Ya’ir Magall

„Sonntags guck ich Trash“

Viel Freizeit bleibt mir nicht. Ich bin zwar offiziell noch Student, doch gehe ich eher selten an die Filmhochschule. Die eine Hälfte der Woche, etwa 20 Stunden, arbeite ich bei Creation Club, einer Firma, die viel für den Pay‐TV‐Sender Première herstellt. Wir schneiden und produzieren grafische Sachen, Animationen und auch einige Sendungen für Première. Ich bin fürs Coding zuständig, dabei wandelt man bestimmte Daten in andere Daten um, analoge in digitale Formate beispielsweise, oder Daten fürs Internet, es gibt ja heute tausend verschiedene Formate. Zusätzlich arbeite ich etwa 25 Stunden pro Woche als Cutter für Maritim‐Film, eine Film‐ und Fernsehproduktionsfirma. Sie stellt Werbe‐, Industrie‐ und auch Unterwasserfilme her, viel für BMW, für PR‐Agenturen oder den Bayerischen Rundfunk. Wann ich was mache, kann ich mir relativ frei einteilen.
Meine Prüfungen an der Hochschule habe ich hinter mir, nur den Abschlussfilm muss ich noch drehen. Weiterhin besuche ich aber Seminare an der Filmhochschule, zum Beispiel über das Kino von Wong Kar Wai, surrealistische oder expressionistische Filme oder über die Wiederholung im Film. Es ist wichtig für mich, Seminare zu besuchen, damit ich am Ball bleibe.
Vor zehn Jahren, ich war damals 15, habe ich angefangen, bewegte Bilder am Computer zu bearbeiten, habe mir stundenlang Videoclips im Internet runtergeladen und dann zu etwas Eigenem zusammengeschnitten. Nach einigen Praktika bei Regisseuren fing ich 2002 an der Münchner Filmhochschule an zu studieren. Geboren bin ich in Tel Aviv. Als ich sechs war, zog meine Mutter mit mir aus Israel weg, zuerst nach Belgien, später nach Deutschland.
Morgens fahre ich mit der S‐Bahn nach Unterföhring, dort sind die beiden Firmen, für die ich arbeite. Im Zug lese ich Texte über Filmtheorie oder Filmgeschichte, zur Zeit ein Buch über Fotografie von Susan Sontag. Zehn Seiten schaffe ich meist pro Tag. Ich habe eine Liste von Büchern, zu denen ich während des Studiums nicht gekommen bin, weil ich da so viel zu tun hatte. Jetzt nehme ich mir ein festes Lese‐Pensum vor: Bildästhetik, Bildmontage, so kann ich über das, was ich tue, reflektieren. Nicht jeder, der in der Medienbranche arbeitet, bringt das Wissen mit, das man sich an der Filmhochschule aneignen kann. Filmtheorie und -geschichte interessiert auch nicht alle. Dabei kann das Wissen zur Kreativität anregen: Sonst kommt einem das, was man da tut, leicht belanglos vor. Auch bei einem Werbefilm hat man mehr Möglichkeiten als das, was man eben standardmäßig macht. Zuerst war es ein Schock für mich, von der Filmhochschule in die Arbeitswelt zu kommen, denn dort interessiert sich keiner dafür, was der Kreative möchte. Da wird gesagt, das ist das Format, da gehört das und das hinein und dann macht man es so. Das finde ich schade.
Oft esse ich in der Première‐Kantine zu Mittag. Ich versuche, mich an koschere Speisen zu halten, Milch und Fleisch nicht zusammen zu essen und kein Schweinefleisch. Meistens nehme ich das vegetarische Gericht, das ist eigentlich ganz gut. Vor drei Tagen war ich bei Maritim‐Film, da gab es Weißwürste mit Brezeln, das war natürlich blöd, ich konnte nur die Brezeln essen.
Abends gehe ich in der Regel 20 Minuten joggen und zweimal die Woche direkt nach der Arbeit zum Krafttraining. Das brauche ich als Ausgleich zum vielen Sitzen. Wenn es irgendwie geht, schaue ich mir jeden Abend einen Film auf DVD an – was fürs Hirn, sonst verblödet man ja. Gern sehe ich künstlerische Filme, zum Beispiel von David Lynch oder François Ozon. Vorgestern habe ich mir „Marie Antoinette“ von Sofia Coppola angeschaut, der war sehr interessant. Ich mag die Filme von Andrej Tarkowskij, da kenne ich inzwischen alle. Auch Fellini gefällt mir sehr, da habe ich noch nicht alle durch. Gerade bin ich hinter den Filmen von Chris Marker her, einem bekannten Dokumentarfilmer, es ist ziemlich schwierig, die zu ergattern. Er ist einer meiner Lieblings‐Regisseure.
Freitagabend wenn ich von der Arbeit komme, mache ich entweder mit meiner Mutter oder mit meiner Freundin Schabbat und Kiddusch, da versuche ich, einen ruhigen Abend zu verleben und gucke keinen Film. Lieber rede ich da mit meiner Freundin. Unter der Woche sehen wir uns momentan kaum, sie studiert Kunstgeschichte und hat gerade Prüfungen. Samstags stehen einkaufen, sauber machen und andere alltägliche Sachen auf dem Programm, da arbeitet meine Freundin aber leider, dann sehen wir uns auch nicht. Einen Tag nichts mit Film zu machen, ist gut, um Abstand von den eigenen Projekten zu gewinnen. Zumindest den Sonntag verbringen meine Freundin und ich miteinander: Dann lassen wir uns durch die Stadt treiben auf der Suche nach Fotomotiven. München finde ich aber nicht sehr fotogen, ich habe gemerkt, dass ich in anderen Ländern, in denen alles heruntergekommener aussieht, mehr Motive finde. Hier ist alles geordnet, ein bisschen wie in Disney‐Land.
Ins Kino gehe ich am liebsten Sonntagabend, dann habe ich keine Lust auf Kunstfilme, sondern will was erleben: Schrott, Trash, inhaltsloses Zeug. Letztes Wochenende war ich in „Stirb langsam IV“, auch Tarantinos „Death Proof“ habe ich kürzlich gesehen. Das macht Spaß, inhaltlich sind solche Filme hohl, aber sie sind technisch gut gemacht, und das inspiriert mich. Ich muss als Filmemacher eben alles gucken.
In meinem ersten Kurzfilm ging es um einen orthodoxen Juden und seinen Alltag hier in Deutschland, der zweite Kurzfilm handelt von einer über 80‐jährigen Japanerin, die in der Nähe eines Vulkansees lebt und eine Art Totenritual um ihren verstorbenen Mann betreibt. Der ist vor über 20 Jahren gestorben, und sie betet jeden Morgen zu ihm. Ich war mit zwölf Jahren mit meiner Mutter mal dort, und diese Frau hat mich sehr berührt, weil sie ihren Mann so geliebt hat.
Vor zwei Jahren habe ich meinen dritten Dokumentarfilm gedreht – in Israel. Der Film heißt „Lieber Vater“, handelt von der Suche nach meinem Vater und war so eine Art Psychotherapie für mich. Ich hatte immer viele Probleme mit meinem Vater, meine Eltern haben Prozesse geführt um Unterhaltszahlungen, Besuchsrecht und den ganzen Mist, den man so kennt. Sie haben Unsummen für Prozesse ausgegeben, alles rausgeworfenes Geld. Bis ich den Film gedreht habe, war ich der Meinung, dass ich all die verlorenen Jahre mit meinem Vater, nachdem er meine Mutter und mich verlassen hatte, wieder aufholen könnte und dass alles wieder gut werden würde.
Ich fuhr also mit einem Kameramann und einem Tonmann nach Israel und rief meinen Vater an, den ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Er wollte aber nicht mit mir reden, weil ich damals offiziell noch einen Prozess gegen ihn führte. Den führte zwar eigentlich meine Mutter, aber eben in meinem Namen, ich hatte ihr die Vollmacht dafür gegeben. Während der Dreharbeiten entschied ich, den Prozess zu beenden. Ich teilte es meinem Vater mit, und dann trafen wir uns. Verrückt war, dass ich gleichzeitig erkannt habe, dass mir das alles nicht mehr so wichtig ist, dass ich mein eigenes Leben mit meinen eigenen Problemen lebe und mich nicht mehr von meinen Eltern bestimmen lassen will. Der Film hat mich im tiefsten Innern verändert.
Gerade bin ich auf der Suche nach einem Thema für meinen Abschlussfilm, das mich so sehr begeistert, wie es die Themen meiner vorherigen Filme getan haben. Das fällt mir nicht ganz leicht. Ich bin mir noch nicht sicher, ob es ein Spiel‐ oder ein Dokumentarfilm werden soll. Eigentlich habe ich mehr Lust auf einen Spielfilm. Im Moment lasse ich das Ganze ruhen – irgendwann wird mir das Richtige schon einfallen.

Aufgezeichnet von Vera von Wolffersdorff

Fußball

»Wusste nicht, was Nazi-Gruß ist«

Torwart des Premiere-League-Clubs Crystal Palace entgeht mit einer sehr besonderen Begründung einer Strafe

 16.04.2019

Ferdinand von Schirach

Die zweite Schuld

Der Autor stellt Studie über Raubkunst in seiner Familie vor – und fordert Nazi-Nachkommen zu Transparenz auf

 12.04.2019

USA

Polizeihund darf nicht »Rommel« heißen

Mit den Worten »Willkommen an Bord, Rommel!« hatte das Sheriff-Büro den Neuzugang stolz vorgestellt

 08.04.2019