Militärschlag

Taktisch zurückhaltend

von Michael Borgstede

Die Mahnungen kommen fast täglich: Teheran müsse endlich sein Atomprogramm aufgeben. Und US-Präsident George W. Bush wird nicht müde zu betonen, alle Maßnahmen kämen in Betracht, um Iran Einhalt zu gebieten – auch militärische. Spätestens als der renommierte Journalist Seymour Hersh im Magazin New Yorker von amerikanischen Planungen für einen Waffeneinsatz berichtete, schien klar zu sein: Ein Militärschlag gegen das Mullah-Regime ist nur noch eine Frage der Zeit. Während einer gemeinsamen Truppenübung hätten amerikanische und britische Truppen schon 2004 eine Invasion des Iran geprobt, war im Guardian kürzlich zu lesen. Daß bei solchen Routineübungen alljährlich bizarrste Szenarien durchgespielt werden, stand nicht im Blatt. Bald folgten unbestätigte Berichte, denen zufolge die USA gar den Einsatz taktischer Nuklearwaffen zur Zerstörung der iranischen Anlagen planten.
Es sollte niemanden überraschen, daß Israel in all den phantasievollen Angriffszenarien an vorderster Front mitmischt. Der Ruf des jüdischen Staates ist mittlerweile so ramponiert, daß man den Israelis bis hin zum atomaren Erstschlag alle Scheußlichkeiten zutraut. Seltsamerweise stört es niemanden, daß die jüngsten Signale aus Jerusalem in einem krassen Widerspruch zur unterstellten Angriffslust stehen. Man wolle weder den Eindruck erwecken, die Bemühungen des Iran stellten ein rein israelisches Problem dar, noch wolle man »spe- zifisch israelische Lösungen« anbieten, ist aus Regierungskreisen zu hören. Das israelische Mantra ist simpel und einleuchtend: Iran dürfe auf keinen Fall in den Besitz von Atomwaffen kommen. Es wäre allerdings kontraproduktiv, wenn Israel sich an die Spitze der internationalen Bemühungen zur Lösung des Konfliktes drängte.
Natürlich gibt es abweichende Meinungen. Ex-Armeechef Moshe Yaalon verkündete vor einigen Monaten in Washington, Israel besitze die Fähigkeit, Irans Atomprogramm um einige Jahre zurückzubomben. Der pensionierte General Jossi Peled sagte in einer Talkshow, Israel müsse Iran im Alleingang angreifen. Es sind die üblichen Verdächtigen, die sich mit solchen Vorstößen für einen Augenblick ins Interesse der Öffentlichkeit schummeln: ehemalige Geheimdienstchefs und Generäle, die sich noch einmal bemerkbar machen wollen. Nicht zu diesem Kreis gehört Schimon Peres. Doch auch der neue Vizepremier beteiligte sich an der verbalen Aufrüstung. Als Reaktion auf die wiederholten Drohungen gegen Israel sagte er am Montag, manmüsse sich in Teheran bewußt sein, daß auch der Iran von der Landkarte ausgelöscht werden könne.
Wer sich heute in israelischen Sicherheitskreisen umhört, stößt allerdings trotz der zunehmend akuten Bedrohung auf wenig Begeisterung für einen Militärschlag im Alleingang. Die israelische Zurückhaltung hat wohl nicht zuletzt damit zu tun, daß eine solche Aktion beachtliche logistische Probleme birgt. Ein Dutzend Primärziele müßte bombardiert werden. Hinzu kämen Militärflugplätze, Raketenabschußrampen und eine Reihe weiterer militärischer Einrichtungen, um Vergeltungsschläge der Iraner zu verhindern. Auf rund 400 bis 600 Ziele schätzen Experten die Ausmaße eines solchen Einsatzes. Daß ist mit einem guten Dutzend Flugzeugen wie bei dem Überraschungsangriff auf den Atomreaktor im Irak 1981 nicht zu machen. Selbst wenn die Amerikaner den verbündeten Israelis den Flug über den Irak genehmigen würden, müßten aufgrund der großen Entfernung zumindest die Geleitflugzeuge unterwegs einmal aufgetankt werden. Fazit: Die israelische Luftwaffe kann zwar viel, aber nicht alles.
Bessere Erfolgsaussichten hätte eine gemeinsame Aktion mit den besser ausgerüsteten Amerikanern. Doch das Säbelrasseln in Washington wirkt heute weniger überzeugend als vor drei Jahren. Die Amerikaner haben ihre Lektion gelernt. Den Krieg gewinnen? Eine Kleinigkeit! Es sind die unvorhersehbaren Folgen, die Washington abschrecken. Die neokonservative Hausmacht im Pentagon ist geschwächt, Außenministerin Rice betreibt ihre saubere Bilderbuchdiplomatie anders als ihr Vorgänger Powell nicht am Präsidenten vorbei, sondern mit Unterstützung des Weißen Hauses. Ausgerechnet die Amerikaner, die im Vorlauf des Irak-Krieges entschieden gegen diplomatische Verzögerungsmanöver Sturm liefen, stehen nun hinter den langsam mahlenden Mühlen der UNO.
Noch spricht es kaum jemand offen aus, aber ein unangenehmer Gedanke macht sich in Jerusalem und Washington breit: Vielleicht muß man mittelfristig die Bombe der Mullahs in Kauf nehmen. Der israelische Militärexperte Martin van Creveld, sonst kein Leisetreter was gedankliche Kriegsspiele angeht, hält das nicht für die schlechteste Lösung. Jedes Mal, wenn in der Geschichte ein Land nach nuklearer Bewaffnung strebte, habe Amerika die Alarmglocke geläutet. Die Sowjetunion, China, Pakistan, Indien, Nordkorea – die Befürchtung, die neuen Nuklearmächte würden sich umgehend daran machen, die Welt zu erobern, habe sich nie bewahrheitet, sagt Creveld. Zudem könne Israel Teheran in kürzester Zeit in eine »radioaktive Wüste« verwandeln. Eine Tatsache, der sich Iran trotz aller antijüdischen Verbalausfälle sehr wohl bewußt sei.

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