Fair-Trade-Laden

Shoppen mit gutem Gewissen

von Ralf Balke

Preis und Qualität sind weltweit die Kriterien, nach denen sich Verbraucher orientieren. Doch neuerdings gesellt sich auch der Begriff »Fairness« hinzu. Immer mehr Konsumenten wollen wissen, woher die Waren in den Regalen der Händler stammen, unter welchen Arbeitsbedingungen sie produziert wurden und wie es mit der Umweltverträglichkeit aussieht – auch in Israel. Nicht nur Bio‐Märkte sprießen deshalb überall im Lande wie Pilze aus dem Boden. Jetzt eröffnet in Tel Aviv sogar der erste Laden, in dem ausschließlich Produkte verkauft werden, die das Label »fair« wirklich verdienen.
»In Europa gibt es bereits Tausende von Fair‐Trade‐Geschäften, in Israel bis dato nicht mal ein einziges«, erklärt Shula Ke‐shet, die Gründerin. Diese Lücke wollte sie mit ihrem Laden, der im Juni auf der Schlomo‐HaMelech‐Straße in Tel Aviv eröffnet wird, schließen. »Doch unser Verständnis von fairem Handel ist ein anderes als im Ausland«, berichtet sie. »Wir konzentrieren uns auf die lokale Bevölkerung.« Keshet geht es nicht darum, organisch angebauten Kaffee aus Guatemala zu verkaufen, der nicht von Kindern gepflückt wurde, die für einen Hungerlohn und unter fragwürdigen Bedingungen schuften müssen. Denn sie ist zugleich Vorsitzende der Organisation »Ahoti«, zu Deutsch: meine Schwester. Seit 1999 hat sich Ahoti die Verbesserung der Lebenssituation sefardischer Frauen in Israel zur Aufgabe gemacht. Nach dem Motto »Hilfe zur Selbsthilfe« werden diese dazu motiviert, handwerkliche Produkte wie Stickereien, Schmuck, Töpferwaren oder Kosmetika herzustellen, die nun in dem neuen Geschäft einen direkten Weg zum Kunden finden sollen. »Natürlich zu Preisen, die jeder bezahlen kann«, sagt Keshet. »Unsere Produkte kosten zwischen 20 und 600 Schekel.« Also bereits für etwas weniger als vier Euro kann man eine Kleinigkeit zu naschen oder etwas Dekoratives erwerben und gleichzeitig etwas Gutes tun.
Aber nicht nur sefardischen Israelinnen wird durch das Fair‐Trade‐Konzept ge‐holfen, wirtschaftlich auf eigenen Füßen zu stehen. Auch Äthiopierinnen, Palästinenserinnen oder Frauen aus Beduinenfamilien können mit der Hilfe von Ahoti ihre in Heimarbeit hergestellten Waren di‐ rekt an den Mann beziehungsweise die Frau bringen. Dabei ist das Konzept in Israel eigentlich kein Novum. Bereits 2006 wurde Olive Branch Enterprises ins Leben gerufen, ebenfalls ein Projekt, das primär wirtschaftlich benachteiligte palästinensische und israelische Frauen unterstützen soll. Als Mitglied der World Fair Trade Organisation vertreibt die kleine Kooperative nach eigenen Angaben Fair‐Trade‐Judaica, Olivenöl, Honig und Naturpflegeprodukte. Und mit »Green Action« gibt es eine weitere Non‐Profit‐Organisation, die beispielsweise mit den Farmern aus drei Dörfern nahe Nablus und in Zusammenarbeit mit der Palestinian Fair Trade Associaton ähnliche Produkte in Israel vertreibt.
Auch in der israelischen Gastronomie ist der Begriff »Fair Trade« kein Fremdwort mehr. Im Café Loveeat auf der Barzilay‐Straße in Tel Aviv legt man Wert auf biologisch korrekten Kaffee, dessen Verkauf den Menschen in den Anbaugebieten direkt zugute kommt. Das Konzept fand so viel Zuspruch bei den Israelis, dass ein zweiter Loveeat‐Laden jüngst auf dem Dizengoff‐Boulevard aufmachte.
Laut einer Untersuchung des US‐Marktforschungsunternehmens Iri legen immer mehr Verbraucher Wert auf die Nachhaltigkeitskriterien, die auch für fair gehandelte Produkte gelten. Es sind vor allem ältere Kunden in der Altersgruppe ab 55 Jahren, die bereit sind, dafür einen höheren Preis zu zahlen als für konventionelle Waren. Zum einen, weil sie das nötige Kleingeld dafür haben, zum anderen auch die Zeit, solche Angebote ausfindig zu machen.
Problematisch auf einem so kleinen Markt wie Israel sind aber die immer gleichen Produkte, die als fair gehandelte Waren zur Verfügung stehen. So viel Olivenöl oder Kerzen können politisch‐korrekt gestimmte Israelis eigentlich gar nicht konsumieren. Ahoti ist deshalb schon einen Schritt weiter und hat auch Dienstleistungen im Angebot: In sogenannten Micro‐Business‐Projekten bieten sefardische Frauen Kochkurse an. Dort können auch aschkenasische Israelis nachhaltiges Kochen lernen und die eingekauften Fair‐Trade‐Produkte direkt genusssteigernd verwerten.

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