Makkabi

Sechs Treffer plus Eigentor

von Lisa Borgemeister

Gerappelt voll ist es auf der Sportanlage der SG Bornheim am 1.-Mai-Feiertag. Dicht an dicht drängen sich die Zuschauer am Zaun, um sich einen guten Blick auf den Rasen zu sichern. „Kein Platz für Rassismus“ steht auf dem Blechschild neben der Kabinentür. Dieser Hinweis scheint aber – zumindest für dieses Spiel – überflüssig. Freundschaftlich geht es zu auf der Sportanlage der SG Bornheim, eine fast familiäre Atmosphäre prägt den Zuschauerblock. Viele Familien haben ihre kleinen Kinder mitgebracht, die friedlich am Rande des Platzes spielen und ihre Würstchen verspeisen. Es gibt Musik, Kuchen und Getränke. Dazu ein Wetter, wie es sonniger nicht sein könnte.
Als der Stadionsprecher sein Mikrofon knarzen lässt, steigt die Spannung schlagartig. Alle starren gebannt aufs Spielfeld. Es ist das Pokalfinale der C‐Jugend, zu dem die rund 400 Zuschauer angereist sind. TuS Makkabi spielt gegen den SV 07 Heddernheim. Heddernheim ist in den vergangenen vier Jahren dreimal Meister geworden und stand schon einmal im Endspiel – das kann die Mannschaft des TuS Makkabi nicht von sich behaupten. Dennoch, der Optimismus unter den Spielern ist groß. Selbstbewusst stürmen die 14 und 15 Jahre alten Jungs den Platz, nehmen Aufstellung. Dann endlich: der Anpfiff. Doch außer einem Eigentor von Makkabi in der zweiten Spielminute passiert zunächst nicht viel. Die erste Halbzeit plätschert dahin.
„Wir waren alle hypernervös“, sagt Sandro Huberman später. Zusammen mit Roman Zurek und David Pomer trainiert er die Mannschaft. Seit fünf Jahren übernimmt der 25‐Jährige diese Aufgabe, seit drei Jahren ist er der Jugendleiter des Vereins. Jetzt steht er am Rand des Rasens, versucht seine Nervosität zu bändigen und gibt Kommandos. „Lauf schon!“, zum Beispiel, oder „Spiel den laaang!“ Doch Tore fallen keine.
Anders in der zweiten Halbzeit – jetzt geht es Schlag auf Schlag. Makkabi erzielt den Ausgleich, vor Freude werfen sich die Spieler übereinander und jubeln. Zwei Minuten später geht die gegnerische Mannschaft wieder in Führung, wiederum zwei Minuten später steht es 2:2. Das Publikum tobt vor Begeisterung. Fahnen werden geschwenkt, die Zuschauer sorgen mit Trommeln, Tröten und Anfeuerungsrufen für eine echte Stadionstimmung. „Das sind mit Abstand die beiden besten Mannschaften in der Liga“, berichtet ein Zuschauer. Und so ein Pokalfinale sei für den Nachwuchs natürlich etwas ganz Besonderes. „Nie zuvor hatten die Jungs so viele Zuschauer. Außerdem sind bestimmt auch Trainer von anderen Mannschaften hier, die nach Nachwuchs Ausschau halten.“
Als Heddernheim in der Nachspielzeit – wenige Sekunden vor Abpfiff – das 3:2 landet, scheint der Pokaltraum für die Makkabi‐Jungs vorbei zu sein. Die Fans der Gastmannschaft beginnen schon zu feiern, doch dann geschieht das Unglaubliche: Jonathan, der in der zweiten Spielminute das Eigentor zu verantworten hatte, trifft zum Ausgleich. Es geht in die Verlängerung und schließlich ins Elferstechen.
Am Ende stürmen die Makkabi‐Spieler jubelnd mit einem 6:4-Sieg vom Platz. Sie haben sich den Pokal hart erkämpft. Und können ihr Glück immer noch nicht fassen. Jonathan ist überzeugt: „So etwas erlebt man nur einmal im Leben.“ Seit vier Jahren spielt der 15 Jahre alte Schüler bei Makkabi. Zwar sei er fest davon überzeugt gewesen, mit seiner Mannschaft den Pokal zu holen. Dass es dann aber tatsächlich geklappt hat, beeindruckt ihn zutiefst. Was zeichnet die Mannschaft aus? „Die Jungs lassen sich nicht kleinkriegen, sie geben einfach nicht auf“, schwärmt Trainer Sandro Huberman. Selbst als Heddernheim in der Nachspielzeit den vermeintlichen Siegtreffer erzielt habe, sei von Resignation keine Spur gewesen. Und auch Alex, der den entscheidenden Elfmeter geschossen hat, bestätigt: „Das Team ist eine fabelhafte Gemeinschaft. Wir verstehen uns alle gut, und jeder kämpft für jeden.“
Der Turn‐ und Sportverein Makkabi Frankfurt gründete sich im Jahr 1965 und ist Teil einer bundesweiten Vereinsstruktur. Ursprünglich wurde Makkabi Deutschland 1903 von deutsch‐jüdischen Sportvereinen als ihr Dachverband ins Leben gerufen. Der Begriff „Makkabi“ leitet sich vom Namen eines Helden der jüdischen Geschichte, Yehuda Maccabi, ab. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden der Verband und seine Mitgliedsvereine aus dem deutschen Sport ausgeschlossen. Zunächst konnten sie noch untereinander wetteifern, dann jedoch wurde der jüdischen Bevölkerung jeglicher Sport verboten. In den 50er‐Jahren gründeten sich die ersten lokalen Makkabi‐Vereine wieder. Frankfurt gehört heute zu den größten Makkabi‐Vereinen in Deutschland. Nicht alle der rund 950 Mitglieder sind jüdisch – in der C‐Jugend‐Mannschaft ist es jeder zweite Spieler.

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