Hochschule für Jüdische Studien

Transparente Lehre

von Veronique Brüggemann

Drei Säcke Beton stapeln sich wie eine mehrstöckige Torte an das alte Bankgebäude, das die Hochschule für Jüdische Studien (HfJS) beherbergt. Der Rohbau steht. Aus der kleinen Baustelle in der Heidelberger Altstadt ist plötzlich eine richtiges Ge- bäude geworden. Eine Schicht fehlt noch: das Dach. Es wird bis an die oberste Fens- terreihe des Altbaus reichen. Bei Baustellenbegehung und Richtfest kurz vor Jahreswechsel war Gelegenheit, sich die Zu- kunft der Hochschule auszumalen.
»Man kann sich die Räume, die Größe, wie alles verteilt sein wird, gut vorstellen. Es fehlt eigentlich nur noch die Inneneinrichtung«, findet Studentenvertreter Jonathan Walter. Es gibt kaum Wände, dafür aber ein Wald aus dünnen Stahlsäulen, die die Betondecken tragen. Sie sollen durch jede Menge Glas ersetzt werden. »Alles bleibt so transparent wie momentan. Da- mit von innen und außen sichtbar ist, was hier passiert«, erklärt Architekt Hansjörg Maier. Er steht im ersten Stock in einem Seminarraum und zeigt in Richtung Altbau. Dort wird ein Durchbruch entstehen, der den Anbau mit der bisherigen Bibliothek verbindet. Die wird in Zukunft doppelt so groß sein und bekommt einen direkten Zugang zum Innenhof und eine Lesegalerie im zweiten Stock.
Momentan ist die Hochschule auf vier verschiedene Gebäude in der Altstadt verteilt. Schon im Herbstsemester soll alles zusammenfinden. Natürlich seien die kürzeren Laufwege dann viel praktischer, meint Jonathan Walter. »Es gibt auch ein viel besseres Gemeinschaftsgefühl, wenn alle an einem Platz sind.«
6 Millionen Euro kostet dieser Glaspalast, Inneneinrichtung eingeschlossen. Durch ihn bekommt die Hochschule wesentlich mehr Platz. Auf 2.900 Quadratmetern, statt wie bisher auf 1.900, kann in Zukunft studiert, gelehrt, geforscht und verwaltet werden. Drei kleinere und einen großen Seminarraum wird es geben, außerdem wird der historische Gewölbekeller durch eine Schiebetür in Mensa und Hörsaal geteilt. Die Räume sollen mit fest installierten Beamern und anderem Equipment ausgestattet werden. Im Erdgeschoss, direkt unter der Bibliothek, wird das Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden seinen Platz finden.
Im zweiten Stock wird das Zentrum der Rabbinatsausbildung sein: »Ein Beit Mi- drash unter Leitung des Hochschulrabbiners mit eigener Bibliothek für das Lernen«, erklärt Rektor Johannes Heil. Rabbiner Shaul Friberg zeigt seinen Kindern schon einmal seinen künftigen Arbeitsplatz. Neben Lesegalerie und Rabbinatsausbildung entstehen im Obergeschoss drei Apartments für Gastdozenten, außerdem Büros für Verwaltung und Dozenten.
Die »Herzkammer des Hauses«, so Heil, befindet sich unterirdisch, eingerahmt von rotem Sandstein: die neue Caféteria im denkmalgeschützten Gewölbekeller aus dem 15. Jahrhundert. Früher war er Teil des höfischen Turnierplatzes, in Zu- kunft werden hier ganztägig koschere Speisen serviert. »Hier bekommen wir eine Mensa, die der natürliche Treffpunkt der HfJS wird«, glaubt Heil. Bislang serviert Hochschulköchin Lyudmila Rabinowitsch jeden Mittag in einer Dreizimmerwohnung Suppe, Salat und Fleisch.
Manchmal kommen 30, manchmal aber auch nur fünf Leute. Das soll ab Oktober anders werden. 80 Essen pro Tag sind dann einkalkuliert. Die Küche könne auch 110 Leute verköstigen. »Mit Eröffnung des Neubaus wird die Hochschule eigenständiges Mitglied im Heidelberger Studentenwerk sein«, sagt der Rektor. Und das beinhaltet nicht nur die professionelle mil- chige Küche, sondern auch die Einführung der Campus-Card, mit der sowohl das Essen wie auch Fotokopien bezahlt als auch Bücher ausgeliehen werden können.
An Gemütlichkeit soll es im neuen Glas- palast nicht fehlen. »Wir haben als Treffpunkte die Mensa, den Innenhof und noch eine Sitzecke mit Getränkeautomat«, sagt Heil. »Ich denke, wir werden noch mehr auf den Treppen vor dem alten Eingang sitzen, da muss ja jetzt keiner mehr durch«, schlägt Jonathan Walter vor.
Bleibt nur die Frage, wie das große Haus mit Leben zu füllen ist. Studenten erhofft sich Heil aus den Gemeinden und aus dem Ausland. Wie zum Beispiel aus Beer Schewa, dafür hat die Hochschule in diesem Jahr mit einem Kooperationsab- kommen mit der Ben-Gurion-Universität gesorgt. Außerdem soll der Keller zusätzlich als Veranstaltungsort für Lesungen oder Konzerte genutzt werden. Die erste Lesung wird der Schriftsteller und ehemaliger HfJS-Professor Reuven Kritz halten.
»Ich glaube wirklich, dass mit dem Neubau sehr vieles besser und schöner wird«, meint der Studentenvertreter. Im neuen Haus wird auch inhaltlich Platz für Expansionen sein, wie beispielsweise für einen Lehrstuhl in »Israel Studies«, die das Heilige Land und seine Nachbarn aus sozialwissenschaftlicher Perspektive untersuchen. »Man muss auch auf Interessen der Studenten und Bedürfnisse derer eingehen, die sie später einmal einstellen«, sagt ihr Vertreter. Gerade die Idee zu diesem Lehrstuhl sei auch maßgeblich durch Anfragen der Studenten entstanden. Politik, Gesellschaft und Wirtschaft des heutigen Israel fehlen meist im Vorlesungsverzeichnis. Außerdem regte Ministerpräsident Günther Oettinger die Schaffung eines »Ben-Gurion-Lehrstuhls« für die Erforschung und Vermittlung des modernen Israels an.
Für weitere Bauvorhaben fehlt es Unirektor Johannes Heil nicht an Ideen: Langfristig möchte er auch ein Studentenzentrum mit Wohnheim und Kindergarten realisieren.

Die Autorin ist Studentin an der Hochschule in Heidelberg.

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