Antisemitismus

Theaterdonner in Manhattan

von Eva C. Schweitzer

Tuvia Tenenbom liebt es, zu provozieren. Der israelisch-amerikanische Theaterautor ärgerte Juden wie Araber gleichermaßen mit einem Stück über Selbstmordattentäter, handelte sich einen Prozess ein, als er eine nackte Madonna auf die Bühne brachte, und hat es jetzt geschafft, die polnische Botschaft in Washington auf den Plan zu rufen. Die protestiert, weil in Tenenboms neuem Stück The Last Jew in Europe, das er gemeinsam mit dem Kölner Regisseur Andreas Robertz im Jewish Theater of New York inszeniert, Polen als Antisemiten dargestellt werden. Polens Botschafter bezeichnete das Stück gar als »rassistisch«.
The Last Jew in Europe, das im Triad Theater an der West 72nd Street aufgeführt wird, spielt im Polen von heute. Dorthin reist John Jay Smith, ein Mormone, um die Seelen toter Juden zu taufen. In einer Disko trifft er die höchst lebendige Maria und verliebt sich in sie. Aber Maria ist mit Josef verlobt und wird morgen heiraten. Josef aber – das ahnt John Jay bereits – ist Jude. Sollte Marias antisemitische Familie das erfahren, würde die Hochzeit selbstverständlich abgesagt. John Jay beginnt, in diese Richtung zu intrigieren. Aber das Blatt wendet sich fortlaufend und in die verschiedensten Richtungen. Bald ist Maria die Jüdin, Josef hinge- gen der Enkel eines Nazis. Oder sind Josef und Maria Geschwister? Und sind sie dann Nazis oder Juden? Der Name Josef Mengele fällt, Homosexuelle werden beschimpft, Kreuze und russische Ikonen werden durch Kirchen getragen, die Juden werden zu Priestern oder Mormonen, die Polen trinken tüchtig Wodka, die Frauen sind lasziv. Das einzige Klischee, das fehlt, ist ein polnischer Autodieb. Zum Schluss ist John Jay geläutert und heiratet eine libysche Mormonin, die aussieht wie Osama Bin Laden.
Das Stück wurde bereits voriges Jahr auf dem Theaterfestival in Mülheim aufgeführt, ohne polnische Proteste. Doch seit es in New York spielt, läuft die polnische Diplomatie auf Hochtouren. Schon vor der Aufführung schrieb Botschaftspressesprecher Piotr Erenfeicht einen bösen Brief an Tenenbom. Kurz darauf kam der polnische Konsul in New York, Krzystof Kasprzyk, zu einer öffentlichen Probe und stritt sich hinterher mit Tenenbom. Dabei ging es weniger um das Stück selbst, als um den Prolog, in dem Dias von antisemitischen Graffiti gezeigt werden, die Tenenbom in Polen fotografiert hatte. »Ich war selber in Lodz und habe das, was ich darstelle, selber gesehen«, sagt der Autor, dessen Familie selbst ursprünglich aus Polen stammt. Dass die Botschaft gegen sein Stück pro-testiert, sei, sagt Tenenbom, eine merkwürdige Methode, den Ruf von Polen zu verbessern. Wäre es nicht besser, das Land ginge gegen den Antisemitismus vor?

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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