John Neumeier

»Tanz ist etwas Spirituelles«

Herr Neumeier, warum befassen sich viele ihrer Choreographien so intensiv mit Religion?
neumeier: Tänzer und auch Choreographen sind Menschen, komplexe Wesen mit Intellekt, Erotik, aber auch Spiritualität und dem Streben, das zu verstehen, was über einem stehen könnte. Man kann einer bestimmten Religion angehören, um eine Spiritualität darzustellen. Aber im Grunde ist das nicht das Entscheidende. Der Tanz selbst hat etwas Spirituelles. Ich will in meiner Arbeit vom ganzen Menschen sprechen.

Haben bei dem Thema Spiritualität auch Ihre Israelreisen Sie beeinflußt? Sie wa-ren ja schon in den 70er Jahren dort.
neumeier: Das stimmt. 1974 und 1975 war ich bereits zu Gastspielen in Jerusalem, Haifa und Tel Aviv. Das war sehr beeindruckend. Auch das hat mich sicherlich so berührt, dass ich mich noch stärker mit den religiösen Geschichten und Legenden beschäftigt habe. Die habe ich in meine Choreographien eingearbeitet und versucht, dafür neue Formen zu finden.

Im Juli bringen Sie Ihre Inszenierung »Requiem« nach Motiven von Mozart wieder auf die Bühne. Über »Requiem« haben Sie einmal geschrieben, daß das choreografische Meditationen sind. Was bedeutet das ?
neumeier: Ich würde es nicht erklären. Wenn ich es erklären würde, wäre ich ein Schriftsteller. Ich habe das zwar gesagt und jetzt mag ich es nicht auch noch kommentieren. Ich bin nicht da, um Worte zu erklären. Ich bin da, um Bilder zu zeigen. Ab und zu kann ich Ihnen ein paar Worte dazu sagen, aber es ist nicht meine Aufgabe, meine Worte noch einmal zu erklären. Wenn ich versuchen würde, es zu erklären, würde es viel banaler klingen als das, was ich eigentlich will.

Ein anderes Thema, mit dem Sie sich künstlerisch befaßt haben, ist der Holocaust.
neumeier: Als ich als Amerikaner 1963 nach Deutschland kam, war meine Kenntnis vom Holocaust fast Null. Es gab nur ein paar Bilder, die ich vielleicht irgendwo aufgenommen hatte. Das ist etwas, was in meinem Leben, in meinem Bewußtsein viel später kam und heute einen großen Teil einnimmt.

Beeinflußt dieses Bewußtsein auch Ihre künstlerische Arbeit?
neumeier: Enorm, das hat man schon in einem ganz frühen Ballett namens »Rondo« gesehen. Es fing an mit einem Teil, in dem die Menschen in voller Harmonie zueinander standen. Dann kam der zweite Teil, wo man merkt, daß diese Harmonie kaputtgeht –einer von den Tänzern macht nicht mehr mit. Dann kam ein ganz vernichtendes Stück, gespielt auf der Orgel. Hier symbolisiert sich der Wegfall und das Zugrundegehen menschlicher Würde – und mehr noch, es ist für mich der totale Wegfall von allem, was man als Mensch hört und als natürlich empfindet. Das waren körperliche Visionen vom Holocaust und auch von Hiroshima. Diese Bilder kommen sehr oft. Nicht, daß ich sage, das ist das und das ist das, aber man kann diese Dinge darin erkennen.

Dazu gehört auch das Bewußtsein, daß der Humanismus am Ende, im allerschlimmsten Fall, überhaupt nichts nützt.
neumeier: Das kommt oft in den verschiedensten Formen vor. Es ist in vielen und ganz wichtigen Stücken wie der »Winterreise« nach Musik von Schubert so, daß man sehr oft an einen Moment kommt, an dem man sagt, es ist uns allen möglich, unsere Kontrolle zu verlieren. Es ist uns allen möglich, unsere Menschlichkeit zu verlieren, weil alle gleich sind. Diese Spanne findet man sehr oft bei mir. Dieses Gefühl, daß die Erde eine Vibration zu geben scheint, die uns eigentlich die dunkelste Seite eines Menschen zu hören gibt. Soll ich es weiter beschreiben? Es würde banal klingen.

Also versuchen Sie auch und gerade im Tanz für Unaussprechliches Bilder zu finden, die im wahrsten Sinne wirklich mehr sagen als tausend Worte.
neumeier: Wobei ich glaube, daß die Bilder dabei wesentlich stärker sind als die Worte, die man dafür finden kann.

Das Gespräch führten Roland Ernst und Melanie Feuerbacher.

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