Kanada

Synaplex und koscher Popcorn

von Bill Gladstone

Als Rabbiner Ezriel Sitzer vor sieben Jahren das Jüdische Studienzentrum nördlich von Toronto eröffnete, bestand die Gegend nur aus »Weideland und Schafen«. Heute ist sie eine ganze Menge mehr. Seit die Bauunternehmer vor vier Jahren in die Gegend mit dem Namen Thornhill Woods kamen, geht es mit dem Bau neuer Häuser rasant voran. Von den etwa 6.500 geplanten Einfamilienhäusern sind drei Viertel gebaut und bereits verkauft. Bislang ist die Region zu mindestens 50 Prozent jüdisch, in der Mehrzahl junge Ehepaare, angelockt von den etwas niedrigeren Hauspreisen. Bis zu 80.000 Juden – etwa 40 Prozent der jüdischen Bevölkerung im Großraum Toronto – wohnen in der Region, die sich an die nördliche Stadtgrenze anschließt.
Die York‐Region ist ein Magnet für Zuwanderer aus Montréal, Israel, Rußland, Südafrika und Argentinien und ist in den letzten Jahren zum Verwaltungsbezirk mit der am stärksten zunehmenden Bevölkerung in ganz Kanada geworden. Seine jüdische Gemeinde gehört zu den am schnellsten wachsenden der Diaspora. Die Bevöl‐ kerung der Region ist seit 2001 um 19 Prozent gewachsen und nähert sich der Milliongrenze. Juden sind nur eine der vielen ethnischen Gruppen, die sich hier entfalten können.
»Ich hatte bereits ein Auge auf diese Gegend geworfen und hoffte und glaubte, sie würde jüdisch werden, und Gott sei Dank habe ich recht behalten«, sagt Sitzer, Dekan des Jewish Center for Learning and Living, das vor kurzem ein 2,5 Hektar großes Grundstück für den Ausbau der Studien‐Einrichtung erstanden hat. »Unsere Gemeinde, einschließlich Dufferin Hills und Coronation, setzt sich aus vielen verschiedenen jüdischen Gruppen zusammen, und wir haben die Absicht, dieses Projekt fortzuführen und dabei die Bedürfnisse aller zu berücksichtigen«, sagt Sitzer. »Statt eines großen Gotteshauses streben wir ein ‚Synaplex‘ an, einen Gebäudekomplex mit kleineren Synagogenräumen für jede einzelne Gruppe.« Es sei jedoch immer noch ziemlich wild in der Gegend, sagt Sitzer. Es gebe kein einziges koscheres Restaurant in diesem Teil von Woods. »Nicht einmal eine koschere Pizzeria hat aufgemacht.«
Weiter südlich haben mehrere Restaurants eröffnet, einschließlich einer Niederlassung der israelischen Kette Me‐Va‐Me, um die geschätzten 12.000 bis 15.000 Israeli‐Kanadier in der »905«-Region – wie sie nach der Telefonvorwahl genannt wird – zu versorgen.
Im schon länger bebauten südlichen Teil der Region wurden zahlreiche Synagogen errichtet, darunter der 25jährige Temple Har Zion, der sich den Parkplatz mit einer Moschee teilt.
Rebecca Soberman ist mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter vor acht Monaten in ein Haus in Thornhill Woods eingezogen, damals war es erst das dritte bewohnte Haus in ihrer Straße. Jetzt sind alle Häuser gebaut und bewohnt. »Die Leute nannten uns echte Pioniere, denn es gab nichts außer Staub und Schlamm«, erinnert sich Soberman. »Es ist eine Gegend für junge Familien. Wir wollten unter Gleichaltrigen sein.« Schon Mitte der 90er Jahre hatten Gemeindeplaner erstmals den demographischen Trend erkannt. 2001 wurde der Kauf eines 20 Hektar großen Grundstücks für den zukünftigen Bedarf der Gemeinde in die Wege geleitet. Das Geschäft wurde im Stillen abgewickelt und war abhängig von der Großzügigkeit zahlreicher Wohltäter und Spender, von denen jeder etwa 110.000 Dollar, den Preis für einen halben Hektar, zuschoß. Das Land, das neben einem vier Hektar großen, unter Naturschutz stehenden Waldgebiet liegt, ist inzwischen erheblich im Wert gestiegen.
Im vergangenen Jahr legte die Federation den Grundstein für einen riesigen Campus‐Komplex im Norden, mit Schulen, Dienstleistungsagenturen, Konferenzräumen, Gesundheits‐ und Fitneßpavillons, Restaurants und Kultureinrichtungen inmitten von öffentlichen Gärten, Innenhöfen und Straßen. Eine Promenade wird nach Oberst Ilan Ramon, dem israelischen Astronauten, der 2003 beim Absturz der Columbia‐Raumfähre ums Leben kam, benannt. Mit veranschlagten Kosten von etwa 89 Millionen Dollar soll der Joseph and Wolf Lebovic Jewish Community Campus stufenweise der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Der Anfang wird im September 2007 mit der Einweihung der Hebrew Academy of Toronto gemacht. Vier Grundschulen sind geplant, die, wie es heißt, die größte Zahl jüdischer Schüler außerhalb Israels aufnehmen werden.
»Wir wissen, die Bevölkerung wächst so schnell, daß wir dort unbedingt vertreten sein müssen!«, sagt Karen Paikin, Sprecherin für die Jewish Family and Child Services der UJA‐Federation. Die Agentur plant eine Niederlassung auf dem Lebovic‐Campus, sodaß die Bildungsstätte über ein Beratungszentrum verfügt und in der Lage ist, Programme zu den Themen Kinderschutz und Mißbrauch in der Familie sowie andere Sozialdienste anzubieten. Einige neue Wohngebiete wie der Shaftesbury‐Bezirk seien zu 70 Prozent jüdisch. Eine jüdische Bevölkerung von 200.000 Menschen gibt in gesamten Stadtgebiet vielen Einwohnern das Selbstvertrauen, als Juden zu leben.

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