Shoa

soll die schoa schon in der grundschule ein thema sein?

von Noga Hartmann

Der Holocaust ist ein wichtiges, aber sensibles Thema. Es ist unumgänglich, auch bereits Grundschülern einen behutsamen Einblick in die Geschichte des Holocaust zu geben. Dabei müssen die Kinder natürlich besonders vorsichtig und mit Fingerspitzengefühl an das Thema herangeführt werden. Schon für Erwachsene ist es schwierig, die Dimensionen der Schoa zu begreifen – umso wichtiger ist es, für Kinder den richtigen Zugang zu diesen Geschehnissen zu finden.
In meiner langjährigen Erfahrung als Lehrerin in Israel und Deutschland habe ich festgestellt, dass Kinder langsam an die Ereignisse des Holocaust herangeführt werden müssen. Frühestens ab einem Alter von sieben Jahren sollten Kinder mit dem Thema vertraut gemacht werden. Hierbei muss jedoch darauf geachtet werden, dass die jeweilige Klasse schon die nötige Reife besitzt, um sich mit dem Holocaust auseinanderzusetzen. Von Klasse zu Klasse gibt es da individuelle Unterschiede. Ob die Kinder noch zu jung sind, merkt man schnell. Wenn kein Interesse oder kein Verständnis da ist, wartet man besser noch ein Schuljahr ab.
Ein persönlicher Bezug ist dabei wichtig. In der Grundschule sollte die Vermittlung zunächst anhand von Bilderbüchern und persönlichen Geschichten beginnen. Es bietet sich auch an, Romane für Kinder vorzulesen, etwa Als Hitler das rosa Kaninchen stahl von Judith Kerr, und anschließend mit den Schülern darüber zu reden.
Ab einem Alter von 14 oder 15 Jahren kann man Jugendliche auch mit Zeitzeugen zusammenführen oder Gedenkstätten besuchen, um die historischen Geschehnisse aus einer persönlicheren Perspektive wahrnehmen zu können. Bei Grundschülern ist hier Vorsicht geboten. Es kann schließlich nicht darum gehen, die Kinder mit Bildern und Erzählungen von KZ‐Greueln psychisch zu überfordern. Vor wenigen Monaten haben wir an unserer Grundschule für Viert‐ bis Sechstklässler eine Begegnung mit Sonja Sonnenfeld organisiert. Sie ist eine Jüdin, die die Nazizeit in Berlin überlebt hat. Da ihr Vater Schwede war, hatte auch sie die schwedische Staatsbürgerschaft und wurde daher bis zum Ende des Krieges nicht deportiert. Die heute 97‐Jährige erzählte von dem Alltagsleben und der Angst im Dritten Reich. Das stieß bei den Schülern auf sehr großes Interesse.
Meine Erfahrung ist, dass Kinder das Thema unabhängig von ihrem Alter sehr ernst nehmen. Sehr schwierig ist die Frage, welche Formen der Erinnerung genutzt werden können, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt. Für die persönlichen Erlebnisse dieser Zeit kann es keinen Ersatz geben. Bücher oder Videoaufzeichnungen können den nächsten Generationen nicht das vermitteln, was ein Überlebender zu berichten hat.
Das Thema Holocaust ist ein wichtiger Bestandteil der Erziehungsarbeit und der geschichtlichen Aufklärungsarbeit in Schulen. Dabei geht es auch um Wertevermittlung. Ich erzähle den Schülern auch von den positiven Dingen zu dieser Zeit, wie dem Widerstand und der Hilfe, die es ja auch gab. In den Klassen sprechen wir dann über Zivilcourage und übertragen das auf Situationen in der heutigen Zeit.
Natürlich gibt es Einwände, dass Kinder im Grundschulalter zu jung für dieses Thema seien. Ich glaube das nicht. Wir sprechen die Neugier und das Gerechtigkeitsgefühl der Kinder an. Und außerdem wollen wir doch die Schüler an die Realität heranführen, und die ist oft grausam. Wenn wir alles Schreckliche ausblenden wollen, könnten wir ihnen auch nicht die Bibel zu lesen geben. Außerdem – wo ziehen wir die Grenze? Wenn wir einmal damit anfangen, unangenehme Dinge zu ignorieren, müssten wir alles mögliche ausblenden. Warum gerade den Holocaust?

von Robert Sigel

Wenn im Heimat‐ und Sachunterricht in der vierten Jahrgangsstufe einer Dachauer Grundschule Schülerinnen und Schüler ihre Heimatstadt näher untersuchen und erfahren, so wird der Lehrer selbstverständlich nicht nur das Dachauer Schloss thematisieren. Er wird auch über das ehemalige Konzentrationslager und die heutige Gedenkstätte sprechen und erklären, dass dort Unschuldige inhaftiert, entwürdigt, Hunger ausgesetzt, geschlagen, gefoltert und getötet wurden. Dies sachgerecht und gleichzeitig dem jeweiligen Alter und dem damit verbundenen intellektuellen und psychischen Vermögen angemessen zu tun, bedarf es pädagogischer und didaktischer Kompetenz.
So selbstverständlich solche Unterrichtsinhalte auch in der Grundschule sein können, so sollte dies doch nicht mit Unterricht über den Holocaust verwechselt werden. Unterricht über den Holocaust soll, so eine von inzwischen weit über 20 Staaten akzeptierte Empfehlung, Wissen über diesen beispiellosen Völkermord vermitteln, die Erinnerung an die Opfer bewahren und Lehrer und Schüler dazu ermutigen, moralische und geistige Fragen zu erörtern, die sich aus den Erfahrungen des Holocaust und deren Relevanz für die heutige Welt ergeben.
Zum notwendigen Wissen gehört der Kontext der gesamteuropäischen Geschichte, gehören als Voraussetzungen ferner unbedingt die Themen Jüdisches Leben in Europa vor dem Holocaust und der Antisemitismus. Um zu wissen, was geschah und wie es geschah, muss der Prozess der Entrechtung, Verfolgung, Beraubung, Isolierung, Deportation, Ermordung erläutert werden. Die Euthanasiemorde, die Ghettos, die mobilen Tötungseinheiten, die Vernichtungslager, die Todesmärsche, die Befreiung – all dies muss ebenso beachtet werden wie die Reaktion des Auslands und der jüdische Widerstand. Neben den Opfern sollte auf die Täter eingegangen werden, auf die untätigen Zuschauer, auf die Helfer und Retter. Den Holocaust versteht, wer erkennt, wie eine moderne Gesellschaft ihre technologischen Fähigkeiten und ihre bürokratische Infrastruktur für den Genozid nützte.
Diese keineswegs komplette Aufzählung von Themen macht deutlich, dass, um zu begreifen und zu verstehen, ein Vorwissen, ein Auffassungsvermögen, eine gewisse intellektuelle Reife notwendig sind, die in der Grundschule noch fehlen.
Nur wer mitfühlt, versteht wirklich. Aber die Gräuel und Schrecken des Holocaust sind ungeheuerlich; davon zu lesen, davon Bilder zu sehen, Überlebende davon sprechen zu hören, ist noch heute schwer zu ertragen. Kann solche Monstrosität Kindern im Grundschulalter zugemutet werden? Die Geschichte des Holocaust enthält zahlreiche Dilemmata, die zu begreifen und zu beurteilen ein relativ komplexes Verständnis ethischer und moralischer Fragestellungen voraussetzt, ein solches Verständnis ist Acht‐, Neun‐ Zehnjährigen noch nicht zu eigen.
Nun könnte argumentiert werden, dass der Unterricht über den Holocaust in der Grundschule sich beschränken kann. Das eingangs genannte Beispiel zeigt, dass dies notwendig und möglich ist. Aber sollte deshalb das Thema Holocaust als solches wirklich Eingang in die Grundschulcurricula finden? Weshalb? Ein häufig vernommenes Argument lautet, dass die Verführung der Jugendlichen durch den Rechtsextremismus immer früher beginne und man daher nicht zu lange warten dürfe.
Was jedoch Jugendliche gelegentlich äußern, ist das Gefühl, dieses Thema schon mehrfach im Unterricht behandelt zu haben und eigentlich schon alles zu wissen – ein Gefühl, das trügt, das aber eben dann entsteht, wenn Nationalsozialismus und Holocaust in vielen Jahrgangsstufen, möglicherweise schon in der Grundschule beginnend, immer wieder besprochen werden, ohne jemals wirklich systematisch und umfassend thematisiert worden zu sein.
Was den Rechtsextremismus angeht, so hat er viele Ursachen, und in der Auseinandersetzung damit hat die Schule schon früh ihren Beitrag zu leisten. Moralische Erziehung, Erziehung zur Toleranz, Verständnis und Wertschätzung von Verschiedenheit, Sensibilität für Minderheiten, die Thematisierung von Menschen‐ und Kinderrechten, die Ausein‐ andersetzung mit Vorurteilen und Stereotypen, das sind wesentliche Bestandteile einer schulischen Erziehung, die so früh wie möglich beginnen soll: selbstverständlich in der Grundschule und nicht an Jahrgangsstufen gebunden.
Wer aber der Überzeugung ist, dass die genaue und detaillierte Kenntnis dessen, was, wie und warum es geschah, die unverzichtbare Grundlage ist für eine dauerhafte Empathie, die unverzichtbare Grundlage einer Immunisierung gegen alle Versuche der Leugnung und Minimierung des Holocaust, die unverzichtbare Grundlage für verantwortliches, demokratisches Handeln, der wird dieses Thema dem Geschichtsunterricht zuweisen und einer Alterstufe, in der die Schülerinnen und Schüler über die notwendigen Voraussetzungen verfügen.

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