„Atrium“

Tradition verpflichtet

von Bettina Spoerri

Ein für viele Besucher unbekannter Verlag präsentierte sich vergangenen Herbst auf der Frankfurter Buchmesse erstmals mit eigenem Stand. Im Programm zehn Titel, darunter Fabian von Erich Kästner, das 1933 von den Nationalsozialisten öffentlich verbrannt wurde, neue Editionen von Hermann Kesten, aber auch Ersterscheinungen wie Christopher News Roman Die Kaminsky‐Taktik über „halbjüdische“ Kinder während des Zweiten Weltkriegs in Österreich und Michael Schulzes Biografie der berühmten jüdischen Wiener Salonière Berta Zuckerkandl‐Szeps.
Atrium heißt der Verlag, dessen Name für Kenner der deutschsprachigen Literaturgeschichte freilich so neu nicht klingt. Seine allerersten Anfänge gehen auf das Jahr 1924 zurück. Damals gründete Edith Jacobsohn, deren Ehemann Siegfried Herausgeber der berühmten Berliner Wochenzeitschrift Die Weltbühne war, in Berlin eine literarische Agentur, die bald auch Bücher publizierte. Williams & Co entwickelte sich sehr bald zu einem erfolgreichen Kinder‐ und Jugendbuchverlag. Ihre Autoren rekrutierte Edith Jacobsohn auch aus dem Mitarbeiterkreis ihres Mannes. Legendär ist die Geschichte, wie sie den Weltbühne‐Autor Erich Kästner motiviert, ja, regelrecht bedrängte, doch einmal ein Kinderbuch zu schreiben. Das Resultat ist bekannt: 1929 erschien Emil und die Detektive, das zum Weltbestseller wurde. Williams & Co. hatte auch sonst eine glückliche Hand: Hier wurden die deutschen Ausgaben von erfolgreichen englischen Kinderbüchern wie Pu der Bär, Doktor Dolittle und Mary Poppins publiziert.
Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, emigrierte die Jüdin und Linke Edith Jacobsohn über Wien und die Schweiz nach England. Die Geschäftsführung ihres Unternehmens in Berlin überließ sie ihrer nichtjüdischen Mitarbeiterin Cecilie Dressler. Wenig später kaufte der jüdische Verleger Kurt Maschler Williams & Co. auf und gründete 1935 in Basel den Atrium Verlag, damit Erich Kästner, dessen Texte in Deutschland verboten waren, seine Bücher weiterhin veröffentlichen konnte. Maschler übertrug fast alle Rechte von Williams & Co. an Atrium und verlegte den Verlagssitz nach Zürich. 1937 muss‐te der Verleger, wie zuvor viele seiner Autoren, aus Deutschland fliehen; von London aus führte er den Atrium‐Verlag weiter. Von den späten 1930er bis in die 1950er Jahre erschienen hier Bücher von Kästner, Stefan Zweig und Kurt Tucholsky aber auch von Dostojewski, Mark Twain und dem jungen Norman Mailer.
Doch ab Mitte der 1950er Jahre kamen bei dem inzwischen in Zürich ansässigen Verlag immer weniger Publikationen heraus. 1976 –Maschler war inzwischen 78 Jahre alt – übernahm die auf Kinderbücher spezialisierte deutsche Verlagsgruppe Oetinger Atrium und führte ihn als eigenständigen Verlag weiter. Doch Bücher erschienen nur noch in sehr lockerer Folge, das traditionsreiche Haus mit seiner einst regen Editionstätigkeit versank in einen jahrzehntelangen Dornröschenschlaf.
Warum gerade jetzt der Neustart? Und warum war er nicht früher möglich? „Es brauchte ein finanzielles Polster“, begründet es Sabine Lammers, Programmverantwortliche des neuen Atrium‐Verlags. „Dieses Polster ist jetzt vorhanden durch die Verkaufserfolge der Bücher von Cornelia Funke (Tintenherz) in der Oetinger Verlagsgruppe. Zudem sind nun auch alle temporär vergebenen Rechte an Kästner‐Texten wieder bei Atrium.“ Die promovierte Literaturwissenschaftlerin Lammers war zuvor Programmleiterin beim Berlin Taschenbuch‐Verlag. Zu Atrium wechselte sie, weil es sie reizte, ein neues, eigenständiges Programm zu gestalten. Silke Weitendorf, die Tochter von Heidi Oetinger, ist als Leiterin der Verlagsgruppe Oetinger gleichzeitig Atrium‐Verlegerin, ihr Sohn Till Weitendorf ist für das Marketing zuständig. Alle drei wohnen in Hamburg; trotzdem wollen sie am früheren Hauptsitz des Verlags in Zürich festhalten und so auch geografisch an dessen Tradition anknüpfen. Und natürlich hilft ein Standbein in der Schweiz, was Marketing und Vertrieb anbelangt.
Atrium will sein Programm systematisch weiter ausbauen, mit acht bis zehn neuen Titeln pro Saison: Biografien, Romandebüts, Wiederentdeckungen und Übersetzungen sollen den Kern bilden. Die Schoa und ihre Folgen sowie Biografien jüdischer Persönlichkeiten werden ein thematischer Schwerpunkt sein, doch, sagt Sabine Lammers, „auch Texte, welche die aktuelle globale Migration behandeln“. Dieses Vorhaben setzt das zweite Verlagsprogramm in diesem Frühjahr um: Neben Stefan Ernstings Biografie des Autors Alexander Moritz Frey, der im Ersten Weltkrieg mit Adolf Hitler im Schützengraben saß und 1933 in einem Autokofferraum versteckt nach Österreich fliehen musste, sowie zwei Neueditionen – Erich Kästners Gedichte Sachliche Romanzen und Hermann Kestens Roman Abenteuer eines Moralisten – bringt Atrium als deutsche Erstausgaben zwei aktuelle Romane über Flucht und Illegalität heute heraus: Dionne Brands Wonach sich alle sehnen erzählt vom Vietnamkrieg 1970, Jamal Mahjoubs Die Beweglichkeit der Breitengrade spielt im Sudan.

www.atrium-verlag.com

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