Anhalter

Trampen ist Sünde

von Wladimir Struminski

Elijahu Ascheri wurde nur 18 Jahre alt. In der vergangenen Woche war der Bewohner der Westbank‐Siedlung Itamar von palästinensischen Terroristen gekidnappt und anschließend erschossen worden. Bei der Entführung wurde dem jungen Mann die Tatsache zum Verhängnis, daß er auf den unsicheren Straßen des Westjordanlandes per Anhalter unterwegs war und so seinen Mördern ein leichtes Ziel bot. Kurz anhalten, das Opfer mit einer Waffe in den Wagen zwingen, Gas geben – das ist alles, was die Entführer tun müssen, um eines Israelis habhaft zu werden.
Diese Erkenntnis ist nicht neu. Nur wenige Wochen zuvor konnten zwei junge Frauen in der Westbank Ascheris Schicksal knapp entkommen. Die Armee warnt seit langem vor dem Anhalten unbekannter Fahrzeuge. Nach der Ermordung des jungen Mannes hat die nationalreligiöse Rabbinerorganisation Tzohar ein halachisches Verbot des Trampens erlassen. Unter Berufung auf das religiöse Gebot „Ihr sollt Euer Leben hüten“ betonten die Schrift‐gelehrten, fahrlässiges Mitfahren komme der Lebensgefährdung gleich. In Ermange‐lung ausreichender Busverbindungen se‐hen sich vor allem junge Menschen in den entlegenen Siedlungen des Westjordan‐landes gezwungen, nach wie vor in fremde Wagen zu steigen. Nach dem jüngsten Mordfall plant die Busgenossenschaft Egged die Errichtung neuer Haltestellen in der Westbank. Ihrerseits will die Armee den Einsatz zusätzlicher Streckenbusse subventionieren. Die Siedler selbst versuchen, das Netz von Mitfahrgelegenheiten auszubauen.
Inzwischen ist das Trampen auch im israelischen Kernland ziemlich out. „Vor 30 Jahren“, erinnert sich Jehuda, pensionierter Beamter aus Jerusalem, „konnten Soldaten sicher sein, daß sie nicht lange warten mußten, bis jemand für sie anhielt. Ich selbst habe immer wieder gehalten, bis der Wagen voll war. Die Soldaten waren wie unsere eigenen Kinder und Brüder.“ In entlegenen Regionen hielten die freundlichen Israelis auch für Zivilisten an. Seitdem hat sich die Lage gründlich gewandelt. „Weder halte ich für Unbekannte an noch fahre ich bei Unbekannten mit, wenn ich keinen Wagen habe“, sagt Schabtei, ein Student aus Haifa. „Beides ist mir zu gefährlich.“
Wie Schabtai denken die meisten. „Heute hat jeder Angst vor jedem“, sagt Buchhalterin Anat aus Aschdod. „Wenn ein Soldat am Wegesrand steht, kann man nicht sicher sein, ob er ein Soldat oder ein Terrorist ist.“ In der Tat haben sich Terroristen bei ihrem „Einsatz“ schon häufiger als Soldaten oder als religiöse Juden verkleidet. Im März dieses Jahres mußten das Ehepaar Helena und Rafi Halevy und zwei mitreisende Jugendliche sterben, als sie einen jungen ultraorthodoxen Mann in ihren Wagen steigen ließen. In Wirklichkeit war der vermeintlich strenggläubige Jude ein palästinensischer Selbstmordattentäter. Zwar ereignete sich der Vorfall in der Westbank, doch macht die Angst vor einer Wiederholungstat an der Staatsgrenze nicht halt. Aus Furcht vor Terroranschlägen untersagt denn auch die Armee ihren Angehörigen das Trampen.
Es ist nicht nur die Angst vor Anschlägen, die den Trampern zusetzt. „Die Sitten sind anders geworden“, sagt Jehuda. „Die Gewaltkriminalität nimmt zu. Deswegen nehme ich keine jungen Männer mit.“ Auch junge Frauen sind Jehuda nicht geheuer. „Ich selbst wurde von einer Soldatin bestohlen“, klagt er. „Und man hört Geschichten über Mädchen, die behaupten, man habe sie sexuell belästigt.“ Auf der anderen Seite möchte Jehuda junge Frauen nicht auf der Straße stehenlassen. Sein Kompromiß: Junge „Tramperinnen“ kommen mit, wenn die eigene Ehe‐
frau mit im Wagen sitzt.
Ein weiterer Grund für die Mitnahme‐Unlust der Fahrer ist sozialer Natur. Seit sich das einstmalige Pionierland Israel zu einer Hochburg des Wohlstands gewandelt hat, beklagen Soziologen einen allgemeinen Verfall der sozialen Solidarität. Den bekommt Ruthi aus Mewasseret Zion bei Jerusalem, zu spüren. „In unserem Viertel gehören wir zu den wenigen Familien, die nur einen Wagen haben, und mein Mann braucht ihn tagsüber“, sagt sie. „Deshalb warte ich morgens auf dem Bürgersteig, damit mich jemand zur Bushaltestelle mitnimmt. Es hält aber keiner an“, klagt die Mitarbeiterin einer Jerusalemer Behörde. Eran, ein 20jähriger Soldat, ist verbittert. „Manchmal warte ich eine Stunde lang, bis einer hält.“

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