Milliardäre

Sicherer Hafen

von Wladimir Struminski

Das Wort »Oligarch« kennt in Israel jeder. Allerdings nicht, weil er in der Schule antike Verfassungslehre gebüffelt hat. Ein israelischer Oligarch ist nämlich nicht einer der »wenigen Herrschenden«, sondern ein Milliardär aus der früheren Sowjetunion, der sich bei der Privatisierung der sowjetischen Wirtschaft mit mehr oder weniger abenteuerlichen Mitteln bereichert hat. Nach Israel kam eine kleine Gruppe der Superreichen – weniger aus zionistischen Motiven denn aus Angst vor Russlands Präsident Wladimir Putin. Dieser sah in ihnen eine Gefahr für sein Machtmonopol.
Klassisch ist der Fall von Leonid Newslin, dem einst mächtigen Miteigentümer des russischen Erdölkonzerns Jukos. Nachdem sich sein Geschäftspartner, Jukos-Chef Michail Chodorkowski, vor fünf Jahren mit dem Kreml überworfen hatte und verhaftet wurde, entschloss sich Newslin zur Alija. In Israel hat er sich einen Namen als Philanthrop gemacht und finanziert eine Reihe von Jugend- und Erziehungsprogrammen. Vor vier Jahren spendete er einen dreistelligen Millionenbetrag an das Tel Aviver Diasporamuseum und wurde als Gegenleistung zum Direktoriumsvorsitzenden der angesehenen Einrichtung gewählt. Die russische Regierung hat Newslins Auslieferung verlangt und wirft ihm nicht nur massive Steuerhinterziehung vor. Vielmehr, so der Kreml, habe Newslin den Mordanschlag auf den russischen Ex-Geheimdienstler Alexander Litwinenko angeordnet. Wahrscheinlich kam der Mordauftrag indes aus der Machtzentrale in Moskau.
Auch Wladimir Gusinski hat schlechte Erfahrungen mit Putin gemacht. Der Ex-Bankier, der zu den engsten Verbündeten von Russlands Staatschef Boris Jelzin gehörte, wagte es in späteren Jahren, den Nachfolger Putin zu kritisieren. Daraufhin wurde er festgenommen und erst auf internationalen Druck freigelassen. Allerdings erst, nachdem er dem Verkauf seiner MOST-Bank zum Spottpreis zugestimmt hatte. Auch Gusinski suchte Zuflucht in Israel. Vor vier Jahren wurde er dennoch aufgrund eines von Russland beantragten internationalen Haftbefehls in Griechenland festgenommen und entging nur knapp der Auslieferung. Wegen des Verdachts auf Geldwäsche wurde gegen Gusinski auch in Israel ermittelt, doch konnte die Polizei keine Beweise finden. Heute ist der Mogul Mitinhaber der Tageszeitung Maariv.
Nur ein kurzes Gastspiel in Israel gab Boris Beresowski, der es unter Jelzin nicht nur zum Milliardär, sondern auch zum Mitglied des russischen Rates für nationale Sicherheit gebracht hatte. 1993 wanderte Beresowski in Israel ein, wo es ihn aber nur ein Jahr hielt. Anschließend trat er zum Christentum über und ließ sich in London nieder. Da ist den Israelis ein anderer russischer Jude aus London lieber: Roman Abramowitsch, mit einem auf 21 Milliarden Dollar geschätzten Vermögen der heute wohl reichste Oligarch. Eingewandert ist Abramowitsch in Israel nicht. Allerdings machte er sich vor Jahresfrist durch die Ernennung des israelischen Fußballnationaltrainers Avram Grant zum Chefcoach des Chelsea Football Club, dessen Besitzer er ist, im jüdischen Staat beliebt. Spätestens seitdem achten die Israelis genau darauf, was Abramowitsch tut, ob er nun eine Prachtimmobilie in Tel Aviv sucht oder einen Airbus 380 als Privatjet kauft.
Der berühmteste aller israelischen Oligarchen ist indessen eigentlich gar keiner: Arkadi Gajdamak. Er verließ die UdSSR bereits vor 36 Jahren und machte sein Geld nicht im postkommunistischen Russland, sondern in Frankreich. Obwohl er seit 1972 die israelische Staatsangehörigkeit besitzt, lebt er erst seit acht Jahren dauerhaft im Lande; sein Hebräisch ist rudimentär, seine Milliarden echt. Haftbefehle sind ihm ebenfalls nicht fremd. Sie wurden in Frankreich wegen des Verdachts auf illegalen Waffenhandel erlassen. Auch einen Fußballklub nennt er sein eigen: den Tabellenführer der israelischen Superliga, Beitar Jerusalem. Der große Unterschied zu den später emigrierten Kollegen: Der extravagante Gajdamak mischt nicht in der russischen, sondern in der israelischen Politik mit. Mit seiner »Partei für soziale Gerechtigkeit« hofft er sogar, den Einzug in die Knesset zu schaffen. Für die anderen Oligarchen lautet die interessantere Frage, ob der neue russische Präsident Dimitri Medwedew ihnen den Ungehorsam gegenüber Putin verzeiht. Dann nämlich stünde ihnen der Rückweg an die Moskwa und die Newa zumindest theoretisch offen.

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