World Trade Center Archive

Trost in Trümmern

von Christian Böhme

Wo warst du? Drei Wörter nur, aber viel mehr als die simple Frage nach einem Ort. „Wo warst du?“, das ist wie Nine‐Eleven die weltumspannende Chiffre für ein epochales Ereignis. Der 11. September, eine Zeitenwende. Ein Datum, das einteilt zwischen davor und danach, zwischen Sorglosigkeit und Furcht, zwischen Angriff und Verteidigung, zwischen Islam und Islamismus. Und ein Datum, das unauslöschliche Bilder in die Köpfe der Menschen gemeißelt hat. Von Terroristen gekaperte Flugzeuge rasen in das New Yorker World Trade Center. Feuer, Rauch, Glas, Staub, Beton und Stahl. Die Zwillingstürme fallen nacheinander in sich zusammen. Tausende Menschen sterben. Fassungslosigkeit, Leid und Verzweiflung bleiben zurück.
Doch es gibt ein Danach. Der amerikanische Fotograf Joel Meyerowitz hat es archiviert. Aftermath nennt er sein Projekt: (Kriegs)Auswirkungen, Nachwirkungen. Meyerowitz zeigt diejenigen, die sich aufmachten, Ground Zero wieder zurückzugewinnen. Es sind die körperlichen und seelischen Aufräumarbeiten in der Trauerzone, die der jüdische Künstler mit seinen großformatigen Bildern festgehalten hat.
Als die Türme des World Trade Centers noch standen, konnte Meyerowitz (Jahrgang 1938) sie von seinem Büro aus sehen. Unmittelbar nach dem 11. September versuchte der Fotograf, Aufnahmen von dem Gelände zu machen. Doch eine Polizistin hinderte ihn daran. Keine Fotos am Ort eines Verbrechens, hieß es klipp und klar. Keine Fotos, das war für Meyerowitz gleichbedeutend mit: keine Vergangenheit. Hartnäckig versuchte er, rechtmäßig auf das Gelände zu kommen. Und es gelang ihm. Das war der Beginn seines „World Trade Center Archive“.
In den folgenden Monaten machte Meyerowitz mit einer altertümlichen Holzkamera tausende Fotos, die das Ausmaß des Anschlags deutlich machen. Zwei Millionen Tonnen Schutt mußten abtransportiert werden, zuvor oft in Handarbeit durchsucht nach Überresten der Getöteten. Die Aufnahmen zeugen vom unermüdlichen Einsatz der Helfer, von der Kameradschaft und den Gefühlen der Bauarbeiter, Polizisten, Feuerwehrleute, Schweißer, Kranführer. Und von ihrem großen Stolz, etwas Außergewöhnliches für ihre Stadt und sich selbst zu leisten. Sie sind Meyerowitz’ ganz gewöhnliche Helden. Inspiriert wurde der Bildermeister dabei durch die Arbeiten von Walker Evans und Dorothea Lange. Sie hatten in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts die Auswirkungen der Wirtschaftskrise in den USA festgehalten.
Aber Meyerowitz’ Dokumentarfotos haben auch etwas Verstörendes. Sie sind schön, von einer geradezu berauschenden Ästhetik. Eine Abendsonne, die die Ruinen in sanft‐rote Farbe taucht. Gleißendes Sonnenlicht über Trümmerbergen, das sich in Fenstern benachbarter Hochhäuser spiegelt. New York, eine verwundete, aber stolze Stadt. Und ihre Bürger, die die Wunden verbinden. Beiden hat Meyerowitz ein sichtbares Denkmal gesetzt.

joel meyerowitz: aftermath.
World Trade Center Archive. Fotografien und Text von Joel Meyerowitz. 400 Farbfotos, 304 Seiten, 75 Euro. Phaidon Verlag, Berlin 2006 (www.phaidon.com)

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