Sozialsprechstunde

Sorgen im Minutentakt

von Katja Haescher

„Spokojno“, sagt Janina Kirchner während der Beratungsstunden immer wieder. Spokojno, das heißt so viel wie ruhig, sachte. Sie meint damit: Wir kriegen das schon hin! Denn die Menschen, die der 42‐Jährigen gegenübersitzen, kommen mit vielen Problemen. Manchmal sind es nur kleine, manchmal große Sorgevn.
Die Sozialberaterin der Jüdischen Gemeinde Schwerin ist für viele Mitglieder die erste Ansprechpartnerin. Wenn die Energiekostenabrechnung der Stadtwerke kommt oder Post von der Wohnungsgesellschaft. Wenn es Fragen zur Grundsicherung gibt, ein neues Formular ausgefüllt werden muss oder ein Besuch beim Arzt ansteht. „Die Hälfte unserer 1.000 Mitglieder ist älter als 50 Jahre, viele sind sogar älter als 60. Die größte Schwierigkeit für sie ist die Sprache“, weiß Janina Kirchner.
Die Klingel scheppert. Die Beraterin drückt auf den Türöffner, kurze Zeit später sitzt der erste Besucher vor ihrem Schreibtisch. Er hat nur ein kleines Problem. Der Mann möchte zu einem anderen Telefonanbieter wechseln. Janina Kirchner studiert die mitgebrachten Briefe und gibt Auskunft: Der Wechsel ist erst in zwei Jahren möglich, so lange läuft der bisherige Vertrag. „Papiere“, sagt die Beraterin, nachdem sie den Gast mit einem freundlichen „Do swidanja“ verabschiedet hat, „Papiere sind für die meisten das Schlimmste. Viele ha‐
ben Angst davor. Denn Deutsch zu verstehen und Alltagssituationen sprachlich zu meistern, ist nicht das Gleiche wie Formulare mit ihren Verklausulierungen zu deuten. Janina Kirchner ist längst Spezialistin für Papiere und Formulare aller Art. 1994 kam sie aus der Ukraine nach Deutschland. Seit zehn Jahren hilft sie bei Alltagssorgen. An vielen Tagen schrillt die Türklingel des Gemeindebüros im Zentrum von Schwerin im Minutentakt, abwechselnd mit dem Telefon. „Der Bedarf ist riesengroß“, sagt Valerij Bunimov, stellvertretender Vorsitzender des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Mecklenburg‐Vorpommern. Er ist froh, dass die Schweriner Gemeinde jetzt eine zweite Beraterstelle einrichten konnte – mithilfe der Arbeitsagentur, die 75 Prozent der Lohnkosten trägt. „Aber eigentlich reicht selbst das noch nicht. In Wismar, wo etwa 140 unserer Gemeindemitglieder leben, gibt es zum Beispiel keine Beratung“, so Bunimov.
Für die Menschen, die aus der ehemaligen Sowjetunion kommen, ist ihre jüdische Gemeinde mehr als ein Ort für Gottesdienste. Hier finden Sprachkurse und die Sonntagsschule statt, es gibt eine Bibliothek, den Chor und den Schachklub. „Auch Einsamkeit ist ein Problem. Mindestens 30 unserer Gemeindemitglieder leben allein“, sagt Kirchner. Irena Evstratova zum Beispiel. Die heute 70‐Jährige hatte davon geträumt, zusammen mit ihrem Sohn und dessen Familie in Deutschland zu leben. „Lange hat mein Sohn versucht, Arbeit zu finden. Das ist ihm nicht gelungen und er ist nach Rostow zurückgekehrt“, erzählt sie. Irena Evstratova blieb in Schwerin. Heute kämpft sie mit gesundheitlichen Problemen, hat schon die dritte Knieoperation hinter sich. Die Gemeinde unterstützt sie, wenn es um einen Dolmetscher für Arztbesuche oder Klinikaufenthalte geht. „Das ist eine große, große, eine gewaltige Hilfe“, sagt sie. Die Beraterinnen koordinieren diesen Begleitdienst. Sechs, sieben Frauen aus der Gemeinde, die wie Kirchner sehr gut Deutsch sprechen, übersetzen bei Arztbesuchen. Mehr als hundert kommen im Monat zusammen. „Viele unserer älteren Menschen haben gesundheitliche Probleme“, sagt Kirchner. Hoch ist die Zahl der Krebserkrankungen. Mentaler Stress, eine schwierige Lebenssituation, darunter leiden viele irgendwann auch körperlich.
Ein Job – dieser Wunsch bleibt den meisten verwehrt. „In Schwerin ist es schon für Deutsche schwer, Arbeit zu finden. Für unsere Leute ist es hundertmal schwerer“, weiß die Beraterin. Die Jungen verlassen deshalb die Stadt. Noch zählt die Gemeinde 22 Kinder. Eine Jugendgruppe gibt es nicht mehr, denn die jungen Leute studieren inzwischen in Rostock, Lübeck, Kiel. Schwerin hat keine Universität. Wieder und wieder klingelt es an der Tür, mehrere Be‐
sucher warten vor dem Büro. Der Andrang steigt mit den Ankunftszeiten der Straßenbahn: Die meisten Gemeindemitglieder wohnen auf dem „Großen Dreesch“, dem größten Neubaugebiet im Südosten Schwerins. Dort sind die Wohnungen billiger als anderswo in der Stadt. Trotzdem machen den Menschen die steigenden Preise zu schaffen. Viele kommen in diesen Tagen mit der aktuellen Stromrechnung. „Wenn Leute bisher im Monat 35 Euro für Strom bezahlt haben und plötzlich steht eine deutlich höhere Summe da, sind sie verunsichert“, sagt Janina Kirchner. Viel Verunsicherung entsteht auch durch Haustür‐
geschäfte oder am Telefon geschlossene Verträge. Plötzlich flattern Rechnungen ins Haus, die sich mancher nicht erklären kann. „Wir haben deshalb allen eingeschärft: Unterschreibt nichts, kommt mit allen Papieren zuerst hierher“, sagt Valerij Bunimow.
Vier Tage in der Woche halten Janina Kirchner und ihre Kollegin Alla Kamenetzki das Büro geöffnet, Donnerstags ist geschlossen. Den Tag brauchen sie, um Widersprüche zu formulieren, Briefe zu schreiben, Termine zu planen. Das Telefon klingelt trotzdem. Das darf es auch. „Wir sind hier kein Amt“, sagt Janina Kirchner, „wir wollen den Menschen helfen!“

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