Stolpersteinprojekt

Sprechendes Quadrat

von Frank Rothert

Ein Bautransporter der Stadt Oberhausen hält an diesem regennassen Tag vor der Gerichtstraße 18. Zwei Mitarbeiter sperren den Fahrbahnstreifen ab. „Zum Glück ist der Boden nicht mehr gefroren“, sagt einer der beiden Männer, „er kann also verlegen“. Schon eine Minute später kommt der zweite Transporter, und „er“ steigt aus, der Künstler Gunter Demnig, Vater des Projek‐tes. Insgesamt 28 Stolpersteine werden an diesem Tag in Oberhausen verlegt, 23 sind bereits eingesetzt. Das Team ist im Zeit‐plan. Einige Menschen haben sich versammelt. Sie möchten bei der Steinsetzung für Dr. Max Münchhausen, seine Frau Berta und die Kinder Hans und Gerda zusehen. Dass Leute, so wie die Familie Spiegel und Rechtsanwalt Friedrich Ecke, die als Stifter anwesend sind, bei einer Stolpersteinsetzung dabei sind, ist nichts Besonderes. Ungewöhnlich ist vielmehr, dass die kleinen goldenen Vierecke für zwei lebende Mitglieder der Familie Münchhausen verlegt werden.
Gedenkt man mit den Stolpersteinen sonst nicht nur der Ermordeten? Im 4.500 Kilometer entfernten Israel wissen Gerda und Hans genau, was gerade in Oberhausen vor sich geht. Während Gunter Demnig vor dem Eingangsportal eine Gehwegplatte entfernt, um die blank polierten Steine einzusetzen, hält Rechtsanwalt Ecke eine Rede über den Kollegen Max Münchhausen, der mit seiner Familie bis 1936 hier wohnte.
Münchhausen war ein bedeutender Oberhausener Bürger: Rechtsanwalt, Vorsitzender des Zentralvereins Deutscher Bürger jüdischer Religion und der Jüdischen Gemeinde. Seine Ehefrau Berta stammte aus gutem Hause. Die Familie zählte damals zu den wenigen in der Stadt, die ein Auto mit Chauffeur besaßen. Anfang 1933, während der Sohn Hans sein mündliches Abitur ablegt, fallen Schüsse in der angrenzenden Turnhalle des Gymnasiums. Nationalsozialisten töten drei Kommunisten. Der 17‐Jährige beschließt, Deutschland den Rücken zu kehren. Schon im Februar verlässt er die Heimat mit dem Schiff Richtung Palästina. Die Eltern hoffen auf seine Rückkehr und erlauben die Reise nur unter der Auflage, dass der Sohn in Jerusalem studiert. An der Universität wird er 1934 von der Kibbuzbewegung angeworben und geht nach Ein‐Harod, wo er bis heute lebt.
Als die Nazis Max Münchhausen 1935 Berufsverbot erteilen, gibt es auch für ihn nur noch ein Ziel: Palästina. Anfang 1936, nach Notverkauf des Hauses, entschließen sich Hans’ Eltern, mit der fünfjährigen Tochter Gerda Deutschland zu verlassen. Wie Tausende andere Flüchtlinge sprechen Max und Berta kein einziges Wort Hebräisch. Mangelnde Sprach‐ und juristische Kenntnisse der englischen Gesetze der Mandatsregierung lassen eine Fortführung der Anwaltstätigkeit nicht zu. Hitze und hoher Blutdruck machen dem Vater zu schaffen. Er stirbt, vier Jahre nach der Emigration, im Jahre 1940. Berta Münchhausen kämpft von nun an allein um die Existenz. Außerhalb von Tel Aviv baut sie für sich und die Tochter ein kleines Haus und näht in einem englischen Militärcamp Zelte. Mit 17 Jahren muss Gerda fortan arbeiten gehen, denn für die Universität fehlt das Geld. Nach dem Militärdienst ist sie bei einer Versicherung tätig und lernt dort ihren aus Königsberg stammenden, späteren Ehemann kennen. So wie viele Emigranten haben Gerda und Hans andere Namen angenommen. Sie heißen heute Geula Lavie und Naftali Meiri.
Mittlerweile hat Gunter Demnig alle vier Steine verlegt, ein letztes Mal die Lage korrigiert und verfugt – fertig. Dass zwei der vier Geehrten noch leben, findet der Künstler nicht verwerflich: „Mein Projekt hat ja den Sinn, an die Vertreibung und Vernichtung der Menschen zu erinnern, die Opfer des Nationalsozialismus geworden sind.“ Demzufolge gehören auch Naftali und Geula dazu.
Michael Rubinstein, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Duisburg‐Mülheim/ Ruhr‐Oberhausen, zeigt sich dagegen überrascht, dass mit den Stolpersteinen auch der Lebenden gedacht werden soll: „Wir sind Befürworter der Stolpersteine, aber das ist uns neu.“ Er hält dies zumindest für diskussionswürdig. „Wo fängt Erinnerung an, wo hört sie auf? Ich finde, die Stolpersteine sollten an diejenigen erinnern, die ihre eigene Geschichte nicht mehr erzählen können.“
Indes hofft Geula Lavie, dass sie gemeinsam mit ihrem Mann „ihren“ Stolperstein einmal sehen kann: „Wir sind jetzt schon Ende siebzig.“ Auch der mittlerweile 93‐jährige Naftali Meiri zeigt sich erfreut: „Das hat einen Rieseneindruck auf uns gemacht, meine Kinder sind stolz. Mein Sohn ist erstaunt, dass so etwas in Deutschland möglich ist.“ Naftali sah seine Geburtsstadt als Soldat der Jüdischen Brigade erstmals 1945 wieder – völlig zerstört. „Das tat mir überhaupt nicht leid“, sagt er heute. Über die Jahrzehnte aber entstanden neue Kontakte zu Oberhausen. 1997 wurde er von der Stadt eingeladen, über die damaligen Ereignisse zu sprechen und lernte so auch Familie Spiegel kennen, die ihn seither oft in Israel besucht hat.
Über die Stolpersteine hatten die Spiegels durch die Gedenkhalle Oberhau‐sen erfahren. „Ich glaube, dass Naftali noch immer eine starke Verbundenheit mit Oberhausen hat“, sagt Marlies Spiegel. Als Naftali im Jahr 2005 mit seiner Tochter Ober‐ hausen besucht, will diese das Elternhaus des Vaters besichtigen, wo sich heute das Anwaltsbüro von Friedrich Ecke und ein Büro der Stadt befindet. Nach langer Überredungskunst betritt Naftali zum ersten Mal seit 1933 das Haus seiner Jugend. Zur großen Überraschung entdeckt er hier teilweise zurückgelassenes Mobiliar der Eltern. „Wir haben in der Küche Möbel gefunden, auf denen der Name meiner Eltern stand“, sagt Naftali noch heute ganz erstaunt. Und er gibt zu: „Ich schäme mich nicht zu sagen, dass ich geweint habe.“
Die anderen Stifter, Friedrich Ecke und seine Frau, lernte Geula Lavie vor 15 Jahren kennen, als sie das Haus ihrer Eltern besuchte. Auf diesem Wege wurde Ecke mit der Geschichte der früheren Bewohner vertraut. Er fand Hinweise, dass die Eheleute Münchhausen davon ausgingen, Hitler bliebe allenfalls ein halbes Jahr an der Macht. Unterlagen über den Notverkauf von 1936 und Belege aus der Nachkriegszeit dokumentieren, dass das Haus damals weit unter Wert verkauft wurde. Für die heutigen Eigentümer Grund genug, einen Stolperstein zu stiften: „Ich finde es richtig, auch der Kinder Münchhausen zu gedenken, selbst wenn sie noch leben, denn schließlich sind sie vertrieben worden.“

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