„Brückenschlag

Suchen und finden

von Sophie Neuberg

Monika Chmielewska‐Pape wurde 1976 in Polen geboren, ihre Großmutter war eine Überlebende der Schoa und ihre Eltern legten großen Wert darauf, ihre Zugehörigkeit zum Judentum nicht nach außen zu tragen. Die kleine Monika wuchs ohne Religion und ohne jüdische Feiertage auf, ging mit ihren katholischen Mitschülern in die Kirche, wusste aber zugleich „das ist nicht meins“. Als Kind verband sie Judentum nur mit den furchterregenden Erzählungen der Oma. Die deutsche Sprache war ihr nur aus Kriegsfilmen bekannt, als sie sich mit 19 – wie das Leben so spielt –in einen jungen Deutschen verliebte. Sie folgte ihm nach Berlin. Bei solch einer Ge‐
schichte wundert es nicht, wenn ein junger Mensch sich Fragen über die eigene Identität stellt.
In Berlin wandte sich Monika Chmielewska‐Pape zunächst an die Jüdische Ge‐
meinde. Dort fand sie zwar Angebote für bestimmte Zielgruppen – Seniorenclubs, Jugendclubs – jedoch nichts für eine wie sie, noch auf der Suche nach der tieferen Bedeutung ihrer Zugehörigkeit zum Judentum. Bis sie auf „Brückenschlag“ stieß.
„Brückenschlag“ ist ein Gemeinschaftsprogramm der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWSt), der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zu‐
kunft und der Jewish Agency for Israel. Es richtet sich an junge Menschen von 18 bis 35 Jahren, die sich mit Geschichte und Ge‐
genwart jüdischen Lebens in Deutschland und ihrer eigenen jüdischen Identität auseinandersetzen möchten. Die drei Partner finanzieren das Programm, so dass die jungen Leute für nur 500 Euro Selbstkos‐
tenbeitrag ein umfangreiches Bildungsprogramm erhalten, das über ein Jahr an‐
gelegt ist: Die Teilnehmer besuchen vier bis fünf Wochenendseminare zu Themen wie Zuwanderung, jüdische Identität, An‐
tisemitismus oder über den Nahostkonflikt. Ein Seminar befasst sich mit der Schoa und beinhaltet einen Besuch der Ge‐
denkstätte Buchenwald. Für die pädagogische Grundlage ist der Erziehungswissenschaftler Doron Kiesel verantwortlich, der das Konzept der Seminare entwickelt hat und die Ergebnisse regelmäßig analysiert. Damit soll auch Wünschen und etwaiger Kritik der Teilnehmer Rechnung getragen werden. So wurde zum Beispiel auf Wunsch vieler Teilnehmer russischer Ab‐
stammung die Geschichte der Juden in der ehemaligen Sowjetunion in das Seminarprogramm aufgenommen.
Am Ende des Jahres findet eine zweiwöchige Bildungsreise nach Israel statt. Dort treffen die Teilnehmer hochrangige Vertreter aus Politik, Kultur und Religion. Dieses dichte Bildungsprogramm, die hohe Qualität der Referenten und Gesprächspartner und die Rundumbetreuung der Teilnehmer machen „Brückenschlag“ einmalig, so Marina Chernivsky, Programmverantwortliche bei der ZWSt. Die 33‐jährige Diplompsychologin ist immer wieder von den Gruppenprozessen fasziniert, die sich im Laufe der Seminare und der Reise entwickeln. „Jeder soll über sich nachdenken und von sich erzählen“, berichtet sie. So konstituiert sich aus ganz unterschiedlichen jungen Leuten eine funktionierende Gruppe. „Scheinbar unüberbrückbare Unterschiede können überbrückt werden“, erzählt sie. Damit sei die Gruppe ein Spiegelbild der großen jüdischen Gemeinschaft. Am Ende sind die Teilnehmer in ihrer Identität gestärkt, im Idealfall entwickeln sie eine Bereitschaft, sich in jüdischen Zusammenhängen zu engagieren. Doch auch wenn sie sich nicht konkret engagieren, überwinden viele Teilnehmer Ängste und Barrieren, wie Doron Kiesel in Auswertungsgesprächen festgestellt hat. Marina Chernivsky beschreibt diesen Prozess mit einem poetischen Bild: „Nur wer weiß, wo seine Wurzeln sind, kann Flügel entwickeln“, sagt sie.
Die damalige Jurastudentin Monika Chmielewska‐Pape zögerte keinen Augenblick, sich 2005 bei Brückenschlag anzumelden. Da für die Anmeldung ein kleines Motivationsschreiben nötig war, hatte sie Angst, nicht aufgenommen zu werden –vielleicht wäre sie nicht jüdisch genug, dachte sie. Doch es klappte und heute be‐
schreibt sie diese Erfahrung als eine enorme Bereicherung für ihr Leben. Vor diesem Programm war sie auf der Suche nach ihrer Identität, fühlte sich „anders als an‐
dere“, jedoch ohne zu wissen, was es für sie bedeuten könnte, Jüdin zu sein. Von den Seminaren und den Referenten, die auch viel Persönliches erzählten, war sie „überwältigt“, erzählt sie. Die Suche nach ihren Wurzeln überforderte sie manchmal auch, doch sie blieb dabei. Äußerlich än‐
derte sich an ihrem Leben vielleicht nichts, meint sie: Sie arbeitet als Juristin im öffentlichen Dienst, fühlt sich in die deutsche Gesellschaft sehr gut integriert, „aber von innen“ sei sie „intakter geworden“. Heute könne sie sagen, dass sie in sich mehrere Identitäten vereint und dies als Bereicherung empfindet. Für sie geht es darum, sich so anzunehmen, wie man ist. So könne man auch anderen etwas ge‐
ben. „Heute schäme ich mich nicht zu sa‐
gen: Ich bin Ausländerin, Jüdin, allein erziehend“, sagt Monika Chmielewska‐Pape. Für sie spielt Religion keine große Rolle, aber es war ihr wichtig, ihre Tochter auf das Jüdische Gymnasium in Berlin zu schicken. Und sie ist ein bisschen stolz, wenn sie sagt: „Meine Tochter hat keine Identitätskrise“ – was sicherlich damit zu tun hat, dass Mama das Programm „Brü‐ckenschlag“ absolviert hat.

Infos: www.zwst-brueckenschlag.de

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