Simpsons

Simpsons glatt koscher

von Michael Wuliger

Nein, Homer Simpson ist nicht jüdisch. Sein Vater heißt zwar Abraham. Aber in Amerika ist das ein auch unter Gojim verbreiteter Vorname.
Juden gibt es in Springfield dennoch jede Menge. Kaum eine andere Fernsehserie und kein Mainstream‐Film der letzten Zeit hat so viele jüdische Charaktere aufzuweisen wie Die Simpsons.
Der Bekannteste darunter ist natürlich Krusty der Clown. Herschel Pinkus Jeruchan Krustofski, wie der beliebte Entertainer richtig heißt, ist, wie viele jüdische Showstars, eine schillernde Figur. Er hat uneheliche Kinder. Er säuft, raucht und kokst. Seine TV‐Show wurde mehrfach wegen Obszönitäten abgesetzt. Bei der Mafia ist er verschuldet. Die Steuerfahndung hat seine Villa gepfändet. Die Produkte seiner profitablen „Krusty Corporation“ (hergestellt in chinesischer Kinderar‐ beit) sind alles andere als koscher, angefangen bei „Krustys Schweinefleischprodukten“ über „Krustyburger“ aus Gammelfleisch, „Krustygum“, ein Kaugummi mit Spinneneiern, bis zu den „Krusty‐Do‐it‐yourself‐Schwangerschaftstests“, die Defekte bei Neugeborenen verursachen. Doch wenn Krusty sein strahlendes Lächeln aufsetzt und mit seinem traditionellen Begrüßungs-„Heehee, Heehee“ die Bühne betritt, verzeiht ihm sein treues Publikum alles.
Verziehen hat Krusty auch sein Vater. Rabbi Hyman Krustofski ist der geistige Führer der Juden von Springfield. Die sind zwar der Reformrichtung zuzuordnen, wie der Name ihrer Synagoge verrät („Temple Beth Springfield“), akzeptieren aber ihren durch seine Kleidung eindeutig als strenggläubig ausgewiesenen Rebben. Hier funktioniert die Einheitsgemeinde noch!
Rabbi Krustofskis große persönliche Tragödie war lange Zeit, dass Schmoikele, wie er seinen Sohn früher zärtlich nannte, nicht in seine Fußstapfen getreten, sondern Clown geworden ist. In heiligem Zorn hatte der fromme Mann deshalb einst den missratenen Jungen verstoßen. Erst Jahrzehnte später gelingt es Bart und Lisa Simpson mithilfe von Zitaten aus Tora, Talmud und Sammy Davis Juniors Memoiren Vater und Sohn wieder zu versöhnen. Jetzt, im reifen Mannesalter, kann Krusty endlich auch Bar Mizwa werden, was ihm sein Vater zuvor versagt hatte – Begründung: „Wajl du bist ajn Schmock!“ Dem jüdischen Mannbarkeitsritus unterzieht Krusty sich allerdings weniger aus religiösen denn aus PR‐ und Ego‐Gründen – er will endlich einen Stern auf Springfields „Jewish Walk of Fame“.
Nicht alle Israeliten in Springfield leben ihr Judentum so offen und offensiv wie Vater und Sohn Krustofski. Einige gehen mit ihrem jüdischen Erbe weit diskreter um: Kent Brockman beispielsweise, der eitle, viel und dumm schwätzende Nachrichtenmoderator im örtlichen Fernsehen. Er hat sogar seinen Namen geändert, um besser Karriere machen zu können. (In Springfield beherrschen die Juden offenbar die Medien noch nicht.) Ganz verleugnen kann und will Kenny Brocklestein, so Brockmans Geburtsname, seine Herkunft aber doch nicht. Um den Hals trägt er ein Goldkettchen mit Chai. Das sieht man freilich nur, wenn sein Hemd offen ist. Vor der Kamera trägt der TV‐Mann stets Krawatte.
Jude ist, im Internet kursierenden Gerüchten zufolge, auch C. Montgomery Burns, der geldgierige, bösartige Großkapitalist und Atomkraftwerksbetreiber. Angeblich heißt Homers Arbeitgeber in Wirklichkeit Bernstein. Stimmt nicht! Der 104‐Jährige heißt wirklich Burns und ist, wie die meisten US‐Unternehmer, Spross einer protestantischen Familie. Im Zweiten Weltkrieg hat er übrigens für die Nazis Artilleriemunition produziert.
Tatsächlich jüdisch ist dagegen ein anderer erfolgreicher Kapitalist. Artie Ziff, der äußerlich eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit Woody Allen aufweist, hat in der Softwarebranche ein Vermögen gemacht und ist zeitweise der fünftreichste Mann Amerikas. Mit seinen Milliarden im Rücken kehrt er nach Springfield zurück, um eine Scharte aus Jugendzeiten auszuwetzen. In der Highschool waren er und Marge Bouvier ein Paar gewesen, bis die schon damals blauhaarige junge Frau ihn abservierte, nachdem Artie versucht hatte, ihr unter die Bluse zu greifen. Homer Simpson wurde danach der Mann ihres Lebens. Und das bleibt er auch, obwohl Ziff Marge ein Luxusleben an seiner Seite bietet. Eine weise Entscheidung, denn kurz später ist Artie seine Milliarden los, nachdem die Börsenaufsicht ihm groß angelegte Aktienkursmanipulationen nachweisen konnte.
Wie im richtigen Leben gibt es leider auch in Springfield Jugendkriminalität unter jüdischen Teenagern. Zu den berüchtigsten Rowdys der Stadt gehört Dolph. Wenn er nicht gerade mit seinen Kumpanen Jimbo und Stearny im Kwik‐E‐Mart klaut, öffentliches Eigentum zerstört oder jüngere Schüler verprügelt, besucht der Fünfzehnjährige eine Talmud‐Tora‐Schule. Gewissenskonflikte bereitet das dem Jungen offenbar nicht.
Mehr Skrupel zeigt da Duffman, der Werbeträger für Springfields beliebtestes Bier und Homers Hauptnahrungsmittel. Als er bei einem von der Duff‐Brauerei veranstalteten Oktoberfest das „Tausendbierige Reich“ ausrufen soll, hört man das lebende Maskottchen voller Scham murmeln: „Und das tue ich als Jude!“
Von der tragischsten jüdischen Simpsons‐Figur kennen wir nicht einmal den Namen. Mal heißt er, „Der alte Mann“, dann „Der verrückte alte Mann“ oder „Der alte jüdische Mann“. Er lebt im Altersheim von Springfield, wo er mit jiddischem Akzent inkohärent vor sich hinmurmelt, unter anderem, dass er der Produzent der verschollenen Urfassung von Casablanca sei. Mehr erfahren wir auch im Film nicht über ihn. Vielleicht demnächst in einer neuen Fernsehfolge?

Mehr über das jüdische Springfield – talmudische Simpsons‐Exegesen, echte Predigten, wissenschaftliche Aufsätze und vor allem viele, viele Bilder (unter anderem Homer mit Kippa und Bart mit Peijes)) findet man im Internet unter
www.jvibe.com/homer/Welcome.html

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