fussball

Spielfreudig und torsicher

Bis in die 80er‐Jahre gab es beim Fußballclub Maccabi Haifa immer zum Ende der Saison eine kleine Party. Im Raum stand dann ein großer Tisch und darauf viele kleine Pokale. Der Manager pflegte jedem Spieler einen dieser kleinen Pokale zu schenken und ihnen so zum großen Erfolg zu gratulieren, dass Haifa auch in diesem Jahr in der ersten Liga geblieben war.

champions league Mittlerweile hat sich bei dem Klub, der am Mittwoch gegen Bayern München in der Champions League spielte (das Spiel fand nach Redaktionsschluss statt), einiges geändert: Elf Meisterschaften und fünf Pokalsiege erspielte er seither; in Champions und Europa League wurden große Spiele absolviert; und etliche gute israelische Spieler konnten gegen hohe Summen in europäische Topligen verkauft werden. Außerdem stellt der Club die wichtigsten Spieler der israelischen Nationalmannschaft. Im vergangenen Jahr wurde Maccabi Haifa Meister, und in diesem Jahr führt das Team mit zehn Siegen nach zehn Spielen die Tabelle an. Souveräner geht’s nicht.
Verantwortlich für den Aufschwung von Maccabi Haifa ist Ya’akov Shahar. Der Geschäftsmann besitzt den Klub seit 1992. Shahar hat zwar als Jugendlicher Fußball gespielt und ist Fan, aber wer glaubt, da bediene ein reicher Mann den Populismus für die Fußballfans, irrt. Shahar ist nicht in Haifa, um Meisterschaften zu gewinnen, er will ein Geschäftsmodell etablieren.

geschäftsmodell Dafür plant er in großen Abschnitten: Immer wieder hat er dank des von ihm initiierten Jugendprogramms dafür gesorgt, dass junge Spieler in die Mannschaft integriert werden. Auch jungen israelischen Trainern gab Maccabi immer wieder eine Chance. So konnte der Klub sowohl eine spielerische als auch eine finanzielle Stabilität erreichen. Das vielleicht signifikanteste Zeichen von Shahars erfolgreicher Amtsführung ist: Haifa hat bei seinem Weg in die große Welt des Fußballs noch nie eine Abkürzung genommen.
Das ist ein einzigartiges Geschäftsmodell, besonders in Israel, einem Land, in dem man es noch nie mit langfristig gesetzten Zielen, die es geduldig zu erreichen gilt, ernst genommen hat. Da wundert es nicht, dass, als Israel die Teilnahme an der Fußball‐Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika verpasst hatte, viele nach Ya’akov Shahar als neuem Chef des Israelischen Fußballverbandes riefen.
Shahars besondere Rolle für Haifas Fußballerfolg wird deutlich, wenn man etwas südöstlich schaut, zum langjährigen Rivalen Beitar Jerusalem. Während Shahar in Haifa langsam und geduldig etwas aufbaute, erlebte Beitar alles: von der Meisterschaft bis zum Zittern in der Relegation, ob man die Liga halten kann; vom unverhofften Geldsegen bis zum drohenden Bankrott. Beitar Jerusalem war noch weniger stabil als Amy Winehouse. In den Jahren 2007 und 2008 konnte Beitar zwar israelischer Meister werden – der russische Oligarch Arcadi Gaydamak hatte die besten Spieler und besten Trainer, die zu verpflichten waren, geholt. Gaydamak hoffte mit dem Erfolg des Klubs, in der israelischen Öffentlichkeit Respekt zu verschaffen. Doch was Gaydamak letztlich tat, war, den Verein aufzumotzen, wie man auf einen Kleinwagen eine Porsche‐Karosserie setzt.

hapoel und beitar Als Gaydamaks »Porsche« auf europäischem Niveau fahren sollte, versagte Beitar völlig. Gaydamak, dem nachgesagt wird, dass er einen Großteil seines Vermögens mit Waffengeschäften gemacht hatte, verließ den Klub und ließ ein Chaos zurück. Ya’akov Shahar ist dagegen nicht daran interessiert, mit seinem Team persönliche Anerkennung zu erheischen. Sollte Shahar morgen Haifa verlassen, er hinterließe einen klar strukturierten Verein, an dem seine Nachfolger nur weiter bauen müssten, um Erfolg zu haben. Dass das Geschäftsmodell, das Ya’acov Shahar für Maccabi Haifa entwickelt hat, sich langsam durchsetzt, kann man am zweiten israelischen Klub sehen, der derzeit in Europa für Furore sorgt: Hapoel Tel Aviv, nicht nur Zweiter in der Tabelle der Ligat Ha’al, sondern auch in der Europa League zuletzt mit einem 3:0-Sieg bei Rapid Wien erfolgreich, hat den Trainer Eli Gutman unter Vertrag. Gutman hat den Beinamen »der Deutsche«, denn er gilt als Disziplinfanatiker, der seinen Teams defensiven Fußball lehrt. Bei Beitar Jerusalem war Gutman gescheitert, denn er ließ einen biederen Fußball spielen, während die Fans Spektakuläres erwarteten.

der deutsche Dabei hat der Beiname »der Deutsche« im israelischen Fußball keinen schlechten Klang. »Es gab ja noch einen israelischen Trainer, der so genannt wurde«, erinnert sich Eitan Beckerman, Fußballexperte der Tageszeitung Haaretz. »Das war Emmanuel Scheffer, geboren in Deutschland und wirklich der größte Trainer, den Israel je hatte.« Er war hart zu den Spielern, ließ sie manchmal sogar dreimal täglich antreten. Scheffer führte die israelische Nationalelf zu den Olympischen Spielen 1968 und zur WM 1970 nach Mexiko. Die bisher größten Erfolge einer israelischen Nationalmannschaft.
Eli Gutman, der im Geiste Scheffers trainiert, wurde von Hapoel Tel Aviv 2007 geholt. In jenem Jahr rettete er den Club vor dem Abstieg in die Zweite Liga. Nachdem ihm das gelungen war, setzte er langsam seine Methode durch. Im Folgejahr wurde Hapoel Tel Aviv Vizemeister. Sowohl Shahar als auch Gutman sind Beispiele dafür, was man im israelischen Fußball erreichen kann, wenn man einen langfristig angelegten Plan verfolgt.
Dass dieses für den israelischen Fußball bislang untypische Modell plötzlich in Städten wie Haifa und Tel Aviv erfolgreich ist – und nicht beispielsweise in Jerusalem – hat Gründe: Beide Teams spielen in Städten, in denen eine gemischte israelisch‐arabische Bevölkerung lebt. Hapoel etwa trägt seine Heimspiele im arabisch dominierten Jaffa aus. Beide Teams haben – anders als Beitar – arabische Spieler in ihre Mannschaften integriert, und deshalb genießen beide Teams auch – wiederum anders als Beitar – große Unterstützung bei arabischen Fans.

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