Gabriel Riesser

Streit am Geburtstag

von Tobias Kaufmann

Er war Deutschlands erster jüdischer Richter, Vizepräsident der Frankfurter Nationalversammlung und der Hamburger Bürgerschaft und gilt als einer der führenden deutschen Verfassungspolitiker der 1848er Revolution: Am 2. April wäre Ga- briel Riesser 200 Jahre alt geworden. »Die Welt« und das »Hamburger Abendblatt«, dessen Redakteur Riesser einst gewesen war, haben aus diesem Anlaß ebenso an den Juristen, Politiker und Publizisten erinnert wie die beiden großen Frankfurter Zeitungen. Doch in letzteren spielte weniger das Jubiläum eine Rolle als ein Streit, der seit Monaten zwischen Vertretern der Stadt Frankfurt und Clemens Riesser schwelt, dem Ururneffen des Jubilars.
Clemens Riesser hatte sich eine Feierstunde in der Paulskirche gewünscht. Das Programm hatte er bereits ausgearbeitet, nur die Zustimmung der Stadt fehlte. Die aber kam nicht. In einem Brief bedankte sich Kulturdezernent Hans-Bernhard Nordhoff (SPD) »sehr herzlich« bei Riesser für die Bemühungen – und sagte ab. Eine solche Feier solle nach Auffassung des Dezernenten und »der beteiligten Fachämter« in Riessers Heimatstadt Hamburg stattfinden – denn aus Sicht der Frankfurter Verantwortlichen war Riessers Wirken in der Metropole am Main relativ kurz.
Tatsächlich wurde Gabriel Riesser, Nachfahre einer alten Rabbiner-Familie, in Hamburg geboren, wo er am 22. April 1863 auch starb. Aber in seiner Heimatstadt versuchte er auch lange vergeblich, Karriere als Jurist zu machen – als Jude war ihm das Bürgerrecht verwehrt. Sich taufen zu lassen, wie etwa Heinrich Heine, mit dem Riesser auch deshalb eine herzliche Abneigung verband, lehnte der Jurist ab. Er gründete die Zeitschrift »Der Jude«, kämpfte als Journalist und Politiker für die Emanzipation der Juden, für Bürgerrechte und eine geeinte deutsche Nation. Für Riessers Nachfahren ist die Haltung der Stadt Frankfurt deshalb nicht nachvollziehbar – schließlich war es das Paulskirchen-Parlament, in dem Riesser als Redner brillierte. Und ohne den Ruhm aus Frankfurt wäre er später nie zum Richter in Hamburg berufen worden. Dennoch hielt die Stadt Frankfurt an ihrer Haltung fest: Ehrung, wenn überhaupt, in Hamburg. »Ich bin sicher«, schrieb Nordhoff in der Absage an Riesser, »daß die dortigen Kollegen Entsprechendes vorbereiten werden.«
Allerdings: In Hamburg gab es keinerlei »entsprechende« Vorbereitungen. Das Büro des Ersten Bürgermeisters teilte Clemens Riesser Anfang März per E-Mail mit, »daß keine Feierstunde anläßlich des 200. Geburtstages von Herrn Dr. jur. Gabriel Ries- ser am 2. April 2006 vorgesehen ist«.
Für Clemens Riesser ist der Streit um eine Ehrung seines berühmten Vorfahren mehr als eine Provinzposse zwischen zwei deutschen Großstädten. Es ist die Fortsetzung eines Konflikts, der seinen Urspung in der Ausstellung zur Geschichte der Paulskirchen-Bewegung hat. Sie wurde 1998 feierlich eingeweiht – und von Historikern hart kritisiert. Denn weder Riesser kam darin angemessen vor noch die besondere Bedeutung der »Judenfrage« oder das antisemitische Moment in Teilen der Bürgerbe- wegung. »Paulskirche ›judenfrei‹?« schrieb die Jüdische Allgemeine am 6. August 1998.
Das ist ein Grund, warum Clemens Riesser sich zehn Jahre später nicht damit zufrieden gibt, daß das Jüdische Museum in Frankfurt im Juni eine Riesser-Ausstellung zeigen wird und daß das Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg ein Symposium plant. »Dadurch wird das Ganze wieder in eine bestimmte Ecke geschoben« – Riesser bleibt eine jüdische Angelegenheit. Nicht nur der Ururneffe ist sicher, daß diese Sichtweise Gabriel Riesser nicht gerecht wird. Denn der Politiker engagierte sich zwar für die Gleichstellung der Juden. Aber er tat dies aus einer grundlegenden Bürgerrechtsidee heraus. Es war Riesser, der in seiner »Kaiserrede« im März 1849 unter stürmischem Beifall der Abgeordneten eine Vorstellung dieser Rechte formulierte, die bis ins Grundgesetz fortwirkte. Riesser, so betont der Publizist Ernst Cramer in seinem Geburtstagsartikel in der »Welt«, war ein deutscher Patriot, dem nicht vorrangig die Juden, sondern alle Deutschen einiges verdanken.
Immerhin, ein paar tröstende Worte für Clemens Riesser enthielt die E-Mail aus Hamburg doch. Man werde zum 150jährigen Jubiläum der freien Wahlen zur Bürgerschaft alle ehemaligen Präsidenten und Vizepräsidenten des Stadtparlaments würdigen – im Jahr 2009.

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