Mascha Kaléko

Sie schrieb, wie sie war

von Marina Maisel

Im Hubert‐Burda‐Saal im Gemeindezentrum ist kein Platz mehr frei. Mehr als 400 Gäste sind gekommen. Von der Leinwand blickt eine dunkelhaarige Frau in den Saal, „eine Kombination aus Schönheit und Jugend“ beschreibt Ellen Presser, die Leiterin des Kulturzentrums der IKG, das Bild von Mascha Kaléko. „Jüdisches und Poesie gehören zu diesem Leben“, sagt Presser weiter. Und der Veranstalterkreis des Abends bestätigt dies: das Kulturzentrum der IKG, der Deutsche Taschenbuchverlag, das Lyrik Kabinett und die Deutsche Grammophon.
Gisela Zoch‐Westphal, Schauspielerin und Publizistin, ist Nachlassverwalterin des Gesamtwerks von Mascha Kaléko. Ihre Rezitation vermittelt dem Publikum einen ganz persönlichen Zugang zu Kaléko, der durch originale Tondokumente der Dichterin verstärkt wird. Zusammen mit der Stimme Kalékos geht es durch deren Leben entlang der „sechs Stationen“, die sie im späten Gedicht „Das sechste Leben“ benennt. „Das erste war keines – aber das zählt fast doppelt.“
Mascha Kaléko kam am 7. Juni 1907 in Schidlow (heute Polen) als Tochter eines russischen Vaters und einer österreichischen Mutter zur Welt. Nach dem Ersten Weltkrieg floh die Familie aus Galizien nach Deutschland. In Berlin begann ein neues, das zweite Leben. Hier verfasste die junge Dichterin ihre ersten Gedichte in Berliner Mundart. „Leben Nummer drei begann, da hörte Nummer zwei auf“, beschrieb Kaléko lakonisch ihren weiteren Lebenslauf. Ihr erstes Buch Lyrisches Stenogrammheft, das im Januar 1933 erschien, zählte wenige Monate später zur „unerwünschten Literatur“. 1938, im letzten Moment, emigrierte sie mit Mann und Kind in die Vereinigten Staate und ins „Leben Nummer vier“. Erst 18 Jahren später besuchte Kaléko Deutschland wieder. Sie verzichtete auf den Fontanepreis mit der Begründung, ein Jurymitglied sei in der SS gewesen.
Nach Israel ging Kaléko ihrem Mann zuliebe. „Wenn ich Heimweh sage, mein ich viel:/ Was uns lange drückte im Exil“, schrieb sie über die Emigration. Leben Nummer fünf und sechs prägten der Tod des Sohnes und des Mannes. In diesem sechsten Leben kam sie nach Berlin. Auf der Rückreise nach Jerusalem, machte sie Station in Zürich, wo sie 1975 starb.
Im Burda‐Saal ist es still, nur Mascha Kalékos Stimme füllt den Raum: „Erst wenn man tot ist, fängt das Leben an.“

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