Sänger

Sechs Städte, sechs Chöre

von Ingrid Hilgers

Der Veranstaltungsraum der Jüdischen Gemeinde Hannover ist überfüllt. Dicht an dicht drängen sich die Menschen. Die Zuhörer, die keinen Sitzplatz gefunden haben, stehen auf dem Flur oder lehnen an der Wand. Sie lauschen den sechs Synagogalchören aus Norddeutschland.
Die Jüdische Gemeinde in Hannover hatte am vergangenen Sonntag erstmals das überregionale Chorfestival für die Gemeinden organisiert. Unter der Leitung von Kantor André Sitnow trafen sich Sänger aus Schwerin, Delmenhorst, Bremen, Oldenburg, Osnabrück und Hannover. Finanziert wurde das Treffen vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen.
Es sind überwiegend Migranten, die im Gemeindesaal ihr Können präsentieren. Sie sprechen miteinander, tuscheln miteinander und lauschen der Musik. Der Auftritt der Chöre ist für sie mehr als nur ein musikalischer Genuss, die Musik bringt ihnen vor allem die jüdische Religion ein näher und ist darüber hinaus eine willkommene Abwechslung im Alltag. Musik ist Leben, ist der gefühlte Bezug zum jüdischen Glauben.
So empfindet es auch Inga Tomsone, die in Bremen seit vielen Jahren Mitglied im Chor ist. »Die Musik und die Lieder sind für mich der emotionale Schlüssel zum Judentum«, bekennt die 42-Jährige. Inga Tomsone stammt aus Lettland und hatte dort nur sehr wenige Möglichkeiten, das Judentum zu leben. »Dort war so gut wie alles verboten, und erst in Deutschland habe ich die Chance erhalten, Lieder und Gebete auf Hebräisch zu lernen.« Heute ist es ihr wichtig, den jüdischen Glauben zu leben und Gebete aus der Tora singen zu dürfen. Für Inga Tomsone ist das Chorfestival das Highlight des Jahres. Mit den anderen Chormitgliedern hat sie in unzähligen Proben auf den gemeinsamen Auftritt hingearbeitet.
So wie Petra Spute, die erst vor einem halben Jahr dem Chor beigetreten ist. Die 44-Jährige ist durch Zufall auf den Synagogalchor in Bremen aufmerksam geworden und ist nun so begeistert, dass sie die Treffen nicht mehr missen möchte. »Die Chormitglieder singen mit so viel Enthusiasmus und Freude, dass man ihn mit einem herkömmlichen Chor nicht vergleichen kann«, sagt die Musikbegeisterte. Petra Spute liebt die israelischen Tänze und hat sich schnell in die hebräischen und jiddischen Lieder eingesungen. Wie alle Bremer Sänger trägt sie festliche dunkle Kleidung und einen farbigen Schal.
Auf der Bühne präsentieren sich die Chöre feierlich im Halbkreis und singen voller Hingabe auf Hebräisch, Jiddisch und Russisch anrührende Volkslieder sowie Teile aus der Liturgie. Darunter so bekannte und fröhliche Lieder wie »Bei mir bist du schön«, »Dankeschön« oder »Diva«. An einigen Stellen der rund dreistündigen Präsentation klatscht das Publikum mit, wiegt sich im Rhythmus der Musik oder lauscht ergriffen den melancholischen Melodien.
Die Chormitglieder lassen sich beim Singen keine Nervosität anmerken. Wie Profis konzentrieren sie sich auf ihren Auftritt, auf die Wirkung ihrer Stimmen. Sie singen mal leise, beinahe flüsternd und dann wieder leidenschaftlich anschwellend. Die Lieder zeugen von den Erfahrungen dieser Menschen. Sie sind Spiegelungen der seelischen Regungen und Gefühle des jüdischen Volkes. Mal schwermütig, voll romantischer Sehnsucht und Verzweiflung, mal lebensbejahend, frohlockend, energiegeladen bis hin zur Ekstase.
Es ist genau diese Mischung, die Wincent Balin aus Oldenburg, der im Nebenfach Musik studiert und mit 27 Jahren zu den jüngeren Mitgliedern zählt, bei den Liedern so sehr fasziniert. Der Chor, der von Kantor Isidoro Abramowicz geleitet wird, zählt mit seinen 14 Mitgliedern eher zu den kleineren Ensembles. Wincent Balin schätzt bei den Auftritten die breite Palette von liturgischen Gesängen aus der Renaissance bis hin zu modernen Arrangements. Besonders gerne singt er das Hohelied Salomos, »Hastav Avar«. »Es geht um die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau, die so stark ist wie der Tod«, erläutet der Oldenburger. Die Intensität der Gefühle beeindrucke ihn zutiefst. Für ihn verkörpert die Musik einen wichtigen Teil der jüdischen Kultur.
Für die Gäste ist es nicht einfach, konzentriert drei Stunden den Präsentationen der Chöre zu lauschen. Dennoch gelingt es den Akteuren, ihre Dar- bietungen über die weite Strecke kurzweilig zu gestalten. Besonders viel Applaus vom Publikum erhält die Gruppe »Theater des jüdischen Liedes« von der jüdischen Gemeinde Delmenhorst. Sie präsentiert ihre Aufführung als Musical. Mit ihren fröhlichen Tänzen und ihren Geigen aus Kunststoff sorgen sie für viel Heiterkeit.
Zum Schluss gibt es für alle Akteure lang anhaltenden Beifall. Das Festival hat die rund 300 Gästen so begeistert, dass sie auch André Sitnow für seine Organisation stehend applaudieren. Mehrfach wird er gebeten, das Chortreffen im nächsten Jahr zu wiederholen.

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