Lizzie Doron

»Schweigen belastet mich«

Frau Doron, am 5. Mai erhalten Sie den Jeanette‐Schocken‐Preis 2007 der Stadt Bremerhaven. Was bedeutet Ihnen diese Ehrung und die Anerkennung Ihrer Literatur in Deutschland?
doron: Ich konnte es zuerst gar nicht fassen. Wissen Sie, ich gehörte immer zu denen, die nie irgendeine Auszeichnung erhielten. In der Schule nicht und nicht mal bei Spielen, die an Kindergeburtstagen veranstaltet wurden. Als ich Anfang Januar die Stimme am anderen Ende der Telefonleitung hörte und erfuhr, dass der Anrufer der Juryvorsitzende war, da habe ich mich für den Bruchteil einer Sekunde in einem Gerichtssaal stehen sehen. Ich versuchte, meine Unschuld zu beweisen. Plötzlich dann ein Strom der Erleichterung, und mit ihm kam die Freude darüber, dass die Bürgerschaft der Stadt Bremerhaven diesen Preis stiftet und die Jury meine Arbeit wertschätzt. Eine solche Anerkennung bewirkt, dass man sich am richtigen Platz fühlt. Erst seitdem ich vor acht Jahren zu schreiben begonnen habe, mache ich diese Erfahrung.

Ihr erstes Buch entstand, weil Ihre Tochter in der Schule die eigene familiäre Herkunft reflektieren sollte. Sie haben zurückgeblickt und damit einen Rat der Mutter, die Auschwitz überlebte, nicht länger befolgt. Ihre Mutter wollte, dass Sie Ihr Leben ganz auf die Zukunft ausrichten. Wie sehr hat die spätere Veröffentlichung Ihr Leben verändert?
doron: Mein ganzes Leben hat sich seit der Veröffentlichung grundlegend verändert. Interviews zu geben, an Fernsehdiskussionen teilzunehmen, zu ertragen, dass meine Worte in die Öffentlichkeit dringen und man an ihnen gemessen wird – das ist eine große Herausforderung gewesen, und es bleibt eine. Ich stehe für die »Zweite Generation«, und wenn ich im Ausland bin, dann passiert es, dass man in mir eine Repräsentantin des Staates Israel sieht. Leser zu treffen, sich in Deutschland zu bewegen, all das muss man lernen.

Haben Sie sich mit dem Porträt Ihrer Mutter, die ihr Leben in Israel als eine unabreißbare Kette von Abschieden empfand, von Ihrer Kindheit verabschiedet?
doron: Nein, von meiner Kindheit möchte ich mich nicht verabschieden. Für Schriftsteller ist es ein Geschenk, wenn einem die kindliche Weise, das Leben zu betrachten, nicht abhanden kommt, wenn man nichts als selbstverständlich hinnehmen kann. Es geht um den fremden Blick auf die vertraute Welt. Meine Mutter war gezwungen, ihre Kindheit abrupt hinter sich zu lassen. Da gab es kein Herauswachsen aus der Kindheit, keinen Abschiedsprozess. Sie musste diese tragische Trennung von ihrer Kindheit und Herkunft aushalten. Mit meinem ersten Buch »Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen?« habe ich in gewisser Weise Abschied genommen, aber das ist etwas unvergleichlich anderes. Ich bemühe mich, die Essenz meiner kindlichen Erfahrungen in die Gegenwart zu retten.

Welches sind die grundlegenden Erfahrungen?
doron: Situationen, in denen Stille und Schweigen herrscht, belasten mich. Sie lösen eine Angst aus, die ich zu beherrschen versuche, aber klar ist, dass ich es vorziehe, mich in einer eher »lauten« Umgebung aufzuhalten. Schweigen erinnert mich immer an ein Geheimnis, hinter das ich nie kommen werde. Für mich ist das Schweigen das Hauptmerkmal, an dem die »Zweite Generation« leidet.

Die Figuren Ihrer Romane halten den Toten die Treue. Es sind prinzipienfeste, kämpferische Charaktere darunter und solche, die sich versteckt im Abseits der Gegenwart einrichten. In Ihrem bald auf Deutsch erscheinenden Roman »Der Anfang von etwas Schönem« ist Israel nicht länger der einzige Schauplatz. War es für Sie ein wichtiger Schritt, den Handlungsraum auszudehnen?
doron: Ja, in meinem neuen Buch erweitere ich meine literarische Welt. Ich schreibe über Freunde, die in derselben Gegend aufgewachsen sind. Ihr Denken schwingt im Gleichklang, sie haben die gleichen Vorlieben und Abneigungen. Als sie älter werden, driften ihre Vorstellungen vom Leben auseinander. Sie tun sich schwer damit, einander ihre Einsichten und Überzeugungen zu vermitteln. Ich habe mit diesem Roman keinen »Schritt« vollzogen. Das Buch fügt sich vielmehr ein in einen Prozess. Die angespannte Wirklichkeit, unsere lauernde Gegenwart hat mich gezwungen, den Raum auszudehnen. Ich habe das weniger aus innerem Antrieb getan. Was ich beobachte, treibt mich dazu. Meine eigenen Freunde wohnen nicht länger an einem Ort, in einem Land. Sie leben verstreut. Ich habe, anders als in den vorherigen Büchern, die Handlung stärker fiktionalisiert und literarische Techniken benutzt, um die Geschichte kohärent zu gestalten.

Fühlen Sie von Zeit zu Zeit den Drang, Israel zu verlassen, um mit mehr Distanz auf die gesellschaftlichen Verhältnisse dort zu schauen?
doron: Auch wenn ich im Ausland bin, gelingt es mir nicht, Abstand zu gewinnen oder mich einmal nur um mich zu kümmern. Mein Selbst ist unauflösbar verknüpft mit dem Leben in Israel, und das ist nun mal von außerordentlichen Schwierigkeiten geprägt, von permanenten moralischen Fragen, die wir uns und anderen stellen. Dass wir überhaupt ein Heimatland haben, dass viele Dinge dort geglückt sind, ist eine Tatsache, über die ich nur froh sein kann. Meine Beziehung zu Israel ähnelt ein wenig der Eltern‐Kind‐Beziehung. Es ist einfach unmöglich, diese Beziehung zu verlassen, und immer bleiben wir befangen in unserer subjektiven Sicht, in unseren subjektiven Urteilen.

Ihr zweites Buch »Haita po pa’am« haben Sie geschrieben, weil die Eltern von sieben ehemaligen, im Jom‐Kippur‐Krieg gefallenen Mitschülern Sie baten, die Erinnerung das Leben der jungen Männer wachzurufen. In den vergangenen Wochen sind in Israel der Holocaust‐Gedenktag und der Gedenktag für die Gefallenen des Krieges begangen worden. Waren Sie aus diesem Anlass als Autorin gefordert?
doron: Ja. Ich wurde von Freunden und Angehörigen der Toten gebeten, deren Geschichte zu erzählen. Die Gefallenen waren Kinder von Überlebenden. Sie hatten Angst, dass man die Söhne vergessen würde. Sie wollten auch, dass man erfährt, dass ihr Leben nicht aufhört, tragisch überschattet zu sein. Dieses Buch ist für mich ein ganz besonderes, denn ich war mit den Toten befreundet. Wir waren gleichaltrig. Es ist die Geschichte meiner Generation. Mit jedem Jahr, das vorübergeht, wird es zunehmend schwieriger für mich, mit dem Verlust junger, lebendiger Menschen klarzukommen. Es ist auch bewegend zu wissen, dass die Geschichte meiner damaligen Freunde nun eine bekannte ist. Schüler, Studenten und Soldaten fragen bei Lesungen immer nach Einzelheiten aus dem Leben der Familien. Sie wollen erfahren, ob diese den Tod verwunden haben und wie das Leben für sie danach weiterging.

Wie hat sich das Land nach dem Zweiten Libanonkrieg verändert?
doron: Die Situation davor war schon sehr schwierig. Wir leben in einer Stagnation. Der Zweite Libanonkrieg hat bewiesen, wie tief wir in der Krise stecken. Danach wurde den meisten klar, dass wir nicht nur ein Problem mit den Palästinensern haben. Auch die Kompetenz unserer eigenen Politiker steht in Zweifel. Die Frage nach der Begrenzung von Machtbefugnissen der Behörden ist eine drängende. Das war wie ein Weckruf mitten in der Nacht, die wir müde, deprimiert und mit wenig Kraft für den nächsten Tag erlebt haben. Ich denke nicht, dass der Krieg das Land verändert hat, aber wir sind noch pessimistischer geworden, was die Sicherung unseres Lebens als Juden in Israel angeht und das Finden einer schnellen Lösung, die uns und der Region ein besseres Leben bringt.

Das Gespräch führte Sigrid Brinkmann.

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