Makkabi

Spaß am Erfolg

von Lukas Hermsmeier

Ehe Polina Goldenberg den Tischtennisschläger in die Hand nehmen darf, muss sie noch auf einem anderen Gebiet Höchstleistungen vollbringen. Die 40‐Jährige hat am heutigen Donnerstag die entscheidende mündliche Prüfung für die Umschulung zur Steuerfachangestellten. Ist diese absolviert, darf die Tischtennisdame endlich nach Rom fliegen, um für Deutschland bei den 12. Europäischen Makkabi‐Spielen anzutreten.
Anders als der Großteil der deutschen Sportler, die sich schon am 4. Juli auf den Weg gemacht haben, wird Polina Goldenberg erst Freitag in den Flieger steigen. Am Mittag hat die Sportlerin vom DJK SB Regensburg auch schon ihr erstes Match. Für die gebürtige Ukrainerin ist es allerdings nicht die erste Teilnahme an den Europäischen Makkabi‐Spielen. Kaum ein teilnehmender Athlet verfügt über eine solch große Erfahrung wie sie. Polina Goldenberg war 2003 in Antwerpen die erfolgreichste Sportlerin des deutschen Teams, gewann dort im Einzel und in der Mannschaftswertung die Goldmedaille. Und vor zehn Jahren hatte die Mutter eines 18‐jährigen Sohnes an der Maccabiah in Israel teilgenommen, damals noch in Diensten der ukrainischen Mannschaft.
Seit Saisonende bereitet sich Polina Goldenberg wie die anderen sieben Tischtennisdamen intensiv auf das Turnier in Rom vor. »Der Lehrgang von Makkabi im Februar war besonders wichtig für die Abstimmung im Doppel und Mixed«, sagt Goldenberg. Seit Monaten trainiert sie fast ausschließlich mit Männern, um ihr Topniveau zu erreichen. Die Erwartungen sind groß. Nicht nur an die erfolgreiche Tischtennismannschaft im Allgemeinen, sondern im Besonderen an Polina Goldenberg. Immerhin hat sie zwei Goldmedail‐ len zu verteidigen. »Egal gegen wen, ich werde das Bestmögliche zu erreichen versuchen«, sagt sie.
Mit diesem Ziel treten auch die anderen 139 Sportler der deutschen Delegation in Italiens Hauptstadt an. Bis zum 12. Juli werden die Besten der rund 3.600 jüdischen Sportler aus den 37 Ortsvereinen von Makkabi Deutschland bei den 12. Europäischen Makkabi‐Spielen ihr Bestes geben. Das ist die größte deutsche Delegation, die je an Europäischen Makkabi‐Spie‐ len teilgenommen hat. In den Disziplinen Basketball, Bridge, Fechten, Fußball, Futsal, Karate, Schach, Tennis, Tischtennis und Volleyball gilt es, an die Erfolge von Antwerpen 2003 anzuknüpfen. Dort bedeuteten die 21 gewonnenen Medaillen den 3. Platz in der Länderwertung hinter Frankreich und Russland. In diesem Jahr werden 1.800 Sportler aus 38 Ländern an den Wettkämpfen teilnehmen. Dass die Europäischen Makkabi‐Spiele keinen rein europäischen Charakter besitzen, beweist die Teilnahme der USA, Israels und Australiens. Gerade für die Vereinigten Staaten treten viele herausragende Athleten in Rom an, nicht wenige mit großen Medaillenambitionen. Für Djerald Oganezov ist jedoch die Teilnahme der israelischen Mannschaft von größerer Bedeutung. Der 28‐jährige Tennisspieler gibt offen zu, dass er hofft, »dass Amit Inbar dieses Jahr nicht teilnimmt«. Der war 2003 in Belgien sein Finalgegner. Zwar konnte Djerald Oganezov das Match mit 7:6 und 6:4 für sich entscheiden, er zählt den Israeli aber dieses Jahr wieder zu seinen größten Konkurrenten. Oganezov wird einer der vier Tennisspieler sein, die für Deutschland antreten. Für ihn ist es die zweite Teilnahme an den Spielen. 1994 kam der gebürtige Georgier nach Deutschland, um hier für den Wiesbadener THC Tennis zu spielen. Seinen bisher größten Erfolg konnte er 2005 bei der Maccabiah in Israel feiern. Dort gewann er neben dem Doppel auch das Einzel. In beiden Finalspielen wirkte Valerie Geismann mit. Zunächst als Gegner von Oganezov, anschließend als Partner im Doppel. Der Berliner Tennisspieler wird auch in Italien mit dabei sein und wie sein einstiger Doppelpartner Deutschland vertreten. Oganezov steht als Tennistrainer jeden Tag von morgens bis abends auf dem Platz. Trotzdem sind die Europäischen Makkabi‐Spiele für ihn »eine ganz besondere Sache«.
Wie Djerald Oganezov den Sport zum Beruf machen – davon ist Daniel Tchernahovsky noch ein großes Stück entfernt. Daniel spielt Basketball, und das erfolgreich. Schon in der Jugend war er, wie er selbst sagt »wichtigster Mann« auf dem Platz. In sämtlichen Jugendmannschaften überragte er seine Mitspieler und musste daher regelmäßig seine favorisierte Position auf den Flügeln verlassen, um als Center zu agieren. Bei den Herren, für die er seit der letzten Saison spielt, sind die 1,91 Meter im Vergleich zu den Centern der gegnerischen Teams fast schon zu klein. »Da ist jeder auf der Position entweder 2,10 Meter groß oder wiegt 120 Kilogramm.« Dennoch hat der Oberligist CVJM Berghofen dem angehenden Abiturienten ein Angebot unterbreitet. Bis zum Start der neuen Spielzeit muss Daniel sich entscheiden, ob er »seinen Verein«, den Club ASC 09 Aplerbeck, verlässt und damit einen weiteren Schritt auf der Karriereleiter nach oben macht.
Das bisher größte Ereignis in seiner Basketballlaufbahn erwartet ihn jetzt in Rom. Allein die Teilnahme bei den Spielen ist für ihn ein riesiger Erfolg. Dementsprechend groß ist bei ihm die Aufregung. Aus sportlicher Sicht kann für Daniel eigentlich nichts schief gehen. Fünf Trainingseinheiten in der Woche und bis zu drei Spiele am Wochenende waren für ihn im vergangenen Jahr Normalität. Ob er nicht irgendwann am Basketball die Lust verliert? »Dafür liebe ich diesen Sport zu sehr«, sagt Daniel. Da trifft es sich gut, dass es bei den Makkabi‐Spielen nicht allein um Siege und Medaillen geht. Die Begeisterung für den Sport steht im Vordergrund. »Außerdem ist es der einzige Anlass, mal andere jüdische Sportler zu tref‐ fen«, sagt Daniel Tschernahovsky. »Die Bedeutung der Makkabi‐Spiele ist ungemein groß«, sagt auch Isabella Farkas, Vorstandsmitglied von Makkabi Deutschland. Denn der Sport führe die Menschen zusammen. Nichtsdestoweniger haben alle jüdischen Sportler auch in Rom ein Ziel: so erfolgreich wie möglich abzuschneiden.

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