Frauen

Strikt getrennt

von Sabine Brandes

Frauen schleichen heimlich still und leise durch die Hintertür, Männer gehen durch den Vordereingang. Frauen sitzen ganz weit hinten, halten sich bedeckt und ruhig, um nicht aufzufallen, Männer machen es sich vorne gemütlich. Jene, die sich nicht daran halten, werden gezwungen – notfalls mit Gewalt. Wer bei dieser Beschreibung an dunkles Mittelalter oder Régime denkt, in denen Frauenrechte mit Füßen getreten werden, liegt falsch. Strikte Ge‐
schlechtertrennung geschieht heutzutage mitten in Israel in öffentlichen Verkehrsmitteln. Die sogenannten »Mehadrin‐Linien« des landesgrößten Transportunternehmens Egged verdammen das weibliche Geschlecht auf die hintersten Plätze, Passagierinnen in Hosen werden oft gar nicht erst mitgenommen. Jetzt beschäftigt sich der Oberste Gerichtshof mit den koscheren Bussen.
Das Wort Mehadrin stammt eigentlich aus dem jüdischen Speisegesetz und deutet auf eine besonders strikte Kaschrut‐Überwachung hin. Speisen mit dem Zertifikat »Koscher L’Mehadrin« sind gewisser‐
maßen super‐koscher. Und genau das sollen die Busse sein, mit denen sich ultraorthodoxe Fahrgäste (Haredim) fortbewe‐
gen. Männer und Frauen sitzen ohne jeglichen Körper‐ und Augenkontakt so weit
es geht voneinander entfernt. Die Fahrzeuge sind weder außen noch innen markiert. Auch weist der Fahrer niemanden auf die Besonderheit hin oder mischt sich in die Sitzordnung ein, das ist ihm laut Egged untersagt. Es sind gewöhnliche grüne Busse, wie sie im ganzen Land verkehren. Lediglich Insider wissen, auf welchen Stre‐cken genau sie fahren.
Vor mehr als fünf Jahren bat die ultraorthodoxe Gemeinde Jerusalems um Li‐
nien für ihre speziellen Bedürfnisse. Eg‐
ged, bedacht die fast eine Million starke potenzielle Kundschaft nicht zu verprellen, stimmte zu. Mittlerweile gibt es 40 Strecken zwischen Städten, in denen es einen großen Haredi‐Anteil gibt, wie Jerusalem, Bnei Brak und Beit Schemesch so‐
wie innerhalb der Hauptstadt. Strengreligiöse empfinden die Linien oft als Erleichterung, denn so haben sie, vor allem in vollen Bussen, nicht damit zu kämpfen, dass sich Frauen und Männer in der Öffentlichkeit berühren. Für Kritiker indes ist die Einrichtung frauenfeindlich und diskriminierend, »denn öffentliche Verkehrsmittel, vom Staat subventioniert, müssen allen Menschen auf dieselbe Art und Weise zur Verfügung stehen«, argumentieren sie.
Verschiedene Frauenrechtsorganisationen beklagen sich schon lange über die Busse. Es könne nicht sein, dass Egged als öffentliches Transportunternehmen zulasse, dass einige Fahrgäste ihre kulturellen Präferenzen gewaltsam durchsetzen. Jüngst haben sich sogar orthodoxe Frauen dem Protest angeschlossen. Nach einer Petition des Zentrums für Jüdischen Pluralismus hat sich jetzt der Oberste Gerichtshof gegen die »koscheren Busse« ausgesprochen. »Denn«, so die Richter, »selbst wenn die Ha‐
redim‐Linien weiterfahren sollten, dürfen Kleiderordnung und Geschlechtertrennung niemandem aufgezwungen werden, der sie nicht befolgen will«.
Die Realität ist eine andere: Ahnungslose Frauen – religiös oder säkular –, die sich auf einen Platz im Vorderteil des Busses setzten, wurden oft nicht nur gebeten oder aufgefordert, sich einen Platz weiter hinten zu suchen, einige wurden wüst be‐
schimpft, bespuckt und geschlagen.
Egged‐Pressesprecher Ron Ratner er‐
klärte zu den Übergriffen lediglich, dass es in den vergangenen fünf Jahren wenig Klagen über diese Linien gegeben habe und dass man sich um die Beschwerden kümmere. »Eine Umfrage hat gezeigt, dass auch die säkulare Bevölkerung dafür ist, die Haredi‐Gepflogenheiten ernst zu nehmen«, sagte Ratner. »So lange sie nicht de‐
nen aufgezwungen werden, die sie nicht wollen.«
Doch genau um diesen Zwang geht es. Schachar Ariehl stieg vor einer Weile in einen Bus in Bnei Brak, weil ihr Auto liegen geblieben war. Ariehl, eine junge säkulare Frau aus Tel Aviv, hatte noch nie etwas von »Mehadrin‐Linien« gehört. Sie ließ sich in der dritten Reihe nieder, in der niemand saß. Wenige Minuten später, er‐
innert sie sich, sei ihr zugerufen worden, sie müsse nach hinten gehen. »Das habe ich ignoriert, ich wusste gar nicht, worum es geht. Doch dann kamen zwei bärtige Männer mit schwarzen Hüten auf mich zu und schrien: ‚Geh sofort nach hinten!‘«
Diese Worte hätten sie zwar erschreckt, doch in keiner Weise dazu gebracht, sich der Aufforderung zu fügen. »Ich habe geantwortet, dass dies ein öffentlicher Bus ist, ich ein Mensch bin und sitzen kann, wo ich will. Dann habe ich aus dem Fens‐ter geschaut. Plötzlich riss jemand von hinten an meinen Haaren und wollte mich in den Gang ziehen. Es war schrecklich, ich rief um Hilfe, doch niemand kam.« Erst als die 27‐Jährige einem der Männer vors Schienbein trat, ließen sie von ihr ab. Sie sei zum Fahrer gerannt, der jedoch nur mit den Schultern zuckte. Aus Angst stieg Ariehl an der nächsten Haltestelle aus.
Sie ist nicht die Einzige, die ein derartiges Erlebnis hatte. Die amerikanische Schriftstellerin und orthodoxe Jüdin Naomi Ragen fühlte sich in ähnlicher Situation in einem Egged‐Bus bedroht und be‐
klagte sich in verschiedenen Zeitungen. Es gäbe keinen Passus im jüdischen Gesetz, der besagt, dass Frauen und Männer in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht nebeneinander sitzen dürfen, machte Ragen deutlich. Derartige Ideen kämen lediglich von religiösen Extremisten.
Der Oberste Gerichtshof hat dem Transportminister mittlerweile aufgetragen, ein Komitee einzurichten, das überprüft, ob diese Buslinien überhaupt legal sind.
Sechs Monate ist es her, und noch immer jagen Schachar Ariehl die Gedanken an das Geschehene Schauer über den Rü‐cken. »So etwas kann nur von Männern kommen, die Frauen fürchten, und diese Angst durch Unterdrückung vertuschen wollen. Das mit den Worten der Tora rechtfertigen zu wollen, ist schlimm.« In einen Bus will sie nicht mehr steigen. »Ich zahle lieber das Fünffache für ein Taxi, als mich noch einmal so in einem Bus beleidigen zu lassen.«

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