Ukraine

Trübsal und Trost

von Christian Böhme

Glückliche Zeiten? Liya Zeigerman stutzt. Was für eine abwegige Frage, scheinen ihre kleinen Augen zu antworten. Dann huscht für ein paar kurze Sekunden ein Lächeln über das schmale Gesicht der ukrainischen Jüdin. Ein Zeichen freudiger Erinnerung? Eher Sehnsucht nach etwas, das zu fühlen ihr so gut wie nie vergönnt war. „Alles mühsam und entbehrungsreich“, sagt die 84‐Jährige und meint ein Leben, in dem vieles fehlte: Schutz, Geborgenheit, Zuversicht, Liebe, Freude und Familie – all das war viel zu selten da. Und doch gab es ihn, den kurzen Moment des Glücks, bevor der graue Alltag wieder die Herrschaft übernahm: das Ende des Zweiten Weltkriegs. Für Liya Zeigerman, ihren Vater und die Mutter bedeutete der 8. Mai 1945 das Ende einer jahrelangen Flucht. Und die Gewissheit, als Juden der deutschen Mordmaschinerie entkommen zu sein. Doch der Überlebenskampf ging weiter. Jahr für Jahr. Bis heute.
Liya Zeigermans Hier und Jetzt beschränkt sich auf etwa zwölf Quadratmeter und eine winzige Küchenzeile im dritten Stock eines Plattenbaus sowjetischen Typs in der westukrainischen Stadt Zhitomir. Die Fliesen des braunen Steinbodens sind abgeplatzt. Vier einfache Stühle, ein Tisch, ein Sofa. In der Vitrine stehen weiße Porzellan‐Elefanten und ein paar blaue Tassen. Darüber eine rote Vase mit Plastikrosen – mehr Farbe haben Liya Zeigermans vier Wände nicht. „Ich wünsche mir eine renovierte Wohnung“, sagt sie.
Aber es ist nicht nur trist, sondern auch ziemlich kalt bei Liya Zeigerman, kaum 15 Grad. Heizung? „Njet.“ So sitzt die alte Frau mit einer Strickjacke über dem geblümten Kleid, Wollstrumpfhosen und einem grünen Stirnband auf einem kleinen Stuhl. Den verlässt sie selten. Die Beine schmerzen. Das Herz ist schwach, die linke Hand stark geschwollen. Diabetes und Bluthochdruck, all das macht der zierlichen Frau zu schaffen. Ohne Medikamente käme sie nicht über die Runden. Doch die kosten in der Ukraine inzwischen ein Vermögen, wie vieles andere auch. Dabei stehen Zeigerman monatlich umgerechnet gerade mal 70 Euro staatliche Rente zur Verfügung – für Miete, Lebensmittel, Kleidung und Medizin. Doch wie soll sie das bezahlen? Die Inflationsrate liegt derzeit bei 25 Prozent, offiziell. Das Nötigste wird unerschwinglich für Menschen wie Liya Zeigerman, bei denen es ohnehin nie reicht.
Und der Staat? Er kümmert sich nicht um die Ärmsten der Armen. Zwei Flugstunden von Deutschland entfernt gibt es weder Hartz IV noch Sozialhilfe oder irgendeine Form medizinischer Grundversorgung, wie wir sie kennen. In der Ukraine muss jeder selbst sehen, wo er bleibt. Oder er hat Glück und wird von Hesed gepflegt, einer jüdischen Wohlfahrtsorganisation. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, bedürftige und betagte Schoa‐Überlebende in osteuropäischen Ländern wie der Ukraine mit dem Nötigsten zu versorgen. Für Menschen wie Lydia Zeigerman ist das Überlebenshilfe – im wörtlichen Sinn.
Hesed (Hebräisch für Gefälligkeit) ist es in den vergangenen Jahren gelungen, ein Netz mit Sozialstationen über die gesamte Ukraine zu spannen. Ein Schutzschirm für die Schwachen. Finanziert von der Entschädigungsorganisation Jewish Claims Conference und vor Ort unterstützt vom American Jewish Joint Distribution Committee, gibt es in vielen Städten kleinere und größere Zentren. Von dort wird die Hilfe organisiert. Schätzungsweise 100.000 Schoa‐Opfer – die meisten sind 80 Jahre und älter – leben heute noch auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion. 12.000 von ihnen werden von Hesed in der Ukraine versorgt. Im Alltag heißt das, die Betreuerinnen kochen, putzen, waschen und gehen einkaufen. Und fahren schon mal bis zu 400 Kilometer übers Land, um einen bedürftigen Menschen zu erreichen. Doch die Hesed‐Mitarbeiterinnen sind für die Alten nicht nur dringend benötigte Haushaltskräfte, sondern in der Regel ihr einziger Kontakt zur Außenwelt. Einsamkeit schmerzt oft viel mehr als materielle Not.
Das hat man auch bei Hesed erkannt. In den Tageszentren wird daher viel Wert auf menschliche Wärme und das Miteinander gelegt. Da schmökert man im kleinen Kreis in Zeitungen, lernt Talmud, singt Lieder, feiert jüdische Feiertage, erzählt sich Geschichten aus der Vergangenheit und – lacht. Hauptsache, nicht allein sein, mal rauskommen aus der trüben Monotonie des Alltags, ein bisschen vergessen. Auch für Liya Zeigermann ist es etwas ganz Besonderes, wenn sie der Bus zweimal im Monat zu Hause abholt und zu Hesed bringt. Die Besuche im Tageszentrum „sind mein Ein und Alles“, sagt sie mit einer Überzeugungskraft, die keinen Zweifel zu‐ lässt. Wie auch? Liya Zeigerman weiß, was es heißt, allein zu sein. Sie war es ein Großteil ihres Lebens.
Geboren 1925, wächst sie in einem behüteten jüdischen Haus auf. Das junge Mädchen hat große Pläne, will vielleicht studieren. Doch die Deutschen legen im Juli 1941 das Haus der Familie und damit ihre Träume in Schutt und Asche. Einen Tag später sind die 16‐Jährige und ihre Eltern auf der Flucht – nur mit dem, was sie am Leib tragen. Es geht in Richtung Stalingrad, dann nach Nowosibirsk. Begleitet werden sie von Bomben, Hunger, Kälte und Angst. Doch irgendwie schaffen sie es zu überleben.
Ein schlimmes Schicksal. Aber nicht schlimm genug, um eine monatliche Beihilfe oder Einmalzahlung von Deutschland als Entschädigung zu erhalten. Die Gesetzgebung ist eindeutig – und kompromisslos. Zwar können seit 1998 Schwerstverfolgte in Osteuropa bei der Claims Conference eine regelmäßige finanzielle Unterstützung beantragen – die mit etwas über 170 Euro aber deutlich unter dem für Westeuropa geltenden Satz liegt. Doch selbst diese Summe erhalten jüdische NS‐Opfer nur, wenn sie mindestens sechs Monate in einem Konzentrationslager oder 18 Monate in einem Ghetto gefangen gehalten wurden. Menschen wie Liya Zeigerman gehen bei solch strikten Vorgaben zumeist leer aus.
Das treibt Georg Heuberger immer wieder die Zornesröte ins Gesicht. Der Repräsentant der Claims Conference in Deutschland hat bei Verhandlungen mit Regie‐ rungsvertretern schon oft erlebt, wie unnachgiebig Beamte und Juristen auf ihre Akten und Vorgaben verweisen. „Es wird ein Kleinkrieg gegen die Opfer geführt. Das ist beschämend.“ Die betagten und kranken Menschen hätten keine Zeit mehr, auf die dringend benötigte finanzielle Hilfe zu warten, betont Heuberger. Er schlägt deshalb vor, einen Härtefonds für Osteuropa einzurichten. Das hieße, Schoa‐Überlebende erhielten – wie in Westeuropa – eine Einmalzahlung in Höhe von 2.500 Euro. „Das würde vielen Menschen helfen, ihre Lebenssituation in den noch verbleibenden Jahren zu verbessern“, sagt Heuberger.
Aber der Claims Conference geht es in ihren Gesprächen mit der Bundesregierung nicht nur um individuelle Entschädigung und die damit einhergehende Anerkennung von erlittenem Unrecht. Sie möchte mehr als bisher Einrichtungen wie Hesed finanziell unter die Arme greifen. Bisher darf die Claims Conference aber nur einen kleinen Teil ihrer Mittel für häusliche Pflege, medizinische Betreuung und andere soziale Leistungen verwenden. „Das ist zu wenig“, sagt Heuberger. „Wenn Menschen gebrechlich werden, braucht man mehr Geld, um sie mit dem Allernotwendigsten zu versorgen.“ Dem müsse Rechnung getragen werden. „Und alles wird teurer: Medizin, Lebensmittel – die Preise steigen gewaltig.“
Auch in der Ukraine, vor allem in der Ukraine. Vor 18 Jahren hat sich das Land aus der Umklammerung der untergehenden Sowjetunion gelöst. Der Kapitalismus übernahm vom real verordneten Sozialismus das Zepter. Der mit 600.000 Quadratkilometern größte Flächenstaat Europas bewegte sich in Richtung Westen. Schnelle Autos, gläserne Wolkenkratzer, prall gefüllte Einkaufsregale. Dollar, Dollar, Dollar. Ein junger Nationalstaat entdeckte die Freuden eines angedeuteten Wohlstands.
Doch die Zeiten haben sich geändert. Die weltweite Wirtschafts‐ und Finanzkrise hat die Ukraine an den Rand des ökonomischen Zusammenbruchs gebracht. Wer dieser Tage durch die Hauptstadt Kiew fährt, sieht sehr viele Baukräne. Doch sie stehen still. Es gibt kein Geld mehr. Private Investoren haben sich zurückgezogen. Der Staatsbank droht die Pleite. Renten werden nur noch unregelmäßig ausgezahlt, an sein Erspartes darf der Bürger oft nicht ran. Vielleicht gibt es deshalb so viele Spielkasinos. Sie säumen die großen Straßen und künden mit ihrer Leuchtreklame von Reichtum, der unerreichbar bleibt. Die Ukrainer, so scheint es, suchen das schnelle Glück.
Auch politisch ist das Land gelähmt. Präsident Wiktor Juschtschenko und Regierungschefin Julia Timoschenko messen lieber ihre Kräfte, als gemeinsam etwas zu bewegen. Und dann ist da noch Russland. Der mächtige Nachbar, der einstige große Bruder. Er wird nach dem Georgienkrieg mehr gefürchtet denn je. Es gibt viele, die davon überzeugt sind, dass Moskau sich die Ukraine wieder „einverleiben“ will. Umso größer ist die Enttäuschung darüber, dass EU‐Beitritt und Nato‐Mitgliedschaft in weiter Ferne liegen. „Wir erwarten von Europa im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen überhaupt nichts mehr“, sagt einer, der im Bezirk Lemberg politische Verantwortung trägt. Es sind verbitterte Worte des Zorns.
Im gut 400 Kilometer entfernten Zhitomir denkt Liya Zeigerman in viel kleineren Kategorien. Sie muss ihren Alltag meistern. Das ist schwer genug für eine ge‐ brechliche 84‐Jährige. Aufstehen, frühstücken, fernsehen, ein Arztbesuch, mal vor die Tür treten und auf ihre Betreuerin von Hesed warten. Auf einen Menschen, der sich um sie kümmert. Der ihr Medizin und Lebensmittel bringt, etwas Warmes anzieht. Der mit ihr eine Suppe aus Salzgurken und Buchweizengrütze kocht. Der einfach da ist. Vielleicht empfindet Liya Zei‐ german dann – bewusst oder unbewusst – so etwas wie Glück und Zufriedenheit. Es sind kostbare Momente in ihrem Leben.

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