würzburg

Tradition und Zukunft

von Gisela Burger

Knapp 200 Mitglieder zählte Würzburgs jüdische Gemeinde, als sie am 24. März 1970 ihre erste Synagoge nach dem Zweiten Weltkrieg einweihte. Die Zeitungen titelten damals, sie sei Ausdruck des Dennochs. Heute hat die Jüdische Kultusgemeinde in Würzburg und Unterfranken 1.100 Mitglieder, und wieder eröffnet sie ein Gemeindezentrum. Ein größeres. Denn nachdem 1989 der Eiserne Vorhang gefallen war, kamen jüdische Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, und die Gemeinde wuchs stetig, bis irgendwann die Räume in der Valentin‐Becker‐Straße nicht mehr für sie ausreichten.
Schon im Hochmittelalter war die Würzburger Gemeinde ein bedeutendes Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit. Dies belegen mehr als 1.500 jüdische Grabsteine, die 1987 bei Abrißarbeiten im Stadtteil Pleich entdeckt wurden. Ein sensationeller Fund. So viele mittelalterliche Grabsteine wie in Würzburg gibt es nirgendwo sonst auf der Welt, heißt es.
Als der Gemeinde Anfang der 90er Jahre durch die wachsende Zuwanderung ihr altes Zentrum zu klein wurde, wußte der langjährige Gemeindevorsitzende David Schuster genau: Wenn wir neu bauen, dann müssen auch die Grabsteine einen würdigen Platz bekommen. Das neue Gebäude sollte allerdings nicht nur eine Kultur‐ und Freizeitstätte entstehen, sondern an die eigene Tradition anknüpfen und ein lebendiges Zentrum jüdischer Orthodoxie werden. Dafür wollte man besonders auch die Jugend gewinnen und plante daher ein Begegnungszentrum für sie.
Tradition und Zukunft, kaum irgendwo anders treffen sie so zusammen wie in Würzburg. Die traditionell orthodoxe Gemeinde zieht in ein modernes Gebäude. Die großen Glasfronten geben dem Passanten einerseits Einblick in das Dokumentationszentrum, das die Grabsteine beherbergt und über die Geschichte der Juden in Würzburg und Unterfranken informiert.
Der Vorbeigehende sieht aber auch etwas vom vielfältigen Leben, das sich in den anderen Räumen abspielt: Krabbelgruppe, Jugendklub, Seniorenzentrum, Küche, Speisesaal und Bibliothek. Bildungsangebote können die Mitglieder ebenso nutzen, etwa Deutsch‐ und Computerkurse oder Unterricht in einigen Schulfächern. Der Vorbeigehende erfährt somit die Botschaft: diese besondere Adresse lädt zum Besuch ein, beherbergt aber weitaus mehr als ein Museum.
»Das Haus steht allen offen, Juden und Nichtjuden, aber unsere Richtung bleibt orthodox‐traditionell, so wie die Gemeinde seit 700 Jahren geführt wird«, sagt Rabbiner Jaakov Ebert, der seit fünf Jahren in Würzburg amtiert. Trotz all der Hilfs‐, Freizeit‐ und Bildungsangebote bestehe in der Gemeinde der Grundgedanke, daß das Zusammengehörigkeitsgefühl über die Pflege jüdischen Geisteslebens und der Religion wachse. »Das bindende Element ist unser Judentum, nicht der Computer‐ oder Deutschkurs«, betont Rabbiner Ebert. »Nur auf diesem Weg können wir uns als jüdische Gemeinde bezeichnen.« 90 Prozent der Mitglieder seien Zuwanderer. »Sie haben hier kennengelernt, was Judentum beinhaltet. Eine sehr erfreuliche Bilanz«, sagt der Rabbiner.
In Shalom Europa werde Jüdischkeit gebraucht, sagt auch Josef Schuster, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde und Sohn des langjährigen Vorsitzenden David Schuster. »Wir sind kein Kulturverein. Im Mittelpunkt bleibt die Synagoge.«
Josef Schuster setzt damit auch die Arbeit seines Vaters fort, der 1956 aus Israel nach Würzburg zurückkehrte, um die Gemeinde nach dem Selbstverständnis des berühmten Rabbiners und Begründers der Würzburger Orthodoxie aus dem 19. Jahrhundert, Seligmann Bär Bamberger, wiederzubeleben.
Daß die Würzburger Orthodoxie weiter Leitbild des Gemeindelebens ist, begrüßt auch Mordechai Ansbacher, ehemaliges Mitglied der Gemeinde. Gemeinsam mit seiner Frau Zippora kam er zur Einweihungsfeier. 1927 als Max Ansbacher in Würzburg geboren, überlebte er Theresienstadt und Auschwitz und war 1961 Zeuge im Prozeß gegen Adolf Eichmann. In den 60er Jahren leitete er die Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem.
»Wir hatten lange gezögert, wieder einen Fuß in dieses Land zu setzen«, sagt der Historiker. Seit Jahren engagiert sich das Paar intensiv in der deutsch‐israelischen sowie christlich‐jüdischen Verständigung. Regelmäßig nehmen die Ansbachers an Treffen des Denkendorfer Kreises der evangelischen Landeskirche von Baden‐Württemberg teil. Auch für ein Neuentstehen jüdischen Lebens in Deutschland setzte sich der heute 79jährige ein. Jetzt freut er sich über das neue Zentrum Shalom Europa.
Das Jugendbegegnungszentrum steht für die Zukunft der jüdischen Gemeinde Würzburg. Es auszubauen und ihm einen europäischen Rahmen geben zu können, verdankt die Gemeinde vor allem der Ronald S. Lauder Foundation. Doch die Jugend fühlte sich auch vor dem Neubau schon wohl in Würzburg. Damals traf sie sich noch im ehemaligen Altenheim. »Das entsprach natürlich nicht den modernen Anforderungen, wir hatten aber Räumlichkeiten, die wir sehr kurzfristig bieten konnten«, sagt Josef Schuster. Im neuen Zentrum gibt es 90 Plätze für Seminare, Tagungen und Veranstaltungen.

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