Superman

Supermans nichtarische Faust

von Christian Schlüter

Was hat der Golem mit Superman zu tun? Diese Frage beantwortet die Ausstellung im Frankfurter Jüdischen Museum nicht. »Superman und Golem« heißt sie zwar, doch um den Golem geht es hier kaum. Das der Legende nach von Rabbi Löw im mittelalterlichen Prag aus Lehm und Ton geschaffene, menschenähnliche, aber noch unfertige und ungebildete Fabelwesen hat offenbar keinen Platz mehr in der Moderne. Die ist das eigentliche Thema einer recht ungewöhnlichen Schau, die sich mit dem »Comic als Medium der jüdischen Erinnerung« beschäftigt.
Ein etwas zu viel versprechender Titel also und eine kleine Überraschung: Wer sich in die Frankfurter Ausstellung begibt und den Comic bisher, wenn nicht unter dem Label Kinderkram verbuchte, so doch als vorrangig der Zerstreuung dienenden Zeitvertreib betrachtete, wird sich hier eines Besseren belehren lassen können. Längst hat sich diese noch sehr junge, kaum mehr als 100 Jahre alte Kunstgattung zu einer sehr eigenständigen und – wer hätte das gedacht? – erwachsenen Form der grafischen Literatur entwickelt. Dennoch hat sich immer noch nicht herumgesprochen, dass Comics nicht nur der Unterhaltung dienen, sondern auf mehr oder minder unterhaltsame Weise auch der Belehrung, ja sogar der wissenschaftlichen Unterrichtung. Dabei ist spätestens 1986 mit der Veröffentlichung von Art Spiegelmans Schoa-Geschichte Maus – Die Geschichte eines Überlebenden der Beweis erbracht worden, wie ernsthaft und eindringlich im Comic die Auseinandersetzung mit politischen und historischen Themen sein kann.
Selbstverständlich finden sich Spiegelmans bahnbrechende Arbeiten auch in der Frankfurter Ausstellung. Darüber hinaus sind in den verwinkelten Gängen unter den – trotz etwas schummriger Beleuchtung – zumeist gut einsehbaren Exponaten eine erstaunliche Zahl von jüdischen Comicschöpfern zu entdecken: Klassiker wie Art Spiegelman, Will Eisner (The Spirit), Hugo Pratt (Corto Maltese), Robert Crumb (Fritz the Cat), Harvey Kurtzman (MAD), zeitgenössische Künstler wie Mira Friedmann, Rutu Modan und Alexis Martinez sowie Werke aus der Frühzeit des Comics.
Nicht jeder weiß, dass viele amerikanische Comic-Superhelden aus deren Blütezeit in den 30er- und 40er-Jahren von jüdischen Zeichnern stammen. Die Erfinder von Superman, Joe Shuster und Jerry Siegel ließen ihren Heros sogar gegen Adolf Hitler antreten. Am 27. Februar 1940 kämpft im Look Magazine der Übermensch mit der »nichtarischen Faust« gegen die Wehrmacht, nimmt neben Hitler gleich noch den anderen Großschurken, Josef Stalin, gefangen und übergibt beide einem Tribunal, damit es über ihre Untaten richte. Eine Provokation, die von der SS-Postille Das schwarze Korps kurz darauf mit einer ganzseitigen Attacke gegen Jerry Siegel, »einen geistig und körperlich Beschnittenen«, beantwortet wurde, »der in New York sein Hauptquartier hat« und »der Erfinder einer malerischen Figur ist, die sich eines blühenden Aussehens, eines kräftigen Körpers, einer roten Badehose und der Fähigkeit erfreut, mit Hilfe eines weißen Mantels durch den Äther zu fliegen ...« Dass der Artikel auch vor den jugendverderblichen Wirkungen des Comics warnte, versteht sich von selbst – schließlich hören wir dergleichen bis heute.
Auch Will Eisner schickte seinen Spirit in den antifaschistischen Kampf. In einer Episode aus dem Jahre 1941 geht ein verkleideter Hitler in der New Yorker Bronx auf Wählerfang. Schließlich hatte der Nationalsozialismus auch in den USA seine Anhänger. In dem Comicstrip allerdings bleiben Hitlers Versuche, die amerikanischen Arbeiter zu agitieren, erfolglos. Der Diktator trifft schließlich auf den jüdischen Helden Spirit und lässt sich von diesem bekehren; zurück in Deutschland, wird er daraufhin von Joseph Goebbels umgebracht und durch ein Double ersetzt.
Durch die historische Fiktion im Comic findet die politische Gegenwart Eingang in die Populärkultur. Mehr als andere Massenmedien kann der Comic auf bildhafte Stereotype aufmerksam machen, die unsere politischen und historischen Selbstverständigungsroutinen beherrschen: Nicht nur in der »jüdischen Erinnerung« spielen, wenn es um die Schoa geht, Ikonen wie Leichenberge, Stacheldraht, ausgemergelte Leiber oder die Kamine der Verbrennungsöfen in Auschwitz eine zentrale Rolle, um dem Menschheitsverbrechen in seiner Unvorstellbarkeit eine sinnlich nachvollziehbare Gestalt zu geben. Comics wie Spiegelmans Maus reflektieren diese Bildstrate- gien: Gerade ein sich seiner bildhaften Mittel so bewusstes Medium kann häufig sehr viel genauer die für die histo- riografischen Erzählformen unvermeidlichen Stereotype visualisieren und im Zusammenhang ihrer Verwendung kritisieren. Das gilt selbst für die jüngste Gegen- wart, wie die Arbeiten von Robert Crumb, Gerry Shamray oder Diane Noomin zeigen. Sie beschäftigen sich zumeist mit dem – auch nicht-jüdischen – Alltagsleben: Seit den 70er- und 80er-Jahren versteht sich der (Underground-)Comic auch als kulturkritische und politisch engagierte Kraft.
Zum Schluss der Ausstellung begegnet den Zuschauern dann sogar doch noch der Golem. James Sturms Geschichte The Golem’s Mighty Swing (2000) erzählt von der jüdischen Baseballmannschaft »Stars of David«, die in einem schrottreifen Mannschaftsbus über die Lande tingelt. Um das Publikum zu locken, geben sich die Spieler exotische Namen. Der einzige Schwarze firmiert dabei als Golem, als »Mitglied eines vergessenen Volkes«, erschaffen aus Lehm und Ton, von einem Rabbi zum Leben erweckt. Das Publikum allerdings ist wenig begeistert: Mit antisemitischem Geschrei stürmt es das Spielfeld. Immer noch keine guten Zeiten für Superhelden und andere Außenseiter.

»Superman und Golem: Der Comic als Medium jüdischer Erinnerung. Jüdisches Museum Frankfurt/Main, bis 22. März 2009
www.juedischesmuseum.de

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