Ausstellung

Sprüche der Töchter

von Miryam Gümbel

»Immer lustig, immer froh, Traurigsein kommt sowieso«. Diesen Spruch widmete Inge Berger im April 1938 ihrer Freundin Inge Goldstein. Sechs Monate später emigrierte Inge Goldstein mit ihren Eltern in die USA. Das Poesiealbum nahm sie mit. Bis Ende April steht es im Mittelpunkt einer Ausstellung im Jüdischen Museum.
Diese Ausstellung ist die letzte in dem kleinen Interimsmuseum. So schwang ein wenig Frohsinn und etwas Wehmut auch in den Eröffnungsreden an diesem Abend mit: Freude auf das neue Jüdische Museum im Komplex des künftigen Jüdischen Zentrums und Abschied von den zunächst privaten Anfängen unter Richard Grimm, der ebenfalls unter den Gästen war.
Mit dem Blick auf die Zukunft konnte Gemeindepräsidentin Charlotte Knobloch den Gründungsdirektor des künftigen Museums, Bernhard Purin, begrüßen. Mit einem Blumenstrauß bedankte sie sich bei der Kuratorin der Abschiedsausstellung, Doris Seidel. Diese hatte das kleine Museum in den zurückliegenden Jahren betreut, unterstützt von Stadtarchiv und Stadtmuseum München.
Kann ein Poesiealbum eine ganze Ausstellung tragen? Wolfgang Till, Direktor des Stadtmuseums, lobte die bewußte Reduktion, die aufbauend auf diesem einen Exponat in drei Räumen das Umfeld der Schülerin Inge Goldstein in den Jahren vor 1938 aufzeigt. Sie wurde 1929 geboren und war 1938 gezwungen, mit ihrer Familie in die USA zu emigrieren. Ihr Poesiealbum nahm sie mit in die Neue Welt. 1994 schenkte sie es dem damaligen Jüdischen Museum in der Maximilianstraße.
Die Ausstellung richtet den Blick auf die vielfältigen Aspekte jüdischer Kindheit und Jugend in München in den 30er Jahren. Daß es mit der Sinai-Grundschule heute wieder eine jüdische Grundschule gibt, zeigt der vierte Museumsraum mit dem Schulalltag unserer Tage, den das Jugend- und Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde erarbeitet hat.
Zurück in das München der 30er Jahre führte anläßlich der Ausstellungseröffnung Rabbiner Salomo Pappenheim, der eigens zu diesem Anlaß aus Jerusalem in die Stadt seiner Kindheit gereist war. Zunächst dankte er Doris Seidel für die Sensibilität, mit der sie die Ausstellung konzipiert hatte: Der Besucher findet im ersten Raum ein Schulzimmer mit alten Sitzpulten und an den Wänden alte stark vergrößerte Klassenfotos. Den zweiten Raum beherrschen Poesiealben. Im dritten schließ- lich werden, ebenfalls in starker Reduktion, einige der damaligen Schüler auf einfachen Schrifttafeln vorgestellt, soweit vorhanden mit Bild.
Mit diesem Schritt in die Vergangenheit der späten 30er Jahre war Salomo Pappenheim auch schon mitten im Thema: »Für mich war der 10. November (1938) ein vollkommener Umsturz.« Für eine Vielzahl der Kinder war mit dem Anblick der Zerstörungen der Pogromnacht die behütete Weltsicht zu Ende, die ihnen ihre Eltern bei allen Einschränkungen Jahre hindurch zu geben versucht hatten.
»Ich bin an diesem einen Tag erwachsen geworden«, sagte Pappenheim, der damals gerade zwölf Jahre alt war. Bis zu diesem Zeitpunkt war manches noch möglich gewesen, irgendwie. Sogar die Reise, die er als 9jähriger mit seinem Vater nach Karlsbad unternommen hatte, um den späteren Oberrabbiner von Jerusalem dort zu besuchen. Nur seinen Lehrer Moritz Rosenfeld hatte er ein wenig beschwindeln müssen, um das Fehlen in der Schule zu erklären. Und dieser erkannte bald die fadenscheinige Ausrede von der Zugverspätung und fragte nicht weiter.
So betonte Pappenheim, daß das Poesiealbum mit seinen großenteils heiteren Gedichten »keine reine Lüge« war. Die eine oder andere Nachricht hätten die Kinder damals mitbekommen, doch in aller Regel hätten die Eltern sie abgeschirmt: »Was das Privatleben betrifft, hatten wir eine glückliche Kindheit.«
Distanz und Nähe, selbstbewußte Eigenständigkeit und das Miteinander mit der nichtjüdischen Umgebung schilderte Pappenheim anhand verschiedener Beispiele auch aus der eigenen Familie. Dabei nötigte gerade die Einhaltung der religiösen Gebote auch den Geschäftspartnern Respekt ab und schaffte eine Vertrauensbasis.
Mit der Geschichte eines Münchners aus den 30er Jahren machte Pappenheim in diesem Zusammenhang das sich wandelnde Klima anschaulich: Da gab es einen »Landgänger«, einen Hausierer, der den Leuten in den umliegenden Dörfern all das brachte, was sie dort nicht kaufen konnten. In der Hitlerzeit habe auch dieser Handlungsreisende sich Sorgen gemacht, ob und wie er seinen Beruf weiter ausüben könne. Dennoch sei er seiner religiösen Tradition treu geblieben, selbst als er deshalb ein gemeinsames Glas Wein mit einem Dorfpfarrer ablehnen mußte. Seine berechtigte Angst vor möglichen negativen Konsequenzen sei ihm dann gerade auch wegen seiner Standhaftigkeit von diesem genommen worden – zumindest was den Priester und dessen Einflußbereich betraf.
Angst und Unsicherheit freilich blieben nach dem 9. November 1938 auch bei den Kindern. So zeigt das Tagebuch der Inge Goldstein vor allem in den wenigen Wochen vor der Emigration in die USA viele Einträge, aber nicht in der sonst ausgezierten Form mit Bildern. Es macht eher den Eindruck schnell und bewußt gesammelter Erinnerung. Doris Seidel unterstreicht dies: »Aus einem Brief, den Inge Wetzstein-Goldstein dem Album beilegte, geht hervor, daß sie durch die erzwungene Emigration den Kontakt zu ihren Münchner Schulfreunden verloren hatte. Einzig von der Deportation und Ermordung ihres Klassenkameraden Günter Hess im litauischen Kaunas erfuhr sie. Die vielfältigen Gebrauchsspuren und eingefügte Bleistiftbemerkungen zeugen von der Wichtigkeit des Erinnerungsbüchleins für seine Besitzerin, die dieses offenbar häufig zur Hand nahm.«

Die Ausstellung »Traurigsein kommt sowieso – Ein jüdisches Poesiealbum 1938/39« im Jüdischen Museum, Reichenbachstraße 27 (Rückgebäude) wird bis zum 27. April gezeigt. Sie ist dienstags 14 bis 18 Uhr, mittwochs 10 bis 12 und 14 bis 18 Uhr sowie donnerstags 14 bis 20 Uhr geöffnet.

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