meiner Mutter habe ich das Sprachtalent geerbt, ich beherrsche fünf Sprachen, das kommt einfach so. Zurück in Deutschland, wurde ich an der Uni nicht angenommen, und ich wollte wieder nach Israel. Da habe ich ein Uni‐Vorbereitungsjahr in Tel Aviv gemacht und dann Sozialpädagogik studiert.
Zwei Jahre nach dem Studium musste ich zur Armee. Weil ich Sozialpädagoge bin, wurde ich Offizier für geistige Gesundheit. Ich habe mich mit Soldaten beschäftigt, die psychische Probleme haben. Unter anderem musste ich ihre Tauglichkeit prüfen, zusammen mit einem Psychiater. Da musst du entscheiden, wer die Wahrheit erzählt, denn viele wollen sich drücken. Man ist ein bisschen wie ein Polizist. Der Job nahm mich ziemlich mit. Ein Soldat hat mir erzählt, wie sein Freund direkt neben ihm erschossen wurde. Posttrauma ist ein klassisches Symptom in der Armee. Ich hätte noch drei Jahre dableiben sollen, aber ich konnte nicht mehr.
Nebenbei habe ich immer weitergekocht, in einem Café und für meine Freunde, mir immer was Besonderes ausgedacht, ein Buffet, oder wir haben gemeinsam Pasta selbstgemacht. Nach der Armee hatte ich meine Freiheit wieder, und ich konnte nicht aufhören zu kochen. Nach zwei Jahren hab ich entschieden, das zum Beruf zu machen. Ich ging zur Tadmor‐Kochschule, da habe ich alles gelernt, von israelischer Küche mit den regionalen Zutaten, aber auch internationale Gerichte. Besonders Fisch und Meeresfrüchte haben es mir angetan, da passt Hamburg sehr gut, das ist ja eine Fischstadt.
Ich probiere gerne neue Sachen aus. Einmal fand ich zwischen einer Krabbenlieferung einen Stachelrochen, den hat mir mein Chef mit nach Hause gegeben, und ich konnte testen, wie man ihn zubereitet. Mein Leben bestand nur aus Arbeit: manchmal 17 Stunden am Stück. 310 Stunden in einem Monat waren mein Rekord, da blieb keine Zeit für anderes. Aber zu Hause habe ich trotzdem noch gekocht! Meine Freunde sagen manchmal, dass ich nur vom Essen rede. Kochen fasziniert mich, weil es unbegrenzte Möglichkeiten gibt, und man immer wieder etwas Neues macht. Ich finde auch das Konditorhandwerk spannend, obwohl es in eine ganz andere Richtung geht als das Kochen. Und ich liebe Tee, es gibt unglaublich viele Sorten, und man kann alles hinein mischen. Ich bin gern kreativ, oft werden Köche ja als Künstler bezeichnet, und ein bisschen stimmt das vielleicht.
Ich arbeite aber auch gern mit Menschen. Die Tür zur Sozialarbeit habe ich noch nicht geschlossen. Vielleicht gelingt es mir eines Tages, beides miteinander zu verbinden. Mein Traum wäre es, ein riesiges Haus zu haben mit einer großen Küche in der Mitte, wo jeder hinkommen kann, Bedürftige und Freunde, und ich wäre der Papa für alle. Ich kann mir auch vorstellen, Kochkurse für alleinerziehende Mütter zu geben oder Backkurse für autistische Kinder. Ich bin jetzt 30, da überlegt man, wo man im Leben hin möchte und was man in den vergangenen zehn Jahren gemacht hat.
Israel hat in meiner Erziehung eine prägende Rolle gespielt. Mein Vater kommt von dort, meine Mutter hat da gelebt und mir und meinen beiden Brüdern immer davon vorgeschwärmt. Ich war nie großartig religiös, aber ich wollte das israelische Leben kennenlernen. Ich war sehr idealistisch am Anfang, aber mit der Zeit hat sich das etwas geändert. Tel Aviv ist wie eine Luftblase, am Anfang habe ich die Stadt kaum verlassen und nie Zeitung gelesen, Jerusalem war für mich eher wie ein großes Museum, während in Tel Aviv 24 Stunden lang Leben ist, wie in New York. Aus meinem Fenster konnte ich fast den Strand sehen.
Aber ich suche mir immer mein kleines Dorf in der Stadt, auch hier in Hamburg wieder. Ich bin nie hundertprozentig Israeli geworden, meine Freunde kamen aus Kolumbien, Argentinien, Belgien und Zimbabwe. Wir haben eine kleine Subkultur gelebt. Meinem Bruder, der noch in Israel wohnt, geht es anders, er hat fast nur israelische Freunde. Aber das Land ist so offen, man ist gleich per Du, das mag ich sehr.
Ich genieße jetzt die Ruhe in Hamburg, aber wer weiß, ob ich nicht eines Tages nach Israel zurückkehren werde. Meine Freundin kommt von dort, und ich koche Hummus für sie, es ist mir ganz wichtig, diese israelische Kultur auch hier in Deutschland zu leben. Hamburg fühlt sich gut an nach all der Zeit. Ich hatte Jahre, da war das nicht so.
Das Hin und Her ist schwierig, ich möchte gern einen Platz finden, wo ich bleiben kann. Ich bin eher Hamburger als Deutscher. Als Jugendlicher war ich auf einer sehr offenen Schule. Jeder wusste, dass ich Jude bin, aber ich gehörte immer dazu. Ich identifiziere mich sehr mit Israel, auch wenn ich gerade eine Pause davon mache. In Israel habe ich mit meinen Freunden eine zweite Jugend erlebt, weil wir alle in einer ähnlichen Situation waren. Aber Hamburg wird immer meine Heimat bleiben. Meinen besten Freund hier kenne ich seit der 1. Klasse, das ist schon etwas Besonderes. Meine Freunde gehörten zur Familie, das ist auch heute so. Meine Tür ist immer offen.

Aufgezeichnet von Moritz Piehler

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