Oradea

Treffpunkt Hoffnung

von Ben Harris

Im Garten der Zion‐Synagoge kämpfen frisch gepflanzte Obstbäume ums Überleben. Eingezwängt zwischen Synagoge und dem stillen Fluss Crisul Repede, ist er überwuchert und voller Müll. „Ich möchte, dass der Hof der Synagoge schön aussieht“, sagt der 73‐jährige Hausmeister Kepes Sandor, der die Pflaumen‐ und Aprikosenbäume gepflanzt hat. „Es ist doch ein Unding, den Hof einer Synagoge verkommen zu lassen!“ Die Synagoge, deren silberne Kuppel die 210.000-Einwohner-Stadt Oradea im Westen Rumäniens überragt, verfällt. Ihre Inneneinrichtung ist verwüstet. Diebe haben die Kronleuchter und Lampen gestohlen, Dielen und Bänke herausgerissen und im Kampf gegen den bitteren rumänischen Winter als Brennholz benutzt.
Vor dem Krieg war die 1876 errichtete Synagoge Herzstück einer blühenden Gemeinde von 33.000 Juden, von denen über 90 Prozent im Holocaust ermordet wurden. Die wenigen rumänischen Juden, die den Schrecken überlebt hatten, kehrten in das Land zurück, nur um unter dem Kommunismus erneut die Erfahrung zu machen, dass das Judentum in seiner Existenz bedroht war. Doch sie überlebten auch diese Zeit. Seit 1995 jedoch wird die Synagoge kaum noch genutzt. Sie ist ein Opfer des Niedergangs der jüdischen Gemeinde Oradeas.
So wie Garten und Gemeinde der Zion‐Synagoge liegt auch die gesamte jüdische Gemeinschaft Rumäniens seit Jahrzehnten brach. Viele ihrer jungen Leute sind auf der Suche nach einem besseren Leben nach Israel oder in den Westen ausgewandert. Trotz Nazismus, Kommunismus und Auswanderung zeigt das rumänische Judentum neue Lebenszeichen. Gleich um die Ecke von Zion wird ein jüdisches Gemeindezentrum, einschließlich Fitnesszentrum und koscherem Café mit Pizzeria, gebaut. Eine Gruppe von Universitätsstudenten bringt Schwung in den Unterricht an der Religionsschule und hilft, zum Gottesdienst die Synagogenbänke zu füllen. Im Januar traf ein junger Rabbinatstudent aus New York ein, der sechs Monate bleiben wird. Er ist der einzige Rabbiner des Landes außerhalb Bukarests.
„Im Großen und Ganzen gibt es hier in Rumänien eine Renaissance jüdischen Lebens“, sagt Aurel Vainer, Präsident der Vereinigung jüdischer Gemeinden Rumäniens und Vertreter der Juden im Parlament. „Die Juden kehren jetzt zurück und freuen sich, mit ihren Brüdern und Schwestern zusammen zu sein“, sagt Vainer. „Das ist ein anderes Leben heute.“
Heute, beinahe zwei Jahrzehnte nach dem Sturz des brutalen kommunistischen Diktators Nicolae Ceausescu, verblassen die Narben dieser Zeit allmählich. Das Régime Ceausescus war extrem repressiv, seine Geheimpolizei mit 11.000 Mitgliedern gehörte in Relation zur Bevölkerungszahl zu den größten im Ostblock, und noch immer hat das Land mit der Aufarbeitung dieses Erbes zu kämpfen.
Der Optimismus von Aurel Vainer scheint bei den Juden Oradeas aber nicht angekommen zu sein. Unter ihnen dominiert noch immer eine düstere Stimmung. „Nichts ist gewiss hier“, sagt die 20‐jährige Edith Homonnai, die Psychologie und Internationale Beziehungen an der Universität von Oradea studiert und Rumänien lieber heute als morgen verlassen würde. Trotz der Verheißungen einer EU‐Mitgliedschaft „wächst hier alles außer der Lohntüte“, spottet sie. „Niemand kann mir garantieren, dass ich irgendwann die Chance habe, unabhängig zu leben und nicht für den Rest meines Lebens bei meinen Eltern wohnen zu müssen“, sagt sie.
Während sich die Jungen um ihre wirtschaftliche Zukunft Sorgen machen, befürchten die älteren Gemeindemitglieder, dass mit ihnen ein traditionelles jüdisches Leben endet. In ihren Augen lernen die jungen Leute zu wenig über ihr Judentum. „Sie wollen alles, aber sie wissen nichts über ihre Religion und wollen nichts darüber lernen“, sagt Lazar Freund, eines des ältesten Mitglieder der Gemeinde. „Sie machen wunderbare Sachen für das Gemeindeleben, wie Tanzen und Chorsingen“, sagt er, aber „nichts, was mit der Synagoge zu tun hat.“ Mit seinen 85 Jahren ist Freund einer der wenigen, der sich an das Leben vor den Nazis erinnern kann. Seine traurigen Augen geben preis, dass er sich über das, was nach ihm sein wird, keine Illusionen macht.
Zwischen den Jungen und den ganz Alten klafft auf Führungsebene eine große Lücke. Es gibt wenige rumänische Juden zwischen 40 und 60, jenes Alters also, deren Angehörige durch den Holocaust und vier Jahrzehnte kommunistischer Herrschaft fehlen. Wo sie dennoch anzutreffen sind, verfügen sie oft über weniger jüdische Bildung als die Jüngeren, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs heranwuchsen und Bildungs‐ und Reisemöglichkeiten genießen konnten, die ihren Eltern verwehrt waren.
„Man nennt sie die verlorene Generation, sie haben die Verbindung zu ihrer Identität nie richtig gefunden“, sagt Edith Homonnai, die einen wöchentlichen Kurs über die Glaubensprinzipien des Maimonides abhält – für Schüler, die doppelt so alt sind wie sie.
Vielleicht aber liegt die größte Herausforderung, der sich die Juden Oradeas stellen müssen, in den Problemen, die aus der in einem halben Jahrhundert ungebremst ansteigenden Zahl von Mischehen entstanden sind. Unter dem Kommunismus konnten nur die wenigsten Juden jüdische Partner finden. Das heißt, zur jüdischen Gemeinschaft Rumäniens zählen heute zahlreiche Mitglieder, die nach dem Religionsgesetz nicht jüdisch sind.
Menachem Hacohen, der in Israel geborene Oberrabbiner des Landes, erklärte, eines seiner Hauptziele sei die Anerkennung dieser nichthalachischen Juden. Doch seinen Versuchen, das israelische Rabbinat davon zu überzeugen, die Konversionsstandards zu erleichtern, war wenig Erfolg beschieden. „Ich glaube, da ist nichts mehr zu machen“, sagt Hacohen in Bezug auf das Rabbinat. „Wir müssen eigene Wege finden und eigene Werkzeuge schaffen, um dieses Problem lösen zu können.“

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