Australien

Traum und Zwang

Esther Abrahams war 15 Jahre alt und schwanger, als sie in einem Londoner Tuchgeschäft zwei Längen Seide klaute. Der Diebstahl flog auf, und das Londoner Old‐Bailey‐Gericht verurteilte sie zu sieben Jahren Verbannung. Kaum war ihr Baby geboren, wurden Mutter und Kind, zusammen mit 100 anderen weiblichen Strafgefangenen, aufs Schiff verfrachtet und auf hohe See geschickt. Die Reise war kein Vergnügen: Ratten, Kakerlaken, Flöhe und Läuse tummelten sich an Bord, stehendes Abwasser verursachte bestialischen Gestank, das Essen war miserabel, Krankheiten grassierten und Passagiere starben.
Neun Monate und 24.000 Kilometer später legte das Schiff Anfang 1788 auf der anderen Seite der Erdkugel an. Mit ihrem Baby auf dem Arm kletterte Esther aus dem Bauch des Segelschiffes, und hielt sich, geblendet von der Sonne, die Hand vor die Augen: Es war der 26. Januar, Hochsommer in New South Wales.
Esther gehörte zu den 14 Juden der britischen First Fleet, der ersten Flotte, die von England aufbrach, um Australien zu besiedeln. Sie brachte insgesamt 759 Verurteilte nach New South Wales, sie sollten dort die erste europäische Kolonie gründen. Die Taschendiebe und Straßengauner konnten sich glücklich schätzen: Die Deportation war die Alternative zur öffentlichen Exekution und somit das kleinere Übel für die Delinquenten.

liebe Esther, ein hübsches Mädchen mit schmalem Gesicht und Mandelaugen, hatte eine Portion Glück obendrein. An Bord des Schiffes befand sich der 23‐jährige Leutnant George Johnston, der erste britische Offizier, der nach Sydney gesandt wurde, und später Vize‐Gouverneur der Kolonie werden sollte. Der schneidige, gut aussehende Schotte verliebte sich in Esther. Die junge Frau brachte sieben Kinder zur Welt und wurde schließlich am 12. November 1814 in der St. John’s Kathedrale in Sydney mit George vermählt.
George und Esther gründeten eine angesehene Familiendynastie: Sohn Robert wurde der erste in der Kolonie geborene Offizier in der Royal Navy, Enkel George Robert Nichols war der erste in Australien geborene Rechtsanwalt, der in New South Wales zugelassen wurde. Er machte sich einen Namen als Verteidiger jüdischer Rechte.

pioniergeist Die meisten der nach Australien ausgewiesenen Juden stammten aus den Elendsvierteln im Londoner Eastend. Sie waren noch halbe Kinder, und man verurteilte sie für Bagatellen wie Taschendiebstähle. In Australien wurden sie zu »anständigen« Bürgern und trugen, unter den widrigsten Bedingungen in einem harschen, unfruchtbaren und heißen Kontinent, wesentlich zum Aufbau einer zivilisierten Gesellschaft bei. So zum Beispiel John Harris, der acht silberne Löffel gestohlen hatte, und dessen Todesstrafe in Verbannung umgewandelt wurde. Er landete 1788 mit der »Scarborough« in Sydney Cove und fand eine Sträflingskolonie ohne öffentliche Sicherheit und Ordnung vor. Sein Vorschlag, eine öffentliche Polizei einzurichten, fand Gehör beim Gouverneur, und Harris wurde der erste Polizist Australiens. Harris’ Enkel John George Lang avancierte mit seinem Buch Botany Bay oder Wahre Geschichten der frühen Tage Australiens zum ersten Schriftsteller der Kolonie.
Bemerkenswert ist auch die Karriere von Emanuel Solomon, der als 15‐Jähriger wegen Diebstahls zu sieben Jahren Verbannung verurteilt wurde. Ausbruchsversuche und wiederholte Aufsässigkeit brachten ihm 75 Stockhiebe und drei weitere Jahre Deportation in das gefürchtete Sträflingslager in Newcastle, nördlich von Sydney, ein. Nach seiner Entlassung jedoch wurde er ein angesehener Kaufmann in Südaustralien, eröffnete mit 3.000 Pfund das erste Theater in Adelaide, und war 1848 Mitbegründer der dortigen Synagoge.
Inzwischen ist in Großbritannien die Todesstrafe abgeschafft, und es werden auch keine Gefangenen mehr in ferne Kolonien verbannt. Heute kommen die Briten freiwillig nach Australien. Während die Zahl der Einwanderer aus dem Königreich in den 90er‐Jahren bei etwa 9.000 lag, steigt sie seit einigen Jahren kontinuierlich an. Inzwischen kommen pro Jahr rund 23.000.
Es ist schwierig einzuschätzen, wie viele jüdische Immigranten sich unter den britischen Neuankömmlingen befinden: Das australische Statistikamt erhebt von den Migranten keine Daten zu ihrer Religionszugehörigkeit.

zögern »Das Interesse unter britischen Juden ist wirklich groß«, sagt der australische Migrationsagent Ivan Chait. Er ist gerade aus London zurückgekehrt, wo er ein Informationsseminar für auswanderungswillige Juden gehalten hat. Ihm ist aufgefallen, dass sich zwar viele interessieren, doch die Auswanderung vor allem aus finanziellen Gründen nicht wagen. Weil der Immobilienmarkt abgestürzt ist, lassen sich die meisten Häuser nur unter Wert verkaufen. So warten denn viele auf bessere Zeiten. Und es drängt ja auch nicht: Schließlich möchten die meisten England nicht deshalb verlassen, weil es so unerträglich ist, sondern weil Australien lockt.
Diejenigen Juden, die dort ein neues Leben angefangen haben, bereuen es keine Sekunde. Einer von ihnen, Jonathan Keren‐Black, machte vor über 20 Jahren, damals war er noch Student, gemeinsam mit seiner Frau ein paar Monate Urlaub in Australien. Das Land gefiel ihnen und ließ sie nicht mehr los. Viele Jahre später, Jonathan arbeitete inzwischen als Rabbiner in der Nähe von London, suchte die inzwischen vierköpfige Familie eine neue Gemeinde. Ehefrau Sue sah das Vorhaben pragmatisch: »Wenn wir schon die Gemeinde wechseln, können wir auch gleich in ein anderes Land gehen.« Als Jonathan eine Stelle in Melbourne angeboten wurde, machten sie sich auf den Weg. Sue ist Lehrerin und hält Australien für den idealen Ort, um ihre Kinder Naomi und Adam großzuziehen. Der einzige Wermutstropfen ist, dass die Verwandtschaft – Großeltern, Tanten, Cousinen, Nichten – so weit weg ist. Dennoch wünscht sich Sue »nur wenn das Thermometer mal wieder auf unerträgliche 40 Grad klettert« nach England zurück.
Egal, wen man fragt: Sonne, Sand und Meer, die unzähligen Sportmöglichkeiten unter freiem Himmel, das unkomplizierte Leben der Australier und eine gesunde Balance von Freizeit und Job sind ausschlaggebend für die ausreisewilligen Briten. Für Hobby‐Maler Jonathan Keren‐Black gibt es noch einen weiteren Grund: Er ist hingerissen vom Licht auf diesem Kontinent. »England ist kein geeigneter Ort zum Malen.«

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