marokko

Über allen Dächern ist Ruh

Die Marokkaner sagen: In Fes ist die Zeit stehen geblieben. In den verwinkelten Gassen der Altstadt drängen sich seit jeher Händler dicht an dicht, Frauen und Männer in traditionellen Gewändern strömen vorbei, immer wieder biegt ein voll beladenes Maultier oder ein Esel um die Ecke, begleitet von warnenden Rufen des Besitzers. Händler preisen ihre Waren an, Stoffe und Kunsthandwerk, Fleisch und frisches Obst, Zedernholzschemel mit Ara‐ beskenmuster neben glänzenden Platztellern und Spiegeln, schmuckvolle Fatimahände, Keramik mit Davidsternen und Bildern von Maimonides, zwei Stände weiter eine Menora. Über den Straßen tönt das Gemurmel der handelnden und diskutierenden Passanten.
Mitten im Gewühl erhebt sich eine tiefe, kräftige Stimme und ruft in schönstem Hebräisch, mit leichtem arabischen Akzent, ins Telefon: »Ich rufe dich später zurück, ich führe gerade eine Schweizer Gruppe.« Die Stimme gehört Abraham Sebagh, er ist Rabbiner, Lehrer, Fremdenführer und Schochet von Fes. In seinem hellblauen Hemd, mit karierter Krawatte und blauer Schildmütze sieht er weder aus, wie man sich einen Marokkaner noch wie man sich einen Rabbiner vorstellt. Er bewegt sich mit einer Ruhe und Gelassenheit durch die Stadt, die keinen Zweifel daran lassen, dass er hier zu Hause ist. Salam Aleikum und Aleikum Salam, ein paar freundliche Worte hier, ein Händedruck dort, und weiter durch die Menge.

stille Ein Stück entfernt sind auf einmal die Straßen leer. Keine Händler, keine Touristen, dafür Müll und halb verfallene Häuser. »Früher waren die Straßen hier voll vom Lärm der spielenden Kinder«, erinnert sich Rabbi Sebagh an seine Kindheit in der Mellah, dem jüdischen Viertel von Fes. Mit leuchtenden Augen erzählt er vom Apollo‐Kino am Platz vor dem blauen Stadttor: »Da haben wir uns immer um die besten Plätze gestritten.« Er erinnert sich an die Abende im Kaffeehaus, in dem samstags ein Orchester andalusische Musik spielte. Ein algerisch‐muslimisches Orchester sei es gewesen, das die Nachfahren der spanischen Juden an ihre Herkunft aus Europa erinnerte. Man hörte so gerne die alten Melodien, aber niemand konnte sie mehr spielen – und so lud man eben jene algerischen Musiker ein.
Es liegt eine düstere, bedrückende Stimmung über diesem zerbrochenen Viertel. Immer wieder muss man sich daran erinnern, dass seine Verlassenheit für die ehemaligen Bewohner eigentlich eine Erfolgsgeschichte ist: Wer von hier wegzog, konnte es sich leisten, in einer besseren Gegend zu leben oder nach Frankreich, Kanada oder Israel auszuwandern.
jugend Heute leben noch um die 7.000 Juden in Marokko – in den 50er‐Jahren waren es rund 250.000. Es spielen keine jüdischen Kinder mehr auf den Straßen von Fes. Es gibt keine Beschneidungen mehr zu feiern, keine Barmizwa, keine Hochzeit. »Nicht, dass in Fes keine jüdischen Singles wohnen würden«, sagt der Rabbi und lächelt verschmitzt, »aber die sind alle über 50.«
Rabbi Abraham bleibt vor einem braunen, unscheinbaren Tor stehen. An der Schwelle neben der geöffneten Tür ist in vier Sprachen und ebenso vielen Farben die Aufforderung eingelassen, dreimal zu klingeln: Zuerst in Rot auf Arabisch, dann in Grün auf Französisch, in Schwarz auf Englisch und zuletzt in blauen Lettern auf Hebräisch sind die Worte auf die Wand neben dem Eingang geschrieben, von einer zart geschwungenen roten Linie umrandet. Rabbi Abraham Sebaghs Gruppe tritt durch das Tor in das Licht des Friedhofs. Als die Besucher Bewunderungsrufe über die Schönheit und Ruhe dieses Ortes ausstoßen, deutet der Rabbiner zum ersten und einzigen Mal an, dass nicht alles golden war an der Kindheit in Fes. »Wir haben in dunklen Gassen gelebt. Deshalb haben wir auf dem Friedhof so viel Licht.« Er lächelt dabei und streicht über seinen gleichmäßig gestutzten weißen Bart.
auswanderung Wenn er die traurigen Passagen der marokkanisch‐jüdischen Geschichte übergeht, dann geschieht das vielleicht in Erinnerung an die dunkelsten Zeiten in Europa. Als das Vichy‐Régime wäh‐ rend des Zweiten Weltkriegs von Marokko die Auslieferung der Juden forderte, antwortete König Mohammad V.: »In Marokko gibt es keine Juden. In Marokko gibt es nur Marokkaner.« Während in den 50er‐Jahren andere muslimische Staaten die Auswanderung der Juden zu unterbinden suchten, stand den marokkanischen Juden der Weg nach Israel frei. Und dass Marokko als erster arabischer Staat Israel anerkannte und das Königshaus sich nach wie vor gegen den Iran und seine antiisraelische Politik stellt, haben die Juden Marokkos nicht vergessen.
Schweigend wandert die Touristengruppe zwischen den vielen namenlosen Gräbern umher. Als das jüdische Viertel im 15. Jahrhundert errichtet wurde, war keine Zeit, alle Toten sorgsam umzubetten auf den neuen Friedhof. Dass der »Umzug« des Friedhofs nicht ganz freiwillig geschah, erwähnt Rabbi Abraham nicht.
Stattdessen erzählt er von den großen jüdischen Söhnen und Töchtern, die Fes hervorgebracht hat. Von den Gelehrten Rabbi Moses Ben Maimon natürlich, dem großen Maimonides, der fünf Jahre seines Lebens in Fes verbracht hat, von Rabbi Issak ben Jakob Alfasi, der die Stadt in seinem Namen trägt und dort lebte, bis er 1088 nach Spanien fliehen musste. Und von jenem Mädchen, dessen Grab mit leuchtenden Kugeln wie eine Krone geschmückt ist und sich über die anderen Gräber erhebt. Ein reicher Muslim soll mit allen Mitteln versucht haben, sie dazu zu bringen, ihn zu heiraten – sie aber widerstand Hochzeit und Konversion. Dann tritt Rabbi Sebagh an eine sichtlich neue Grabplatte. »Der Arme«, sagt er leise und legt seine Hand auf den Stein. »Der Arme ist vor zweieinhalb Monaten gestorben, und er war nie verheiratet.« Sebaghs eigene Frau und Kinder leben in Frankreich. »Unsere Gemeinde braucht einen Rabbiner«, erklärt er knapp, warum er selbst hier geblieben ist.
Aus den Häusern, die sich direkt über den Friedhofsmauern erheben, dringt lebhafte arabische Musik. Ein wohltuender kühler Wind weht über das weiße Steinmeer, das die Augen blendet. Rabbi Abraham tritt mit seiner Gruppe wieder durch das Tor in den Lärm der Straße und des Marktes. Die Gruppe verschwindet in der Menge, und es scheint wiederum, als sei die Zeit stehen geblieben in Fes.

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