Holocaust Communication

Studium des Unbegreiflichen

von Sophie Neuberg

Es waren vor allem zwei Erfahrungen, die für die Slawistin und Wirtschaftswissenschaftlerin Christina Winkler den Ausschlag gaben, sich beruflich mit Antisemitismus befassen zu wollen: Einmal die Arbeit mit jüdischen Kontingentflüchtlingen aus der ehemaligen Sowjetunion, die ihr Einblicke in berührende Lebensläufe gab, dann ein einjähriger Aufenthalt in Russland, während dem sie viel mit Antisemitismus konfrontiert war. Weil sie letztere Erfahrung als „abstoßend“ empfand, entstand für sie die Frage „Was könnte man beruflich dagegen tun?“, erzählt die 37‐Jährige. Da kam ihr der Masterstudiengang in „Holocaust Communication and Tolerance“ wie gerufen, als sie davon in der Presse las.
Als Projektkoordinatorin eines Universitätsprojekts für russischsprachige Journalisten hat sie im Moment beruflich nichts mit dem Thema Antisemitismus zu tun. Von ihrem Aufbaustudium erhofft sie sich neue berufliche Perspektiven. Ein Traum wäre für sie, in der „Topographie des Terrors“ oder im Deutsch‐Russischen Museum Berlin‐Karlshorst zu arbeiten.
Dafür ist sie bereit, einen großen Teil ihrer freien Zeit zu opfern und ziemlich viel Geld zu investieren, denn der Masterstudiengang ist nicht billig: 3.000 Euro Studiengebühren pro Semester. Allerdings können Stipendien beantragt werden.
Der Masterstudiengang Holocaust Communication findet seit Oktober 2007 am privaten jüdisch‐amerikanischen Touro College in Berlin statt und ist „einzigartig in ganz Europa“, wie Katharina Haase betont, die für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Es handelt sich um ein staatlich anerkanntes Aufbaustudium mit Dip‐ lom‐ oder Bachelorabschluss, das die Geschichte des Holocausts, vor allem aber Methoden der Vermittlung des Themas an Schüler, Besuchergruppen und andere vertieft. Das berufsbegleitende Studium richtet sich beispielsweise an Lehrer, Politik‐ und Kulturwissenschaftler oder Journalisten – Vertreter von Berufen, die mit der Kommunikation des Holocaust‐Themas befasst sein wollen.
Der Unterricht findet nachmittags und abends auf dem Campus des Touro Colleges im Stadtteil Charlottenburg statt und ist modular angelegt. Es besteht deshalb die Möglichkeit, einzelne, für die eigene berufliche Praxis relevante Module zu belegen – etwa „jüdische Geschichte“, „Toleranz“ oder „Holocaust Communication“.
Studieninteressenten müssen sich bewerben, „auch deshalb, weil der Studiengang seelisch belastend ist und die Bewerber sich darüber im Klaren sein sollten“, erzählt Katharina Haase.
Wer in den Kreis der Studierenden aufgenommen wird, hat dann die Chance, mit engagierten Dozenten, darunter Gründungsdekan Andreas Nachama, und in Gruppen von nur fünf bis sieben Studenten intensiv zu lernen – „purer Luxus“, schwärmt Hendrik Kosche, der ebenso wie Christina Winkler im Oktober 2007 am Touro College das Studium aufgenommen hat. „Es wird viel Lehrstoff vermittelt, gleichzeitig gehen die Dozenten auf alle Wünsche ein, und es gibt eine exzellente außerstudentische Betreuung“, berichtet der 43‐Jährige. So werde für sie auch mal außerhalb der Öffnungszeiten die Bibliothek aufgeschlossen.
Für Kosche, der seit elf Jahren in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin als Referent des Vorstands arbeitet, stellt der Studiengang eine Vertiefung seiner Kenntnisse dar. Zwar könne er diese vielleicht noch nicht unmittelbar in seiner täglichen Arbeit anwenden, doch längerfristig erhoffe er sich, dass das Studium ihm helfe. „Zum Beispiel im Umgang mit antisemitischen Vorfällen“, sagt er. Gerade jetzt brauche man einen solchen Studiengang, „denn die Zeitzeugen werden nun mal bald weg sein“, stellt er fest. Daher sieht er die Notwendigkeit, neue Methoden der emotionalen Vermittlung von Geschichte zu entwi‐ckeln.
Über Emotionen lasse sich Geschichte am besten und am authentischsten vermitteln, sagen die Studenten übereinstimmend, und man werde daher künftig neue Wege brauchen: einerseits, weil die Zeitzeugen nicht mehr da sein werden, andererseits weil Jugendliche anders angesprochen werden müssen als ältere Genera‐ tionen. „Man muss sie anders kriegen“, sagt Kosche, „nach herkömmlichen Schemata hören sie nicht zu.“
Erst recht sei die ethnische Herkunft von Belang: Zur Vermittlung des Holocausts könne man nicht den gleichen Zugang für Jugendliche palästinensischer oder russischer Herkunft wählen, „einen Königsweg kann es nicht geben“, meint Kosche.
Doch es müssen Wege gefunden werden, betonen die Studenten. „Es kann nicht sein, dass man wie in England überlegt, den Holocaust aus dem Schulprogramm rauszunehmen, weil die Lehrer von Schülern angefeindet werden“, empört sich Christina Winkler. Das Studium am Touro College vertieft deshalb verschiedene Methoden der Vermittlung – Film, Radio, Ausstellungstafeln – und beinhaltet praktische Übungen wie beispielsweise Ausflüge zu Gedenkstätten oder Entwicklung und Durchführung einer Aus‐ stellung. „Da lernt man unglaublich viel und kann auch feststellen, welche Art der Vermittlung einem besonders liegt“, berichtet Winkler. Auch ein Praktikum in einer Gedenkstätte oder einem Museum ist Teil des Studiengangs. Zur Erlangung ihres Master‐of‐Arts‐Titels müssen die Studierenden eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreiben.
Für Christina Winkler steht bereits fest, dass sie ihr früheres Studium der Slawistik mit dem neuen verbinden will: In ihrer Abschlussarbeit möchte sie das offizielle Gedenken des Holocausts in der russischen Föderation mit den Erinnerungen der Bevölkerung vergleichen. Am liebsten würde sie dafür Interviews in Russland durchführen, der Aufwand wäre aber wohl zu groß. Deshalb wird sie sich eher auf vorhandene Literatur stützen müssen. Hendrik Kosche plant eine Arbeit über Rechtsradikalismus in den neuen Bundesländern, um sich mit Menschen auseinanderzusetzen, die zwar seine DDR‐Vergangenheit teilen, von denen ihn jedoch weltanschaulich alles trennt.
Im Juli werden dann Christina Winkler und Hendrik Kosche mit einer gewissen Wehmut ihr Studium abschließen. Beide sind so begeistert, dass sie sich strikt weigern, eine Lieblingsveranstaltung zu nennen. „Er ist zu kurz“ lautet die einzige Kritik, die sie an ihrem Studiengang formu‐ lieren. Anschließend möchte Christina Winkler sogar noch eine Doktorarbeit schreiben, „weil mir durch das Studium am Touro College die wissenschaftliche Arbeit wieder so viel Spaß macht“.

Informationen: www.touroberlin.de

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