Ronit Vered

Schulschluß

von Christine Schmitt

»Ich bin ein kritischer Mensch«, sagt Ronit Vered über sich selbst. Alles läuft optimal? Die 58jährige findet bestimmt noch etwas, das verbessert werden kann, meint sie schmunzelnd. Sie sei zugleich eine Frau, die sich nicht scheut, ihre Meinung zu sagen. »Ehrlichkeit finde ich sehr wichtig. Aber ich bin auch mir selbst gegenüber kritisch«, sagt die scheidende Direktorin der Heinz‐Galinski‐Grundschule. Mit beiden Beinen stehe sie auf dem Boden, habe aber durchaus auch Visionen.
Die hat sie wahrscheinlich dringend gebraucht, als sie vor elf Jahren im Herbst eine Baustelle als Schulgebäude vorfand. »Freitags standen auf meinem Stundenplan immer Besprechungen mit dem Bauleiter, denn es war gerade mal die Hälfte fertig.« Nach neun Jahren an der Bleibtreustraße bekam die Jüdische Grundschule 1995 ein neues Domizil an der Waldschulallee. Sie erhielt den Namen des früheren Gemeindevorsitzenden Heinz Galinski.
Nun ist ihr Büro leergeräumt, und die letzten Abschiedsworte sind gesagt. Die Rektorin verläßt Berlin, um nach Israel zurückzugehen. Viele werden sie vermissen. »Ich kann mir die Schule ohne Ronit Vered eigentlich gar nicht vorstellen«, sagt Michal Gelerman, Elternvertreterin an der Heinz‐Galinski‐Schule. »Sie war immer gerecht. Wenn es unter den Schülern Streit gab, hörte sie sich in Ruhe beide Seiten an. Für ihre Schüler war sie immer ansprechbar«, so Gelerman. Als Kind hätte sie sich so eine Direktorin gewünscht.
»Ich bin immer gerne zur Arbeit in die Heinz‐Galinski‐Schule gegangen«, sagt Vered. Die letzten Tage seien ihr jedoch schwergefallen, denn die Schule war ja doch zu einem zweiten Zuhause geworden, von dem sie sich nun verabschiedet. »Mit allen Kollegen gab es eine sehr gute und effektive Zusammenarbeit. Es war und ist ein tolles Team.« In letzter Zeit habe ihr allerdings die Unterstützung der Gemeinde gefehlt. Und die Eltern seien mittlerweile sehr besorgt, wie es mit der Schule weitergehe. Denn ihre Nachfolge sei noch nicht geklärt. Etwas verärgert ist sie auch darüber, daß in den vergangenen Monaten vom Gemeindevorstand immer wieder berichtet worden ist, daß die Schülerzahlen zurückgegangen seien. »Was hat man denn erwartet, als in der Jüdischen Oberschule die fünfte und sechste Klasse eingeführt wurden und als Chabad Lubawitsch eine Grundschule eröffnet hat?« Das Angebot für jüdische Schüler werde größer, doch deren Zahl wachse dadurch ja nicht gleichzeitig. Deshalb sorgt sie sich etwas um das Image der Schule, die nach wie vor ein hervorragendes Bildungsangebot mache, betont Ronit Vered.
Aber das alles läßt sie nun erst einmal hinter sich. Noch vor den Hohen Feiertagen will sie nach Tel Aviv fliegen. Ihre Schwestern, ihre drei Töchter, Enkelkindern, Freunde und Bekannte erwarten sie bereits. Zunächst möchte Ronit Vered nur für ihre Familie da sein und das Haus mit Garten genießen, das nur wenige Meter von dem Haus ihrer Eltern entfernt ist. Vielleicht wird sie nebenbei noch als Dozentin stundenweise arbeiten.
In Israel, in einem kleinen Ort bei Netanja, ist sie aufgewachsen. Ihre Eltern stammen aus Berlin – ihre Großmutter ist auf dem Friedhof Weißensee begraben – und sind 1933 nach Palästina ausgewandert. Dort gründeten sie mit sieben Berliner Familien ein Dorf. »Alle waren Akademiker«, sagt Vered. Ihr Vater hatte bald genug von der landwirtschaftlichen Arbeit und machte eine Apotheke auf, während ihre Mutter Kinder, Haushalt, Gemüsegarten und Hühner versorgte. Da ihre Eltern deutsche Zeitungen lasen, Nachrichten aus ihrer Heimat verfolgten und auch mit ihren Kindern Deutsch sprachen, sei sie mit der Sprache und Kultur des Geburtslandes ihrer Eltern aufgewachsen. Später begleitete sie sie auf Reisen nach Europa, auch nach Berlin.
Nach der Schule studierte Ronit Vered jüdische Literatur und Bibelwissenschaften und begann gleichzeitig, als Grundschullehrerin Kinder zu unterrichten. Mit einer Freundin hatte sie schon als kleines Mädchen immer Schule gespielt. »Wir saßen bei ihr im Hof, standen vor leeren Stühlen und jeder hatte – in der Fantasie – Schüler um sich geschart und Unterricht abgehalten«, sagt Vered. Als sie zum ersten Mal richtige Erstkläßler vor sich sitzen sah, war sie gerade mal 20 Jahre alt. »Inzwischen habe ich 38 Jahre lang hinterm Lehrerpult gestanden«, resümiert sie.
Als ihr vor mehr als elf Jahren von der Jüdischen Gemeinde die Stelle angeboten wurde, hatte sie bereits an zwei anderen Schulen als Direktorin Erfahrungen gesammelt. Damals dachte sie, sie würde für zwei, höchstens drei Jahre nach Berlin gehen. Ihr Mann und ihre jüngste Tochter kamen mit nach Berlin. »Ich fand die Schule, ihre Atmosphäre und das jüdische Konzept einfach toll.« Auch das kulturelle Angebot Berlins begeisterte sie. Die drei Opern, Ballettaufführungen, die vielen Theater, Jazzkonzerte und ganz besonders die unzähligen Restaurants. »Wir haben viele durchprobiert«, gesteht sie.
Eines macht sie nun aber auch froh: Endlich darf sie morgens wieder länger schlafen. »Ich bin eine Nachteule und finde erst spät ins Bett.« Abends sei sie immer am kreativsten. Dennoch: Die Schule wird ihr auf jeden Fall fehlen. Aber wenn Ronit Vered Sehnsucht verspürt, dann will sie sich das Fotoalbum anschauen, das sie geschenkt bekommen hat, und sich auf der Homepage über alle Neuigkeiten informieren. »Und wenn ich um Hilfe gebeten werden sollte, komme ich auch mal wieder vorbei.«

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