Tore

Tonnenschwere Flügel

von Miryam Gümbel

In sechs Wochen ist es soweit: Die Synagoge des neuen Gemeindezentrums am Jakobsplatz wird feierlich eröffnet. In diesen Tagen wird das große Eingangstor eingesetzt. Die beiden Flügel sind jeweils 1,17 Meter breit und 5,80 Meter hoch. Jeder der beiden Flügel wiegt rund 1.500 Kilogramm.
Entworfen und gefertigt hat sie der ungarische Metallbildhauer János Lehoczky aus Szentendre bei Budapest. 1942 in der ungarischen Hauptstadt geboren, hatte dieser eine Lehre als Kunstschlosser bei dem renommierten Károly Bieber aufgenommen. Früh schon arbeitete er im Bereich Konservierung und Restaurierung im Károly‐Ferenczy‐Museum. Daneben hatte er sich eine eigene Werkstatt in Szentendre eingerichtet. Mit handwerklichem Können, historischem Wissen und Kreativität hat er beeindruckende Werke in ganz unterschiedlichen Stilrichtungen geschaffen – weltweit, sogar in Japan.
Über seine Arbeiten ist auch die Israelitische Kultusgemeinde München auf ihn aufmerksam geworden. Robert Guttmann, Vorstandsmitglied der IKG, gebürtiger Budapester, der dort unter anderem ein Hotel gebaut hat, stellte über seinen dortigen Architekten Erdös Mihaly den Kontakt her.
Es folgten Gespräche, Entwürfe, Beratungen. Ideen wurden geboren und wieder verworfen. Schließlich setzte sich derjenige Entwurf von János Lehoczky durch, bei dem dieser die Struktur des Zeltdachs der neuen Synagoge aufgenommen hat. Ebenso wie bei dieser fällt der Magen David, der Davidstern, nicht als singuläres Element ins Auge. Vielmehr ist er vernetzt und im Hintergrund die stets präsente Basis. Vor rund einem halben Jahr konnte János Lehoczky dann gemeinsam mit seinem Sohn und Partner Tivadar an die Umsetzung der Pläne für die Torflügel gehen.
Größe und Gewicht erforderten dabei eine ganz besondere Vorgehensweise. Aus Deutschland wurde der Stahlrahmen geliefert, in den die beiden Türflügel millimetergenau eingepaßt werden mußten. Zunächst einmal wurden diese aus Stahl gearbeitet, dann mit der sichtbaren Bronzearbeit verkleidet. Konstruktion wie Feinarbeit wurden in der Werkstatt der Lehoczkys in Szentendre geleistet, Guß und Zusammenfügung erfolgten in einer Budapester Gießerei.
Die Flügel haben derart beeindruckende Ausmaße, daß sie in Lehoczkys Werkstatt nur horizontal Platz haben. Ihre 5,80 Meter Höhe überragen zwei Stockwerke eines durchschnittlichen Wohnbaus. Auf der Außenseite, die für alle Passanten der Synagoge sichtbar sein wird, sind über dem mit dem Zeltfach der Synagoge korrespondierenden Geflecht der Davidsterne die ersten zehn Buchstaben beziehungsweise Zahlensymbole des hebräischen Alphabets aufgesetzt. An der Innenseite stehen – ebenfalls in hebräischen Lettern – einige Sätze aus der Tora. Diese sind zur Außenseite des Jakobsplatzes hin nur sichtbar, wenn die Tore geöffnet sind.
Bei der Arbeit an den Türen mußte János Lehoczky auch deren immensem Gewicht Tribut zahlen. In nahezu quadratischen Einzelteilen wurden die Türelemente immer wieder zwischen Gießerei und Werkstatt zu den jeweils notwendigen Arbeitsschritten hin‐ und hertransportiert. Gemeinsam mit den Mitarbeitern prüfte Tivadar Lehoczky ein ums andere Mal, daß alle Kanten genau im Lot standen. Schließlich darf beim Öffnen und Schließen des tonnenschweren Tores nichts klemmen, betonte János Lehoczky. Bei einem solch anspruchsvollen Werk müssen technisches, handwerkliches und künstlerisches Know‐how zusammenwirken.
Handarbeit ist dabei nicht nur in der Schlußphase ein wesentliches Element. Zu sehen, wie mit einem winzigen Bürstchen die Bronzefläche so aufpoliert wird, daß die Hell‐Dunkel‐Wirkung paßt, weckte fast ein wenig Ehrfurcht vor der handwerklichen Leistung, die hier in Szentendre mit hohem persönlichen Engagement gepaart ist. Das Synagogentor ist für Vater und Sohn Lehoczky mehr als ein alltäglicher Auftrag.
Und so verabschiedeten sie diese für sie so wichtige Arbeit auch in besonderer Weise. Bevor der Schwerlasttransporter mit dem Tor sich in Richtung München aufmachte, stellten sie dieses am vergangenen Dienstag einer ausgewählten Öffentlichkeit in dem Atelier‐Gelände in Szentendre vor.
Für die Münchner Kultusgemeinde und in Vertretung von Präsidentin Charlotte Knobloch ging Robert Guttmann in seiner Rede auf die Bedeutung dieser Tore und der neuen Synagoge ein: „Wenn man ein Haus baut, tut man dies, weil man für die Zukunft seine Heimstatt gefunden hat. Das Tor zu einem Haus ist nicht nur für seine Bewohner und Nutzer gemacht, sondern auch für die ganze Stadt, ja sogar für das ganze Land. Es ein wichtiges Zeichen. Man erkennt von außen bereits den Sinn und Zweck dieses Bauwerkes.“ Die Zahlen auf der Außenseite der Flügel symbolisieren die Zehn Gebote, die dem jüdischen Volk vor Jahrtausenden von Gott gegeben wurden. Diese sind, wie Guttmann betonte, „auch von der Christenheit übernommen worden, weil die Wahrheit und Klugheit, die Moral und die Ethik für die ganze Menschheit in diesen zehn kurzen Sätzen verborgen, geborgen, aber auch verständlich sind“.
Diese Gebote, so Guttmann, selbst Holocaust‐Überlebender, „sind wunderbare Sätze. Das ist ein Leitfaden für unser Leben und wenn wir diese befolgen würden, gäbe es keine Kriege, keine Morde, keine Angst und keinen Terror. Leider lernt die Menschheit nie aus. Aber hier und heute in diesem Raum und jetzt spüren wir eine Hoffnung aufkeimen, eine Hoffnung auf eine Zukunft, in der tatsächlich Häuser und Synagogen gebaut werden, in der die Zehn Gebote in Gold ihren Glanz versprühen. Und vor allem, in der ein nichtjüdischer Künstler einer jüdischen Gemeinde so viel Freude für die Zukunft gibt.“
Guttmann schloß seine Ansprache mit einem Zitat eines Gebets zum jüdischen Neujahrsfest, das nur wenige Tage zurückliegt: „Gleich wie der Stein in des Bildhauers Hand, den er nach Gefallen fügt oder bricht, so sind wir in Deiner Hand; gleich wie das Eisen in des Schmiedes Hand, das er im Feuer drückt oder spaltet, so sind wir in Deiner Hand.“

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