Modeboutique

Selbst sind die Frauen

von Sabine Brandes

Chamutal Gat ist schon den ganzen Morgen am Telefon, wird von einem zum an‐
deren verbunden, hängt in der Leitung und erreicht … „nichts“, ruft sie, verdreht die Augen und schaut doch belustigt. Eine große Warenlieferung aus den USA ist unauffindbar. „Beim Zoll verschollen.“ Die Stimmung wolle sie sich dadurch nicht ver‐
derben lassen, die Sachen werden wieder auftauchen, gibt sie sich zuversichtlich und schmunzelt. „Ohne gute Laune geht nichts“, meint sie und drückt die Tasten erneut.
Gat und Yael Tal sind Psychotherapeutinnen, Mediatorinnen bei Scheidungen und Familienstreitigkeiten, Ehefrauen, Mütter und seit ein paar Wochen Besitzerinnen einer Modeboutique im Norden Tel Avivs. Ob man das Attribut „stolz“ davor setzen kann, wissen sie nicht genau. „Darüber haben wir noch gar nicht nachdenken können.“ Die Zeit ist knapp, die Terminkalender sind voll. Neben ihrer regu‐
lären Mediationsarbeit stehen plötzlich Gespräche mit Lieferanten, Zollbehörden, Preisverhandlungen, Bestellungen und dreimal jährlich Flüge zu den Modeschauen in New York und Paris auf dem Programm. Während Gat eher zuständig für die Organisation ist, bringe Tal das nötige „Gespür für Stil“ mit. Die Vielfalt der Arbeit aber kam für beide überraschend. „An das meiste hätten wir vorher nicht im Traum gedacht“, gibt Gat zu, „doch wir wachsen mit den Aufgaben und können über vieles lachen“.
„Vorher“, das ist einige Monate her, als sich die beiden plötzlich entschlossen, eine Boutique aufzumachen. Einfach so. Gat erläutert den Anstoß: „Wir haben in Israel keine Kleider für uns gefunden, es gibt kaum Legeres im europäischen Stil für Frauen ab 50.“ Also sei der Grund gewesen, Kleidung für sich selbst zu haben? Tal und Gat lächeln verschmitzt und nicken heftig. Genau so sei es gewesen. „Ist doch toll, jetzt können wir bei uns selbst kaufen.“ Als das Vorhaben beschlossen war, machten sie sich – gänzlich ohne Erfahrung im Modegeschäft – auf nach New York, um einen Freund um ein Darlehen zu bitten. Angesteckt von ihrem Enthu‐
siasmus, sagte er zu und lieh das Geld.
Anschließend ging es daran, passende Modelinien zu finden. Zweimal kam ihnen der Zufall zu Hilfe: Über entfernte Bekannte wurde nach einem Schabbat‐Gottesdienst die US‐Designerin Eileen Fisher aufgetan, hundertprozentig ihr Geschmack. Zum ersten Treffen mit einer Pariser Firma warf sich Yael Tal in ihr schickstes Kostüm und band ihrem Mann eine Krawatte um. „Und dann standen wir jungen Leuten in Jeans und T‐Shirt gegenüber, die einen starken Akzent hatten. Es waren Israelis.“ Die Chemie stimmte, und so wurde das Label in die Regale aufgenommen.
In der kleinen, schattigen Straße Ibschitz, wenige Schritte von der Rechov Basel mit ihren angesagten Restaurants und Cafés entfernt, steht an der Hausnummer 10 in lateinischen Buchstaben: „Boudoir“, darunter auf Hebräisch: „Cheder schel naschim“, Salon für Damen. Die Außenwände sind in frischem Weiß getüncht, im Innern ist der Laden elegant und gemütlich zugleich, die Holzregale reichen bis unter die vier Meter hohe Decke. Wer eng, glitzernd oder knallig sucht, ist falsch im Boudoir. Auf den Kleiderbügeln dominieren locker geschnittene Kleider, Pullover, Hosen und Röcke in gedeckten Farben, viel Weiß, Grau und Braun ist zu sehen. Die Materialien sind Natur pur, Baumwolle, Leinen oder Seide. Für eine Bluse muss man ab 45 Euro einkalkulieren, ein Abendkleid kann bis zu 500 Euro kosten. Nach der Eröffnung kurz vor Pessach wäre ihnen der Laden förmlich gestürmt worden, erzählen die neuen Modefachfrauen. Mittlerweile sei der Kunden‐
fluss ruhiger, aber stetig.
Während die Verkäuferin Marga zwei Kundinnen berät, läuft im Hintergrund sanfte klassische Musik. Sie bringt einer Dame Kleid um Kleid zum Probieren in die Kabine und schlägt der anderen vor, im Rattansessel zu verweilen. „Wir wollten eine Atmosphäre schaffen, in der die Frauen sich eingeladen und wohlfühlen“, so Tal. Für sie ist Kleiderkauf Vertrauenssache. Oft jedoch wähnte sie sich in Geschäften fehl am Platz. „Zwar ist es nie ausgesprochen worden, doch meine Antennen sendeten mir, die Verkäufer hätten lieber meine Tochter beraten, jung und spindeldürr.“ Die Suche nach eleganter, sportlicher Mode wurde zum Spießrutenlaufen. „Irgendwann habe ich nur noch Strassapplikationen oder bunte Aufdrucke gesehen und bin fast verzweifelt.“
Sie haben keine Zahlen, keine fundierte Recherche, nur „so ein Gefühl“. Doch ihrer Meinung nach sei die israelische Mode entweder für junge, extrem schlanke Leute konzipiert, für füllige, alte Damen, oder es handele sich um Designerkleidung, die erst ab 1.000 Dollar zu haben ist. An der Kritik ist etwas dran: Außergewöhnlich viele Läden und große Ketten bieten vor allem sehr figurbetonte Kleidung für Leute zwischen 20 und 35, oft in kräftigen Farben mit Mustern oder Applikationen. Selbst konservativere Geschäfte haben nicht immer Tragbares für Frauen um die 50 im Sortiment.
„Wir sind nicht dick und zeigen uns gern“, macht Tal klar, „aber ‚Sexbomb‘ quer über die Brust geschrieben, wollen wir einfach nicht anziehen“. Mit ihrem Alter haben weder sie noch Gat ein Problem. „Ich werde in diesem Sommer 50“, sagt Letztere, und ihre Partnerin verkündet, sie sei 62. Beide Frauen strafen diese Zahlen Lügen, doch was auch immer in ihrem Ausweis stehen mag, sie sprühen vor Élan und Tatendrang. Die kurze Mittagspause nutzen sie, um schnell mit einem Cafébesitzer an der Baselstraße Rabatt für ihre Kundinnen auszuhandeln. Schon nach zwei Minuten hält er ihnen die Hand zum Einschlagen hin. Der Charme im Doppelpack kommt gut an.

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